Operetten-Tristan mit Happy-End – Die Bayerische Staatsoper mit Lehárs „Schön ist die Welt“


(nmz) -
Auch das Unterhaltungstheater kann „Opium fürs Volk“ sein. Exzellentes Beispiel: Zwei junge Adelige sollen standesgemäß verheiratet werden; beide haben eigene Vorstellungen von Liebe und Ehe – und verlieben sich inkognito doch ineinander. All das umjubelt am 3. Dezember 1930 im Berliner Metropol-Theater: ein Jahr nach Beginn der Weltwirtschaftskrise, während die Nazi-Schläger dabei sind, die Republik kaputt zu prügeln. Unser Kritiker Wolf-Dieter Peter prüfte, ob das von Franz Lehár gemischte Rauschgift „Schön ist die Welt“ heute noch wirkt.
19.01.2021 - Von Wolf-Dieter Peter

Die Staatsoper bot nur eine kleine Portion „Lehár-Rausch“. Für die Reihe „Montagsstücke“ hat Regisseur Tobias Ribitzki zusammen mit Max Hopp eine halbszenische Kurzfassung von 90 Minuten erstellt: Ein König will endlich seinen Sohn Georg gut verheiratet wissen; Herzogin Maria will endlich ihre Nichte Elisabeth unter die bestmögliche Haube bringen; in der Tiroler Nobelherberge „Hôtel des Alpes“ soll die Verbindung arrangiert werden; doch Georg durchstreift lieber Wald und Gebirge; Elisabeth ist ganz emanzipierte junge Frau, die im Cabrio durch die Gegend braust; auf einem Waldweg bleibt sie stecken; ein junger Mann im Jäger-Outfit hilft ihr und – Moderationstext: „… hinterlässt einen tieferen Eindruck als der Reifen ihres Wagens auf dem Waldweg“; Elisabeth traut sich daraufhin auf eine Bergwanderung mit diesem „Jäger Georg Müller“; beide sind, losgelöst von gesellschaftlichen Zwängen, auf einem Hochplateau zunächst von der traumhaften Natur überwältigt, erleben ihren seelischen Gleichklang – und verlieben sich ineinander. Das Entsetzen im Hotel über die „Mesalliance“ verflüchtigt sich, als sich ihre wahre Identität herausstellt – „Schön ist die Welt“…

Das wirkt 1930 inhaltlich neben der „Dreigroschenoper“ wie abgestandene Limonade – wäre da nicht Lehárs Musik. Schon die Uraufführungsstars Richard Tauber und Gitta Alpár nahmen einige Nummern sofort auf Schellackplatten auf – und bis in die 1960er Jahre waren das wie ein Leitmotiv eingesetzte „Schön ist die Welt“, dann „Liebste, glaub‘ an mich“, „Jung und frei“ oder „In der kleinen Bar“ umjubelte Sonntagskonzert-Hits. Doch die Partitur enthält viel mehr: Lehár hat für großes Orchester komponiert; neben den damaligen Novitäten Tango, Slowfox oder Rumba in der Hotel-Welt weitet er parallel zur Bergwelt auch die Gefühle klanglich cinemaskopisch und findet dann wieder zu Innigkeit und Intimität zurück. Zeitgenossen sprachen von „Lehárs Tristan mit Happy-end“.

Selbst in der gekürzten Fassung ließ Friedrich Haider mit dem auf leerer Bühne und Distanz sitzenden Staatsorchester viel davon aufleuchten und beeindruckend wirken. Schauspieler Max Hopp ist sicher ein Multi-Talent mit akzeptablem Bariton; damit meisterte er die Rollen von Monokel tragendem König-Vater, um Diskretion bemühtem Hoteldirektor und Dialog-imitierendem Erzähler sehr gut. Den ganzen Moderationstext von „flirtiger Verlegenheit“ über ein gestörtes Radio-Imitat bis zu „entflammiriert“ hat er auch geschrieben, nur misslang ihm, im Fauteuil vorne sitzend, die Mischung aus Loriot und Max Raabe. Dafür sang Sebastian Kohlhepp den Georg tenoral hinreißend differenziert, Julia Kleitner die Elisabeth ein paar Mal bemüht, dafür Eliza Boom ihre Tante klangschön.

Über das von Regisseur Ribitzki pfiffig aus einem Eimer gezauberte „Unwetter“ hinaus – Sturm mit zwei Fächern, dazu Papierschnee-Gestöber, Kinder-Rucksack - blieb ein anderes Bild „hängen“: zur hymnisch besungenen Bergwelt schwenkte die Kamera durch das abgedunkelte Rund des leeren Nationaltheaters mit blau schimmernden Rängen – eine theatrale Ahnung von verklärter Natur, der die Bühne schmerzlich fehlt … Lehárs Opium halt, mal schniefig, mal anrührend schön.

 

Montagsstück X: Schön ist die Welt: Sebastian Kohlhepp (Kronprinz Georg), Max Hopp (Conférencier), Julia Kleiter (Prinzessin Elisabeth). Foto: © Wilfried Hösl.

Das könnte Sie auch interessieren: