„Optimistisch bin ich von Natur aus“ – Joachim Lange im Gespräch mit Peter Theiler


(nmz) -
Seit August letzten Jahres ist Peter Theiler Intendant der Semperoper in Dresden. Mit einer Reihe von Neuinszenierungen von „Moses und Aron“ bis „Ariadne auf Naxos“ hat er schon in seiner ersten Spielzeit Zeichen gesetzt. Mit Peter Konwitschnys Inszenierung der „Hugenotten“ wird er sie krönen.
05.04.2019 - Von Joachim Lange

In der nächsten Spielzeit wecken u.a. Calixto Bieito mit Ligetis „Le Grand Macabre“ und die „Meistersinger“ – Inszenierung von Jens-Daniel Herzog mit  Christian Thielemann (das diesjährige Schmankerl der Salzburger Osterfestspiele) am Pult besondere Erwartungen. Thielemann wird auch dirigieren, wenn im Mai 2020 in Vera Nemirovas „Don Carlo“, samt Orchester Prolog von Manfred Trojahn, Anna Netrebko als Elisabeth auf der Bühne stehen wird. In Dresden sprach Joachim Lange mit Peter Theiler. 

Joachim Lange: Herr Theiler, sind Sie in Dresden angekommen?

Peter Theiler: Wir sind fast schon Dresdner, meine Frau und ich! Es ist wunderbar hier. Heute Morgen hatte ich den schönsten Arbeitsweg, den man sich denken kann. Vorbei am vereisten Zwingerteich und dem französische Pavillon, in Sichtweite die Oper, der Hausmannsturm des Dresdner Schlosses, der Turm der Hofkirche… – solch eine Silhouette im morgendlichen Gegenlicht ist das wie eine Inszenierung. Eigentlich ist ganz Dresden wie eine Inszenierung! Und man lebt hier sehr gut, die Menschen sind sympathisch. Ja, wir fühlen uns wohl.

Ich bin jetzt ein halbes Jahr hier. Aber ich hatte natürlich Zeit, seit der Nominierung peu a peu in dieser Stadt anzukommen. Am Anfang war ich sporadisch, dann immer öfter hier. Es bestand noch meine Verpflichtung in Nürnberg, und dort wollte ich meine Intendanz und die damit verbundenen Aufgaben noch zu Ende bringen.

Und drei Jahre braucht es schon an Vorbereitung auf die Intendanz gemessen an dem Stellenwert des Betriebes und der damit verbundenen Verantwortung. Wir haben seit 1 ½ Jahren unsere Wohnung hier und sind zwischen beiden Städten gependelt. Aber nun sind wir angekommen. Wenn man erstmal in einer Stadt richtig wohnt, dann partizipiert man auch ganz anders an dem sozialen Leben. Das geht über die Oper und die Kulturarbeit weit hinaus, es ergeben sich Kontakte zu den Menschen vor Ort und man beginnt sich zu vernetzten, ein Gefühl für die Atmosphäre der Stadt und ihre Menschen zu entwickeln.

Wie ist es mit dem politischen Klima in Dresden, das ja stark durch die PEGIDA-Bilder bestimmt ist?

Das ist von außen betrachtet viel präsenter als in der Binnenwahrnehmung. Es ist schade, wenn Dresden auf diese sehr markanten Details reduziert wird. Hier vor Ort bekommt man von den Menschen in der direkten Kommunikation einen ganz anderen Eindruck. Natürlich beunruhigt es mich, wenn ich erfahre, dass der Anteil von potenziellen Wählerinnen und Wählern rechter Parteien so hoch ist. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass 25 Prozent der Sachsen zu extremistischen Ansichten tendieren. Etwas anderes ist es, wenn es um ein Gefühl der mangelnden Wertschätzung geht. Ich glaube, dass es hier eine besondere Befindlichkeit gibt, was das Wahr- und Ernstgenommen anbelangt. Dies ist in den letzten Jahrzehnten allgemein zu kurz gekommen. Dieses vermeintliche Gefühl der Bevormundung hat in den letzten 30 Jahren zu etwas geführt, was sich jetzt auf verschiedenen Ebenen niederschlägt.

