Oper in Dresden, das ist mehr als Semperoper und Sempers Opern


(nmz) -
Vor 350 Jahren wurde das erste Opernhaus in Dresden eröffnet. An Semper war damals noch lang nicht zu denken. Die heutige Semperoper feiert denn auch keine Jubiläumsspielzeit, richtete nun aber immerhin ein Kolloquium zum Thema aus.
27.02.2017 - Von Michael Ernst

Wer Dresden hört und an Oper denkt, hat sofort diesen Namen im Kopf: Semperoper. Sie ist Aushängeschild der Stadt, Inbegriff des Musiktheaters. Das war aber nicht immer so, in der reichen Musikgeschichte der einstigen Residenzstadt hat es Opernhäuser schon vor den Semper-Opern gegeben. Semper-Opern? Richtig, selbst die existierten im Plural.

Das erste Opernhaus ist vor genau 350 Jahren eröffnet worden, da war an den Architekten Gottfried Semper noch lange nicht zu denken. Doch Einflüsse aus Italien, dem Mutterland der Oper, wehten bereits bis Sachsen. Denn spätestens seit Claudio Monteverdi, also seit mehr als vier Jahrhunderten, lieben Menschen die Gattung Oper. Weil sie hier wie nirgendwo sonst die Kraft der Musik, die Schönheit des Gesangs und die lebendige Darstellung großer Gefühle als berührendes Gesamtkunstwerk erleben können.

Nach ersten Aufführungen im Dresdner Schloss ist am 27. Januar 1667 das Kurfürstliche Opernhaus am Taschenberg eröffnet worden, das bereits 2.000 Plätze bot und nach seinem Baumeister Wolf Caspar von Klengel auch als „Klengelsches Opernhaus“ bezeichnet worden ist. Zur Eröffnung gab es mit „Il Teseo“ von Giovanni Andrea Moniglia, einem Florentiner Komponisten, bereits Italianità. Die erste Semperoper, damals noch Hoftheater geheißen, entstand 1841, also erst knapp 200 Jahre später. Bis dahin sind nicht weniger als neun Vorgängerbauten nachgewiesen, die sich freilich an unterschiedlichen Orten befunden haben. Dresden hat damit schon frühzeitig eine besondere Rolle in Europas Musiktheaterlandschaft gespielt, ist die Sängerin und Musikwissenschaftlerin Romy Petrick überzeugt: „Dresden ist einfach ein Ort, an dem Musikgeschichte lebendig wurde, an dem sie passiert ist. Wir können vielleicht noch Venedig und Wien nennen, die ein so geballtes Potential hatten wie Dresden.“

So atemraubend Oper ist, kann es auch Operngeschichte sein, wie nun ein Kolloquium „350 Jahre Oper in Dresden“ verdeutlichte. Romy Petrick absolvierte in weniger als einer Stunde einen atemraubenden Streifzug durch ein Vierteljahrtausend Dresdner Operngeschichte. Anschaulich und lebhaft konfrontierte sie in freier Rede mit sämtlichen Vorgängerbauten der heutigen Semperoper, referierte über Zusammenhänge von Macht und Musiktheater, machte Vorlieben des sächsischen Adels für italienische, französische sowie auch für weibliche Einflüsse deutlich (Johann Georg III. entführte1685 die Primadonna Margarita Salicola aus Venedig nach Dresden – was eine neue Gesangskultur sowie ein gemeinsames Kind zur Folge hatte).

Gerahmt wurde ihr Vortrag durch eine Hinführung zum Genre Oper, die der Musikwissenschaftler Matthias Herrmann unternahm. Er führte die früheste Form des Musiktheaters auf ein Florentiner Missverständnis zurück und hob Claudio Monteverdis „Orfeo“ als meisterlichen Grundstein dieser Gattung hervor. Vom Venedig des Jahres 1607 und den italienischen Einflüssen auf Heinrich Schütz wurde so eine Brücke geschlagen zum Musiktheater von heute, das als gesellschaftliches Ereignis mit wachsendem Repertoire und auf hohem künstlerischen Niveau etabliert ist.

Dieses Erblühen der Oper, das Errichten neuer Spielstätten, deren Öffnung für die breitere Bevölkerung, zudem die Aufbruchstimmung nach der Reichsgründung 1871, als in Dresden der Grundstein für die zweite Semperoper gelegt wurde (die erste war abgebrannt), und nicht zuletzt die gut 40jährige Ära des Dirigenten Ernst von Schuch – all dies dürfe unbedingt als Ausdruck einer bekennenden Kunst- und Kulturstadt gesehen werden, wurde konstatiert. Was zwangsläufig die Frage aufwarf, wie sich ein solches Kulturvolk in der Nazi-Zeit dermaßen selbst verraten konnte.

