Offenbachs „Die Banditen“ als bissiges Sommertheater zur Wiedervereinigung in Leipzig


(nmz) -
Jacques Offenbachs „Die Banditen“ sind ein weitaus robusterer Brocken als das von der Leipziger Insel-Bühne bereits im Sommer 2015 am gleichen Schauplatz vom „Pariser Leben“ zum „Klein-Pariser Leben“ auffrisierte ‚Operettchen‘. Das kleine Ensemble hat sich Parodien, Stückentwicklungen und Komödien verschrieben. Zum 200. Offenbach-Geburtstag steht aber nur zum Schein der ‚Mozart der Champs Elysées‘ im Vordergrund, selbst wenn die Insel-Bühne für die sich bei Offenbach rar machenden großen Leipziger Musiktheater in die Bresche springt. Der Wahnsinn hat Dekonstruktionsmethode: Das Ensemble beschränkt sich auf Personalzahlen, mit denen Offenbach seine ersten Jahre als Theaterunternehmer bestritt. Geht das heute noch oder wieder? An der Moritzbastei schon, denn ein ‚typisches‘ Operettenpublikum gibt es dort nicht. Der Bericht von Roland H. Dippel.
09.07.2019 - Von Roland H. Dippel

An der Moritzbastei bleibt man gerne auf dem großen Spielfeld zwischen der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und dem Leipziger Gewandhaus am Augustusplatz, also im Nirgendwo zwischen angesagtem Theater und musikbegeisterter Messestadt. Die Akustik ist nicht sonderlich gut auf der Open-Air-Fläche und deshalb hält man den quakenden Ton der beiden Keyboards auf der Bühne für eine lässliche Sparmaßnahme. Weit gefehlt: Sparmaßnahme schon, aber eine im Stück wegen Subventionsmangels erworbene. Die ungenannten Mitarbeiter vom „SK Sachensucher“ staffieren Offenbachs „Banditen“, die laut Meilhacs und Halévys Originallibretto in einem märchenhaften Herzogtum Mantua recht flotten Lobbyismus betreiben, aus wie Räuber in einem abgehalfterten Weihnachtsmärchen. Spätestens, wenn der alte PIetro als Hosenrolle und in Damenbesetzung mit geschminkten Gesichtsfurchen auftritt, ahnt man Schlimmes. Und es kommt noch schlimmer. Dabei tanzen die insgesamt sechs Darsteller gar nicht so schlecht und sind im Dialog weitaus besser als im Gesang. Also gute Voraussetzungen für eine Sommeroperette, die keine sein will.

Denn die sich im Stück redlich schlagende Mitteldeutsche Operettenbühne will Jacques Offenbach huldigen, aber die Geldgeber haben anderes vor. Zudem taugen Offenbachs „Les Brigands“ nur schwerlich als Aufhänger für eine Hommage an Clara Schumann. Umso besser für einen Zeitsprung nach vorne ins Jahr 1989, selbst wenn man von der Darstellung eigener Erfahrungen der Ensemblemitglieder schnell abrückt. Denn diese waren beim Fall der Mauer noch viel zu klein für prägende Erlebnisse, entweder nicht da oder vergesslich. Das Bühnenbild mit Schlagbaum und Hinweisschild zum Gasthaus an der Grenze schaut aus, als gäbe es beim Kabarett Leipziger Funzel ein Problemstück. Und die Erinnerung an die Hits der Wendejahre stirbt zuletzt: Da mischen sich auf einmal Zitate von Die Prinzen, Falco und The Spider Murphy Gang in die spärlicher rieselnden Offenbach-Melodien, bis am Ende in der Reprise der berühmten Strophen von den trappenden Stiefeln eine Stimme nach der anderen wegbröselt, die Melodie wort- und silbenlos im Nichts verebbt. Der Förderzuschuss ist da, aber vom vorgesehenen Inhalt der Operette kaum noch etwas übrig. Der Unterschied zwischen der originalen Opéra-bouffe aus dem Jahr 1869 und deren Bearbeitung für Leipzig 2019: „Les Brigands“ verputzte die Absurditäten des Zweiten Kaiserreichs mit Charme, Ironie und Komödiantik, die Insel-Bühne aber verschlingt Offenbach und man fragt sich, ob unter derartigen Fördermaßnahmen die Arbeit an der Kunst nicht den Spaß an ihr bei weitem überbietet. Den Darstellern reicht Offenbach nicht und deshalb zelebriert Carolin Masur mit Lissa Meybohm auch noch das Blumenduett aus „Lakmé“. Benjamin Mahns-Mardy, für jedes Seefahrer-Epos mit Piratenflagge eine Idealbesetzung, tritt in Konkurrenz zu Dieter Thomas Hecks ZDF-Schlagerhitparade.

Mit messerscharfem Geist

Armin Zarbock spielt einen Regisseur „Herbert Fritzschen“, dem am Ende der Sparzwänge zwingende Ideen fehlen. Seine „Du“-„Sie“-Wortgefechte mit der in der Rolle des alten Pietro aufgehenden Sekretärin Sabine SCHU(h)MANN waren, sofern man nicht in farbenfroher Pracht der späten Achtziger oder einer vorsätzlichen Provinzklamotte gespielt hätte, die Höhepunkte und lassen Erinnerungen an Loriot-Sketche aufkommen. Das Publikum, der Insel-Bühne in jahrelanger Anhänglichkeit zugetan, freut sich und jubelt.

Mit gutem Grund: Diese Bearbeitung rettet nicht den Offenbachschen Gehalt und zieht dafür dessen Aufführungsmethoden in die Gegenwart. Mit messerscharfem Geist, aber der unfrohen Botschaft, dass die Förderer Geistreichtum nur in kleinen Dosierungen ertragen wollen und „Die Banditen“ in der Stoßrichtung zur Gegenwart schroffer werden. Zu einer gleichwertigen Alternative für die musikalisch souveräne und mit Erkenntnissen zum stilistisch adäquaten Bühnengesang in Paris vor dem Deutsch-Französischen Krieg schafft es „Die Mauer muss weg“ allerdings nicht. Weil alle Darsteller zwischen mehreren Partien springen, verflüchtigt sich auch die Kenntnis des Inhalts. Zwischen Seitenhieben auf die von vielen Theatern bereits überwundenen Operetten-Schablonen des letzten Jahrhunderts und einem als Parodie getarnten, aber beißenden Rückblick auf die sich im Windwechsel blähenden Wetterfahnen der Wendejahre hat dieser Offenbachabend kaum echte Leichtigkeit. Ausnahmen sind die Duette von Mahns-Mardy und Meybohm, mit denen sich der Abend in eine diesem Sommertheater gemäße Flockigkeit aufschwingt. Donnernder Premierenapplaus bringt ins Bewusstsein, wie lange sich bestimmte Rezeptionsmuster halten: Man rückt dem themenbezogenen Förderunfug zuleibe mit der noch älteren Regie-Methodik aus der Übergangsperiode der später DDR und den um 1989 entstandenen Farcen über Theater auf dem Theater. „Die Banditen“ also als Retro-Wiedervereinigungskabarett: Auch eine Möglichkeit.  

DIE BANDITEN ODER DIE MAUER MUSS WEG. EIN OFFENBNACHABEND. MB-Sommertheater mit der INSELbühne Leipzig. Termine: 08. / 09. / 13. / 14. / 16. /  17. / 18. / 19. / 20./ 23. / 25. / 26. / 27. / 28. Juli (immer 20.00 Uhr) – Premiere: 7. Juli 2019 (= besuchte Vorstellung)

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