Sie beziehen das auch auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihres Hauses? 

Ja, natürlich – auch hier im Haus ist das ein wichtiges Thema. Es gab Ende 2018 eine vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst in Auftrag gegebene Mitarbeiterbefragung aller Kunstschaffenden zum Thema „Wertschätzung“, die dies bestätigt. Und mit dieser Frage muss ich mich als Intendant beschäftigen. In dieser Form kannte ich das vorher nicht, und ich mache mir darüber Gedanken, wie wir gemeinsam damit umgehen.  

Man muss sich nur die personelle Besetzung der Spitzenpositionen im Osten ansehen …

Dafür gibt es viele Beispiele, nicht nur in den Kulturbetrieben. Ob die Besetzung von Rektoren- und Professorenstellen in den Universitäten oder die Geschäftsführung von wichtigen Firmen, die hier ansässig sind. Schauen Sie sich die Zusammensetzung der Vorstände und Aufsichtsräte an. Da sind nur ganz wenige Positionen mit Verantwortungsträgern aus den neuen Bundesländern besetzt. Das hat auch damit zu tun, dass es zum Erbe der Staatswirtschaft gehört, dass sich mittelständisches Unternehmertum, wie ich es zum Beispiel in Franken kennengelernt habe, noch nicht so stark herausgebildet hat. Das braucht seine Zeit. Und genau dieses Sich-übergangen-fühlen führt zu den Auseinandersetzungen, die uns beschäftigen. Das Potenzial hier in Dresden oszilliert zwischen Konservativismus, Ängsten um Bestand und einer nach rechts tendierenden politischen Einstellung. Das Letztere ist übrigens ebenso gefährlich wie eine unklare Abgrenzung zum Extremismus am linken Rand des politischen Spektrums.

Sind sie als Schweizer da im Vorteil?

Es ist sicherlich schon eine andere Grundvoraussetzung, wenn jemand aus einem anderen Land kommend Intendant wird, und nicht schon wieder ein „Wessi“. Ich habe mich als Ausländer mit der Entwicklung seit der Wende beschäftigt. Es gab den großen Aufbruch, eine Dankbarkeit für Konsum- und Reisemöglichkeiten. Doch dann gab es auch solche Geschichten wie die der Treuhand und die vielen Dinge, die da schief gelaufen sind. Dazu kommt, dass den sozialen und infrastrukturellen Bereichen, unter anderem bei der Polizei und bei den Lehrkräften, massiv gespart wurde. Die Menschen bewegt in erster Linie immer das Sicherheitsgefühl und welche Chancen sie ihren Kindern bieten können. Dagegen gibt es wenig Arbeitslosigkeit – zumindest in Sachsen bzw. den Großräumen Leipzig und Dresden. Kurzum, die Situation hier ist zu einem großen Teil ein Wahrnehmungsproblem. Natürlich gibt es eine historische Prägung. Man darf sie nur nicht ausschließlich auf eine Vergangenheit ohne Demokratie verkürzen. Wirklich erstaunlich ist die Ausländerfeindlichkeit hier. Die gibt es aber leider auch anderswo, auch in der Schweiz. Es ist die immer bestehende menschliche Furcht vor dem Unbekannten.

„Erklärung der Vielen“

Wie positioniert sich die Institution Oper dazu?

