Paul Hindemiths letzte Oper „The Long Christmas Dinner“ an der HfMdK Frankfurt


(nmz) -
Den Farbton „grau in grau“ hat man den späten Werken Paul Hindemiths nachgesagt, und entsprechend selten findet man sie auf Konzertprogrammen und Theaterspielplänen. Sich vom Gegenteil zu überzeugen, bot die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt nun Gelegenheit. Schon im November präsentierte sie drei Tage hintereinander Hindemiths letzte Oper „The Long Christmas Dinner“. Mit einer zweiten Aufführungsserie hat sie das Publikum nun in die Weihnachtsfeiertage entlassen – musikalisch überzeugend, aber szenisch durchwachsen.
24.12.2018 - Von Andreas Hauff

Hindemiths Einakter „Das lange Weihnachtsmahl“ geht auf Thornton Wilders Schauspiel „The Long Christmas Dinner“ von 1931 zurück. Der US-amerikanische Autor, tendenziell eher skeptisch gegenüber Opernfassungen seiner Dramen, erstellte auf Wunsch des Komponisten eine Portaleinfassung seines Stückes; diese englische Version hatte ihre Premiere 1963 im März an der Juilliard School of Music in New York. Schon im Advent 1961 hatte – ebenfalls unter Leitung des Komponisten – die Uraufführung der deutschen Fassung am Nationaltheater Mannheim stattgefunden. Die Übertragung des Wilder-Textes ins Deutsche hatte Hindemith selbst besorgt und ihn dabei mit manch altbacken-feierlicher Formulierung der Operntradition (oder dem Zeitgeist im Nachkriegsdeutschland?) anzunähern gesucht. Regisseur Jan-Richard Kehl, Professor für Szenischen Unterricht an der Frankfurter Hochschule, tut gut daran, den nüchternen englischen Originaltext zu wählen. Dass Dramaturg Robert Olwitz dazu eine stärker wortgetreue Übersetzung projizieren lässt, erleichtert dem Publikum den Zugang zu Inhalt und Musik.

90 Jahre im Zeitraffer

Man zögert, von einer Handlung zu sprechen. In weniger als einer Zeitstunde erleben wir an einer einzigen Weihnachtstafel 90 Jahre im Zeitraffer. Es geht um die Geschichte einer Familie, einer Firma und eines Hauses im Mittleren Westen. Jahr um Jahr treffen sich die Familienangehörigen an Weihnachten zum traditionellen Truthahn-Essen. Zu Beginn erleben wir die Familienälteste Mutter Bayard mit ihrem Sohn Roderick und dessen Frau Lucia, am Ende hat die junge Generation das Haus verlassen, und mit Ermengarde, einer älteren Verwandten, verstirbt die letzte Bewohnerin. Insgesamt kommen und gehen vier Generationen. Wer verstirbt, geht laut Szenario nach rechts ab durch eine schwarz ausgekleidete Tür; die neugeborenen Kinder bringt eine Kinderfrau durch eine Tür von links; eine Weile später kommen diese Kinder dann als Heranwachsende durch die mittlere Tür, ebenso wie spätere Ehepartner oder andere Anverwandte. Nach einem Todesfall rücken die Überlebenden auf. Die Position des Familienoberhauptes, das den Truthahn anschneiden darf, wird von Generation zu Generation weitergegeben. Das familiäre Ritual des Weihnachtsmahls hat also Bestand.

Um die religiöse Bedeutung des Festes geht es nicht wirklich; das einleitende Tischgebet wird bloß gemurmelt; der Kirchbesuch ist zwar Routine, und den daheimgebliebenen Senioren gelten jeweils die besten Wünsche der anderen Kirchgänger. Einmal erwähnt Lucia eine gute Predigt und schöne Weihnachtslieder, doch diesen Gesprächsimpuls nimmt niemand auf. Geredet wird durchweg übers Wetter, übers Essen, über die Familienverhältnisse, über die Verstorbenen und darüber, wie schnell die Jahre vergehen. „Wie lange leben wir schon in diesem Haus?“ ist eine stereotype Wendung. Dennoch schälen sich einige Krisenpunkte heraus. Charles und seine Frau Leonora müssen kurz hintereinander den Tod ihres ersten Kindes, den Tod von Rodericks Vetter und Compagnon Brandon, und den Tod von Charles‘ Mutter Lucia verkraften. Sam, ihr zweitgeborener Sohn, fällt im Ersten Weltkrieg, nachdem er zu Weihnachten noch drei Tage Fronturlaub hatte. Die Zeit heile die Wunden, tröstet immer wieder jemand – dieselbe Zeit allerdings, deren gnadenloses Verrinnen immer wieder beklagt wird. Sams jüngerer und rebellischer Bruder Roderick junior hält es nicht mehr daheim aus und verlässt die Familie nach einem Konflikt mit Vater Charles. Charles Schwester Geneviève leidet unter der gewachsenen, verrußten und verlärmten Stadt; sie will den Rest ihres Lebens in Florenz oder München verbringen. Und nach Charles‘ Tod zieht Leonora weg zur Familie ihrer Tochter, der jungen Lucia. Im still gewordenen Haus verbleibt Charles‘ Kusine Ermengarde. Sie stirbt, nachdem sie zum Weihnachtsfest einen Brief Leonoras mit Kinderbildern bekommen hat, in der Gewissheit, dass die Familie Bayard andernorts weiterlebt.