Diesem besonderen Aspekt widmete sich der umtriebige Autor, Dramaturg, Regisseur und Kurator Hannes Heer, der seit einigen Jahren mit dem Ausstellungsprojekt „Verstummte Stimmen“ für Aufmerksamkeit sorgt und zuvor wichtige Aufklärungsarbeit mit „Verbrechen der Wehrmacht“ betrieb. Er verdeutlichte, wie furchtbar „fruchtbar“ Dresdner Boden schon lange vor 1933 für Nationalismus und Antisemitismus gewesen ist. In der Stadt gab es bereits 1882 den ersten Antijüdischen Kongress, hier wurde 1930 eine Theaterfachgruppe der NSDAP gegründet – und am 7. März 1933 ist Generalmusikdirektor Fritz Busch durch Nazi-Mob vom Pult vertrieben worden. Heer beschrieb, wie diese Art „Machtergreifung“ aus dem Inneren des Theaters heraus funktionierte. Busch verließ seine Heimat tief resigniert, gründete das Glyndebourne Festival und wirkte anschließend in Südamerika sowie als Künstlerischer Leiter an der Met in New York. Erst in seinem Sterbejahr 1951 kam er wieder nach Deutschland. Zuvor hatte er, von Buenos Aires aus, seine Gründe dafür formuliert, warum er den Nationalsozialismus ablehnte. Dabei soll ihn der schlimmste deutsche Massenverführer einst als „arischsten Deutschen“ bezeichnet haben.

Den Bogen ins Heute schlugen Christine Mielitz und Peter Gülke mit sehr persönlichen Rückblicken auf ihre Dresdner Zeiten, wobei der Dirigent die Besonderheiten der Sächsischen Staatskapelle betonte und die Regisseurin darauf hinwies, dass Erinnerungen von Künstlerpersönlichkeiten stets der Poesie der Zeit unterworfen seien. Sie hatte im „Wendejahr“ 1989 Beethovens „Fidelio“ in Dresden inszeniert, was damals ganz metaphorisch als aktuelle Befreiungsoper verstanden worden ist. „Das habe ich aus tiefer Überzeugung gemacht“, resümierte sie jetzt.

Dass Dresdens Patriotismus auch positive Seiten haben kann, bewies der große Besucherandrang zu diesem Kolloquium. In kaum einer Stadt, so Peter Gülke, identifizierten sich die Menschen so sehr mit ihrer Oper und dem dazugehörigen Orchester.

Daneben sei an der Semperoper mit dem Ballett allerdings noch ein weiterer „Schatz“ beheimatet, erwähnte die Tanzkritikerin Dorion Weickmann in ihrem Beitrag. Seit 1825 seien Tanztraditionen in Dresden nachweisbar, und stets waren sie von großer Internationalität, von Migration, Flucht und Exil geprägt. Wie kreativ und bereichernd solch ein Transfer sein kann, ist gewiss nicht nur im Hinblick auf Dresdens Vergangenheit bemerkenswert.

Romy Petrick, die schon längst nicht mehr nur bei Opernliebhaber einen guten Ruf besitzt, sondern sich auch mit ihrer Promotion zum Thema „Das bürgerliche Musik- und Theaterleben Dresdens im 18. Jahrhundert“ einen Namen gemacht hat, umriss im Gespräch die Sonderheit Dresdens: „Jeder, der Rang und Namen hatte, war in dieser Stadt. Diese Oper hat immer Musiker und auch Literaten angezogen, sie hat Dresden zu der Kulturstadt gemacht, die sie auch heute noch ist.“

„Diese Oper“, seit 1841 ist sie mit dem Namen Sempers verbunden. Sein erstes Hoftheater ist 1869 abgebrannt, wurde keine drei Monate später durch ein „Bretterbude“ genanntes Interim aus Holz ersetzt. 1878 stand das zweite Hoftheater, das am 13. Februar 1945 zerstört wurde und auf den Tag genau vierzig Jahre später wiederhergestellt war. Die heutige Oper gilt daher als dritter Semperbau, ein Haus mit berechtigtem Weltruhm.

Umso erstaunlicher, dass angesichts des Jubiläums „350 Jahre Oper in Dresden“ kein künstlerisches Feuerwerk gezündet und selbst im Spielplan nicht mal ein kleiner Hinweis darauf vorkommt. Fast scheint es, als hätte man dieses einmalige Datum verschlafen. Immerhin gab es dieses Kolloquium, dessen Inhalte schon bald in einer Neuausgabe der „Dresdner Hefte“ nachzulesen sein werden.

www.semperoper.de

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