Sich zu positionieren ist ein Muss, aber wir tun es nicht parteipolitisch. Wir sind eine Kulturinstitution und bringen unsere ideelle, humanistische Position vor allem mit dem zum Ausdruck, was wir auf der Bühne zeigen. Damit vertreten wir universelle Werte und  appellieren an Menschlichkeit und Toleranz. Deshalb hat auch die Semperoper Dresden zusammen mit anderen Kulturinstitutionen die „Erklärung der Vielen“ unterzeichnet, als ein Bekenntnis zu Toleranz und zum verständnisvollen Umgang miteinander. Dazu gehört neben unserem Engagement in den vielen Dresdner Aktivitäten für Toleranz und Diskurs unser Videoauftritt im Internet mit dem deutlichen Appell einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ein weltoffenes Dresden. Um von unserer Seite gemeinsam als Sächsische Staatstheater den direkten Dialog zu suchen, habe ich bereits Kontakt zu den kulturpolitischen Sprechern der Fraktionen aufgenommen. Auch zu denen, die nicht in der Regierung vertreten sind. Denn gerade ich als Schweizer bin es gewohnt, mich mit allen demokratischen Entscheidungen und Entscheidern objektiv auseinanderzusetzen. Auch diese Haltung habe ich aus der Schweiz mitgebracht, wo die dortige SVP seit Jahren bei mindestens 25 Prozent der Wählerstimmen liegt. Ausgrenzen und Verteufeln ist keine demokratische Lösung.  

Gab es schon Attacken von rechter Seite?

Bei der „Erklärung der Vielen“ gab es Zuschriften, die sich sehr scharf gegen die Unterzeichnung meinerseits ausgesprochen haben. Ich habe darauf erwidert, dass es sich eben nicht um eine parteipolitische Erklärung handelt, dass wir uns auf die Werte des Grundgesetzes berufen und gegen alles positionieren, was den demokratischen Grundwerten widerspricht. Ich persönlich habe kein Problem, mich mit wertekonservativ eingestellten Menschen in den Diskurs zu begeben. Aber mit extremer Polarisierung müssen wir uns sehr gewissenhaft auseinandersetzen, Fragen stellen und abgrenzen. Wir sehen, wie sorglos mit den Erfahrungen der Vergangenheit umgegangen wird und hören wieder dieses Vokabular, das der Sprache des Dritten Reiches ähnelt. Diese rhetorische Übergriffigkeit ist ja von den Agitatoren nicht unüberlegt verwendet, sondern ein Austesten, wie weit man gehen kann, um die Hemmschwelle in der öffentlichen Wahrnehmung zu senken.

Wie ist das Verhältnis der politischen Entscheidungsträger zur Oper?

Wir werden schon als kultureller Leuchtturm für Sachsen und nicht nur als touristisches Aushängeschild für Dresden angesehen. Und als Staatsbetrieb werden wir entsprechend von allen Steuerzahlern getragen. Wir müssen natürlich genau schauen, wie wir mit den Mitteln umgehen. Aber es gibt aktuell einen deutlichen Aufwuchs in der öffentlichen Finanzierung. Das reicht nicht ganz aus, wenn man davon ausgeht, dass ein höherer Tarifabschluss bevorsteht. Der trifft uns – denn wir haben ja keinen Haustarif! Die 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Oper und Werkstätten schlagen auch schon bei 1 oder 2 Prozent Tarifsteigerung nur bei den Personalkosten enorm zu Buche. Wenn das nicht abgebildet wird, dann bleibt uns nur die Kunst als flexible Masse! An dieser Stelle muss ich ausdrücklich sagen, dass die zuständige Ministerin Dr. Eva-Maria Stange eine fantastische Kämpferin für die Belange der Kultur ist. Nicht nur, wenn es um die sogenannten „Leuchttürme“ geht, sondern auch mit Blick auf die kulturelle Gesamtlandschaft. Nicht zu vergessen, dass sich in der Überwindung der Haustarifverträge ja auch eine soziale Verantwortung zeigt.

Zur finanziellen Situation

Wie ist die Einnahmesituation?