Unter Leitung von Hyesan Park spielt das Orchester der HfMDK ebenso ausdrucksvoll wie präzise. Zusammen mit den neun Gesangssolistinnen und -solisten (teils in Doppelrollen) zeugen die jungen Instrumentalisten eindringlich für die vertiefende Gestaltungskraft von Hindemiths Musik. Sie beginnt mit einer Introduktion über das beliebte englische Weihnachtslied „God rest you merry Gentlemen“ – womit Anlass und Atmosphäre des Treffens markiert sind. Indem der Komponist aber die wechselweise von Holz und Blech geführte Melodie durch verschieden Tonarten und Taktarten führt, deutet er schon an, welchen Krisen das familiäre Festritual im Lauf der Zeit unterworfen sein wird. Verschärft wird die Aussage durch ein pulsierendes Streicherpizzicato, das demonstrativ synkopisch zur Melodie läuft, so als wolle es zeigen, dass die Zeit ihren eigenen Gesetzen folgt. Das Weihnachtslied klingt an in Mutter Bayards elegischem Arioso, dessen Grundstimmung an verschiedenen Stellen wieder auftaucht, um dann alsbald von frischen und jugendlichen Impulsen wieder abgelöst zu werden. Letztere werden oft von bewegten Cembaloklängen begleitet, deren neoklassizistischer Gestus vielleicht auch eine Art von Wiederkehr symbolisiert.

Hindemith sprach selbst von einem „Mozart-Orchester“. Tatsächlich ist die Besetzung stärker bis hin zu einer (auch parodistisch eingesetzten) Tuba, sie verzichtet aber auf Pauken und Schlagwerk und ist in Analogie zum kammerspielartigen Bühnengeschehen kammermusikalisch empfunden. Im Saal der Frankfurter Musikhochschule an der Eschersheimer Landstraße bleibt das klangliche Geschehen angenehm durchhörbar. Drei männliche Bayards finden sich zu einem Toast auf Firma und Familie im Terzett zusammen, Charles und Leonora bekennen sich in einem kleinen Liebesduett zueinander, Ermengarde und Charles versenken sich zu zweit in alte Erinnerungen. Am eindrucksvollsten allerdings ist das große Sextett, in dem Sam, der Soldat auf Fronturlaub, in Vorahnung seines Todes im Feld das Bild der familiären Begegnung in sich aufsaugt, während der Rest der Familie in einem Moment von fast komischer Selbsterkenntnis munter die alljährlichen Gesprächsthemen aufzählt. Dass Sam als junger Mann eine Szene zuvor erstmals aufgetreten ist, lässt seinen Abgang durch die rechte Tür umso drastischer erscheinen, zumal er stellvertretend für eine junge Generation Gefallener steht. Bedeutungsvoll erscheint schließlich Ermengardes Solo am Ende, das subtil vom Weihnachtslied des Beginns begleitet wird. So wie ihre letzten Worte einen Kreislauf von Tod und Geburt andeuten, so schließt sich auch musikalisch der Kreis.

Es scheint mir eine ausgesprochen schwierige Aufgabe, Hindemiths „langes Weihnachtsmahl“ mit jungen Leuten zu inszenieren, die zumeist – wie Roderick junior – wenig Vergnügen an langatmigen familiären Ritualen haben. Hindemiths Alterswerk zeigt die Perspektive eines älter werdenden Menschen: Es dauert, bis man ein Gefühl dafür bekommt, dass das Unausgesprochene Menschen mehr verbinden kann als bedeutungsvolle Worte. Man muss wohl einige Todesfälle erlebt haben, um sich zu fragen, wer und was vor der Zeit besteht. Und man sollte sich selbst dabei ertappt haben, dass man unverhofft den gleichen Gestus, den gleichen Tonfall und die gleiche Denke an den Tag legt wie die eigenen Eltern, von denen man sich doch so klar abgrenzen wollte. (In der identischen oder ähnlichen Wiederholung von Floskeln und Redewendungen über die Generationen hinweg hat Wilders Text selbst in der Librettofassung noch satirische Schärfe.)

