Ostdeutsche Sexwirtschaft: „Im Stein“ von Sara Glojnarić und Clemens Meyer an der Oper Halle digital uraufgeführt


(nmz) -
Mit diesem hoch ambitionierten Projekt rundet sich die überregional mit Neugier beobachtete und 2016 begonnene Stückmaterial- und Personalschlacht an der Oper Halle. Zweifellos war die Ägide unter Operndirektor Michael von zur Mühlen und dem 2020 vorzeitig ausgeschiedenen Intendanten Florian Lutz bunt, schrill und überraschungsgesättigt – auf der Bühne und im Berufsleben.
01.07.2021 - Von Roland H. Dippel

Einiges aus den letzten Jahren kann man im Abschlussfestival „Alles endet“ mit dem Untertitel „Fünf Jahre Kunst und Kontroverse“ vom 8. bis 11. Juli nochmals sehen. Gestern gab es die digitale Uraufführung der Oper „Im Stein“ von Sara Glojnarić nach dem Roman von Clemens Meyer (2013).

Bei keiner Halleschen Opern-Premiere der letzten fünf Jahre konnte man im vornherein sicher sein, ob man das Haus am Universitätsring mit Begeisterung oder voller Empörung verlassen würde. Schon aufgrund dieses rundum erfolgreichen Kampfs gegen bekannte Gesichter und gemischte Gefühle verdienen diese fünf Jahre der Oper Halle einen Orden.

Hilfestellungen gibt der Autor Clemens Meyer nur wenige. Bereits in seinem – ehrlich ausgesprochen – komplizierten Roman „Im Stein“ sind die personellen Stimmen der Zuhälter, jene der meist aus östlichen Ländern importierten Prostituierten und ihrer Kunden schwer zu unterscheiden. Michel Houellebecqs „Möglichkeit einer Insel“ mit dem finalen Raunen digitaler Persönlichkeitskopien und Pasolinis sexuelle Verschmelzungsphantasien in „Petrolio“ stehen dem nicht fern. Das körperliche Instrumentarium soll der Lust dienen, schafft aber keine. Denn Körper-, Lippen- und Geschlechtsbegegnungen sind nur zu einem gut: Cashflow. Die amorphe Auflösung dieser Visualisierung der Oper „Im Stein“ ist das psychisch-theatrale Gleitgel für Körper- und Finanzbewegungen. Hintergrund, Anlass, Ursache und Wirkung finden in der Sprache des instrumentalisierten Begehrens ihren Mittelpunkt.

Die Männer sind multipel, die Frauen uniforme Wesen. Mehrere Darsteller spielen gleichzeitig mehrere Rollen und switchen zwischen ihnen. Androgyne Pagenhaarschnitte und Brillen passen für fast alles. Die vergeblich sich von den Prostitutionsgesetzen soziale Integration und Integrität versprechenden Frauen unterscheiden sich durch die Farben ihrer ausladenden Perücken. Die Kamera-Choreographie dominiert sogar die wenigen halbrealistischen Momente auf Asphaltflächen unter Neonleuchten. Alles sagt der projizierte Buchumschlag „Sex-Göttin. Wie man die tollsten Männer anmacht und wieder los wird“: Kommerzieller Erfolg und persönliche Glückssuche geraten in phantastische Übereinstimmung.

Die immer noch äußerst labile Ordnung bringt Clemens Meyer selbst ins visuelle Geschehen. Mit goldglänzendem Abendkleid sitzt er in einer Raumkapsel, mimt Moderatorenkompetenz, verströmt bedeutungsneutrale Plattitüden und stellt banale Quizfragen.

Die Musik von Sara Glojnarić besteht aus Akkord-, Krach- und Melodiefragmenten. Sie fragt sich in ihren Konzepten, warum so viele rundum vernetzte Wesen so viel Sehnsucht nach den Sounds, Filmen und Massenkulturen der Vergangenheit haben. Autor und Komponistin geben selbst die Antworten: Wo alles im Fluss der Waren, Warenwerte und Wesenhaftigkeiten ist, lösen sich Identitäten auf. Statt wenig atmosphärischer Außen- und Wohnstudios spielt der Schluss des Musiktheaters „Im Stein“ im weißen Nebel der Visionen: Es zählt nur noch der Hautkontakt und mittels des viele Unterschiede zermalmenden Geschäftsgebarens ist die philosophische Unschuld wieder hergestellt. O-Ton leicht unverständlicher Sprechtext: „Im Anfang war (k)ein Loch und (k)ein Pimmel.“

… nurmehr indirekt eine „moralische Anstalt“

In den letzten Jahren zeigte die Leitung der Oper Halle, dass sie an unhierarchischen Arbeitsmethoden und einer entspezifizierenden Trennung der Aufgaben von Autorschaft und Regie, von Komposition und musikalischer Realisierung interessiert war. „Im Stein“ ist demzufolge das teil-utopische Ziel dieser Bestrebungen: Das infolge der Lockdowns publikumsfreie Opernhaus am Universitätsring wurde in ein Filmstudio umgewandelt, illusionstechnische Potenziale verdichtet und mit unermüdlichem Fleiß ausgeschöpft. Gehorchte Marc Sinans, Tobias Rauschs und Konrad Kästners „Chaosmos“ auch im Digitalen noch einem strukturierenden Plan, galt für „Im Stein“ statt dessen die amorphe Entfesselung von Kameras, Menschenmaterial und Ambientem. Wie aus Melodik und musikalischen Satztechniken Collagen, Instrumentalgeräusche und vokales Quietschen oder Dialog wird, erlebt man hier in 125 Minuten. Im digitalen Space erweisen sich auch alle Spannungseffekte und Mittel der dramatischen Steigerung des physischen Theaters als unnötig.

Theater ist in einem solchen Kontext nurmehr indirekt eine „moralische Anstalt“, sondern in erster Linie Spiegel der Konsumgesellschaft. Auch mit „Im Stein“ leistete die Oper Halle mit starker künstlerischer Überhöhung und Fragen, sie sich offenbar mit Musiktheater-Werken des Repertoires kaum noch beantworten geschweige überhaupt stellen lassen, einen aufschlussreichen Beitrag zum offenen Musiktheater der Gegenwart.

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