Die Semperoper erzielt Eigeneinnahmen von knapp 40 Prozent. Das ist enorm in einer Stadt von 545.000 Einwohnern. Das kann nur mit dem hohen Zuspruch von außen funktionieren. 50 Prozent der Besucher kommen von außerhalb Sachsens. Als Exzellenzbetrieb sehen wir uns in einer Achse mit München und Berlin. Mit dem, was auch wir beim Aufwand für Gäste leisten, sind wir nicht allzu weit davon entfernt. Aber wenn sie bedenken, dass München dreimal so groß ist wie Dresden, brauchen wir ebendiesen Zuspruch von außen. Dazu gehört, Besucher mit einem attraktiven Programm nach Dresden zu locken, ohne auf „gewagtere“ Dinge zu verzichten. Allerdings gehören dazu auch viele Repertoirestücke, die man gut zeigen kann. Den „Ring“ von Willy Decker zum Beispiel werden wir als Zyklus 2021 wieder spielen…

Was sind die strategischen Hauptlinien ihrer Programmpolitik? 

Natürlich müssen die lokalen Hausgötter bedient werden. Schon allein wegen des großartigen Orchesters, das Strauss und Wagner in einer außerordentlichen Qualität verbunden ist. Die Staatskapelle ist eine Top-Formation, eines der weltweit besten Orchester überhaupt, mit einem Schwergewicht in der Romantik und Spätromantik. Das hängt selbstverständlich mit den Traditionen zusammen, die hier gepflegt werden: Weber, Wagner und Strauss haben hier viel dirigiert.

Man darf die Sächsische Staatskapelle aber nicht auf das deutsche Repertoire reduzieren, das wäre völlig verkehrt. Bei Verdi sind die Musiker ebenso fantastisch … Verdi an der Semperoper geht übrigens auf Fritz Busch zurück, der die Aufführung seiner Werke hier vorangetrieben hat. Auch das ist ein Teil der Tradition des Orchesters.

Die Reduktion aufs Deutsche liegt vielleicht auch an Thielemann und seinem speziellen Ruf auf diesem Gebiet?

Gerade Christian Thielemann sagt zu mir, dass er nicht immer nur aufs deutsche Repertoire reduziert werden will. Er wird im nächsten Jahr neben den „Meistersingern“ mit „Don Carlo" eine große Verdi-Oper machen. Und auch für die darauf folgende Spielzeit haben wir Verdi verabredet.

Die Semperoper ist die Richard-Strauss-Bühne. Wird es wieder eine Strauss-Woche geben?

Wir spielen natürlich den „Rosenkavalier“, haben „Arabella“ und die neue „Ariadne“ im Programm. Im Repertoire finden sich auch „Daphne“, „Elektra“, „Salome“ … Eine Strauss-Woche, wie es sie mal gab, plane ich nicht. Er ist im Repertoire gut untergebracht.

Strategie für die nächsten Jahre

Also das ist gesetzt – und wie sieht Ihre Strategie fürs Programm der nächsten Jahre aus?

An einem Theater, in dem Wagner zuhause ist, müssen auch seine Zeitgenossen gespielt werden. Von denen er gelernt hat und die er dann wie Meyerbeer oder Halévy auf Grund seiner Haltung massiv mit antisemitischen Attacken überzogen hat. Sein Pamphlet „Das Judenthum in der Musik" war eine fatale Grundlage für vieles, was nach ihm kam. Man muss Wagner in diesen Kontext setzen und hören. Irgendwann werde ich auch mal den „Rienzi“ machen, um zu zeigen, dass Wagner auch Grand Opera geschrieben hat. Wenn man mal die „Götterdämmerung“ genauer anschaut, dann sind in deren Struktur die Elemente der Grand Opera immer noch vorhanden. Im 20. Jahrhundert sehe ich Richard Strauss in so einem Kontext und möchte die Zeitgenossen zeigen, die Deutschen und Österreicher, die Juden waren, die emigrieren mussten und deswegen von den Spielplänen verschwunden sind, während Strauss ja das Dritte Reich ganz gut überstanden hat.

In diesem Sinne durfte man ja auch die erste Inszenierung in Ihrer Intendanz sehen?