Was tut Regisseur Kehl? Er erspart seinen Studierenden das Sich-Einlassen auf Hindemiths zwischen Melancholie und Zuversicht pendelnde Altersweisheit und setzt stattdessen auf den inzwischen theaterüblichen Aktionismus. Er gibt sich nicht damit zufrieden, dass laut Libretto die Akteure „mit nur vorgestellten Bestecken nur vorgestellte Speisen“ essen. Es gibt zwar noch einen Tisch, aber der ist weder weihnachtlich geschmückt noch sitzt jemand daran. Stattdessen sind alle mehr oder wenige permanent in Bewegung, so dass es dem Zuhörer schwer fällt, Text, Szene und Musik in einen erfassbaren Zusammenhang zu bringen. Bühnenbildner Andreas Wilkens hat eine kleine kreisrunde Bühne geschaffen, die es ermöglicht, das Orchester an ihren beiden Seiten zu platzieren. Eine Drehbühne wie an größeren Häusern ist es freilich nicht, aber die Suggestion einer solchen entsteht durch den ferngesteuert fahrbaren Tisch, der sich stückweise Kreis bewegt, aber kaum benutzt wird.

Dazu erfunden hat man den „Zeit-Geist“, eine vogelartige Gestalt, die anstelle des Kindermädchens die Babys hineinträgt, im Auftrag des Requisiteurs den Akteuren beim Eintritt ins Rentenalter die weißen Perücken verpasst, vertretungsweise einen Kellner andeutet und ansonsten durch eifriges Geflatter das Gefühl von Bedeutung verbreitet. Etwas erschreckend wirkt der lieblose Umgang mit der Holzpuppe, die die Neugeborenen andeutet, denen doch gerade die Hoffnung und Bewunderung der Familie gilt. Einen weiteren Akzent setzt die Regie durch die zunehmende Entchristlichung des Settings. Demonstrativ wird anfangs das Kreuz auf der Empore über der Bühne angestrahlt, demonstrativ ein Pappschild mit der Aufschrift „Glaube“ hingehalten, und demonstrativ darf dann die alternde Lucia mit ihrem Kreuz spielen und es schließlich hinfallen lassen. Dabei ist doch die Kirche bei Wilder und Hindemith von Anfang an nur eine Randerscheinung des Familiären – und überhaupt die Kontinuität das bezwingende Element des Stückes. Zahlreiche Farbwechsel der Beleuchtung signalisieren dagegen immer wieder Neues. Eine Szene in plötzlichem Rot allerdings fesselt gerade in ihrer Ruhe. Sam, eindringlich dargestellt von Paul Yan, nimmt innerlich Abschied von der Familie, und vor ihm sitzen erstmals alle an einem Tisch. Doch kaum hat er sie beschworen „Lasst euch nicht stören in eurem Mahl“, raffen sie hektisch das Tischtuch samt Geschirr zusammen. Mit dem sukzessiven stillen Abgang der Darsteller und des Orchesters gelingt dann noch einmal ein packender szenischer Moment.

Während dieses Abgangs füllt sich die Empore allmählich mit den Sängerinnen und Sängern des Hochschulchors. Sie singen in direktem Anschluss an die Oper Hindemiths Madrigal „An eine Tote“ aus dem Jahr 1958 nach einem Text von Josef Weinheber. Sie tun das sehr schön, sauber und expressiv – allerdings nicht unbedingt textdeutlich. Robert Olwitz‘ ansprechendes Programmheft enthält allerdings die Worte. Im Rahmen der Inszenierung lassen sie sich als Klagegesang auf Ermengarde und alle, die ihr im Sterben vorangegangen sind, lesen – so als wolle man wenigstens nachträglich die Ruhe beschwören, die der Aufführung fehlte, oder als wolle man Hindemiths Weihnachtsoper doch lieber ganz im November verorten, zwischen Volkstrauertag und Totensonntag. Wie auch immer: Auf der Empore leuchtet ein kleiner Weihnachtsbaum.