Wir haben die Spielzeit ganz bewusst mit „Moses und Aron“ eröffnet. Während Strauss in einer spätromantisch tonalen Musizierweise erstarrt ist, hat Schönberg parallel dazu etwas Neues versucht. Als Jude ist er zwar rechtzeitig emigriert, aber dann doch aus den Spielplänen verschwunden. Das gilt auch für Schreker oder Korngold. Wir werden diese Spielzeit mit Meyerbeers „Hugenotten“ beenden. Dafür kehrt Peter Konwitschny ans Haus zurück. Es wird weitere Projekte mit ihm und auch mit Calixto Bieito geben. Das ist meine musikästhetische, dramaturgische, spielplaninhaltliche Linie. Mit einer bedeutenden Regiehandschrift.

Repertoireerweiterungen?

Und wie sieht es sonst mit einer Repertoireerweiterung und Neuem aus?

Beides ist nötig. Die klassische Moderne wird ebenso gepflegt wie etwa die französische Oper. Im nächsten Jahr gibt es zudem eine Uraufführung, jetzt haben wir die Deutsche Erstaufführung von Philipp Venables „4.48 Psychose“ nach Sarah Kane in Semper Zwei. In drei Jahren ist eine weitere große Uraufführung geplant…

Ziehen das Haus und seine Mitarbeiter dabei mit?

Die Resonanz aus dem Haus ist durchweg positiv. Hier wurden ja auch in der Vergangenheit seltene Sachen gespielt – denken sie nur an Weinbergs „Passagierin“. Oder „Dr. Faust“ von Busoni, der ja hier uraufgeführt wurde. Oder „Mathis der Maler“. Wenn man sich nur auf den Mainstream verengt, schadet das dem Haus auf lange Sicht. Das muss man unbedingt verhindern. Wir sehen es als unsere Verpflichtung, auch das Musiktheater des 20. Jahrhunderts in unserem Spielplan zu pflegen.

Haben Sie eigentlich gespürt, dass das Haus einige Zeit ohne „richtige“ Führung war?

Führungslos war es nie. Wolfgang Rothe, dem ich viel zu verdanken habe, was die Struktur anbelangt, ist ein versierter Theatermann, der mir ein bestens bestelltes Haus übergeben hat. Es funktioniert wie geölt. Ohne Stolperfallen für mich. Eine Handschrift haben er und sein Team erst spät zeigen können, vieles war beim Tod von Frau Hessler schon festgeschrieben. Nicht zu vergessen der designierte Intendant, der dann nicht kam, und der auch einiges aufs Gleis gesetzt hatte, was dann umgesetzt werden musste. Jetzt gibt es wieder einen Intendanten, der seine Linie realisiert – und das wird auch von mir erwartet. Ein Intendant muss Visionen ermöglichen, entsprechende Sensibilitäten aufbringen, aber das Haus auch nach außen in die Gesellschaft vernetzen. Was nötig ist, muss man spüren und sich auch die Zeit nehmen, es aufzugreifen und die Kontakte dafür zu pflegen.

Konfliktpotentiale?

Mit der Semperoper und der Staatskapelle ist ja im Moment vor allem der Name Christian Thielemann verbunden … Wie sieht es da mit Konfliktpotenzial aus?

Das werde ich immer gefragt, obwohl es nicht Thema ist und ich gar kein Konfliktpotenzial sehe. Hier in Dresden ist der Intendant der Intendant. Ich bin da völlig autonom und so erlebe ich es im gelebten Alltag. Christian Thielemann hat einen Vertrag als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle. Er ist nicht GMD und sein Vertrag verpflichtet ihn lediglich zu zehn Vorstellungen in der Oper, davon eine Neueinstudierung und eine Wiederaufnahme. Ich muss mit ihm verabreden, welche Stücke er macht und mit ihm die Besetzung diskutieren. 

Diese überschaubare Präsenz ist ja für viele das Problem – hier hat sich also Thielemann durchgesetzt – oder würden Sie sich nicht mehr Opern-Abende mit ihm am Pult wünschen?

Der Vertrag besteht nun einmal so.

Wie wäre es denn mit Konwitschny und Thielemann? 

Konwitschny und Thielemann zusammen zu spannen – so etwas würde ich gar nicht versuchen. Das ist eine Frage der Sensibilität und der Optionen. So habe ich ihm David Hermann für die „Ariadne“ vorgeschlagen, und es hat wunderbar geklappt.

Gastdirigenten

Und auf welche Dirigenten setzen Sie?

Omer Meir Wellber als Ersten Gastdirigenten einzusetzen – da bin ich autonom. Wenn es mal Vorbehalte aus der Staatskapelle gegen den einen oder anderen Dirigenten gibt, dann versuche ich natürlich nicht, gerade denjenigen hierher zu holen. Das bespreche ich mit der Staatskapelle im Vorhinein. Es gibt mit dem Orchestervorstand ein gutes Einvernehmen.

Mit ihrem Konzertprogramm ist die Sächsische Staatskapelle selbstständig autonom – da bin ich nicht involviert.

Wie ist denn der Stand in Sachen Salzburger Osterfestspiele?

Dazu kann ich gar nichts sagen. Christian Thielemann hat sich noch nicht geäußert – im Moment ist da Stillstand. Aber wenn es gewünscht ist, dass die Sächsische Staatskapelle dort spielt, dann unterstütze ich sie natürlich voll und ganz. Die Voraussetzung ist nur, dass wir parallel weiterhin in Dresden den Spielplan absichern. Aber das ist bei entsprechender Planung hinzubekommen.

Wie stehen Sie zum Ensembletheater?

Ein Haus wie Dresden braucht ein Ensemble, das gut verwurzelt ist und vor allem den eher lyrischen Bereich abdecken kann. Allerdings sind die Zeiten, in denen man einen „Ring“ mit einem hauseigenen Siegfried oder einer hauseigenen Brünnhilde besetzten kann, längst vorbei. Sie müssen denen, die das können, eine lange Leine geben. Die großen Häuser sind auf Sängerinnen und Sänger angewiesen, die in ihrem Fach auch woanders singen. Also Ensemble, ergänzt durch renommierte Gäste.

Peter Theiler: „Optimistisch bin ich von Natur aus“

Und das Junge Ensemble?

Wir haben hervorragende junge Sängerinnen und Sänger, die auch im ersten Fach einsetzbar sind. Und dann auch in das reguläre Ensemble übernommen werden, wie Tuuli Takala oder Sebastian Wartig oder den griechischen Bass Alexandros Stavrakakis. Das ist mehr als nur ein Opernstudio. Das ist etwas für junge Sängerinnen und Sänger und ihre erste Praxis auf dem Weg in mittlere oder größere Häuser.

Wenn man Sie so hört, dann muss einem um die Oper nicht bange sein …

Optimistisch bin ich von Natur aus. Aber im Ernst: Oper hat eine große Zukunft – das ist

definitiv keine aussterbende Spezies. Im Gegenteil, es fasziniert immer noch als Live-Erlebnis. Dazu kommt bei uns ja auch noch das sehr gut aufgestellte Semperoper Ballett. Die 60 Mitglieder der Truppe unter Aaron S. Watkin haben eine unglaubliche Bandbreite vom klassischen bis zum sehr heutigen Tanz. Das wird auch international durch die vielen Tourneen so wahrgenommen und unter anderem durch die aktuellen Nominierungen für internationale Preise honoriert. In der Semperoper sind alle Sparten wirklich exzellent aufgestellt.  Wir haben eine enorme Dichte mit 170-mal Oper, 50-mal Ballett, 40 Konzerten und und und. Wenn ich mal die Bühne für ein Vorsingen brauche, muss ich geradezu mit dem Messer dazwischen, um einen freien Platz zu finden. Die Semperoper ist einfach ein tolles Haus. Ihr Wiederaufbau war rundum eine Glanzleistung, von der jetzt alle etwas haben.

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