„Pli selon Pli“ zur Musik von Pierre Boulez: zum Abschluss des ersten Kölner „Acht Brücken“-Festivals


(nmz) -
„Acht Brücken. Musik für Köln“: So heißt das neue Festival, das als nun jährliche Fortführung die MusikTriennale Köln ersetzt, die jeweils einen Komponisten ins Zentrum stellte. Als Anknüpfungspunkt stand nun Pierre Boulez im Mittelpunkt: Unter seiner Leitung eröffnete das Mahler Chamber Orchestra mit Ravel, Schönberg und Strawinsky und die musikFabrik und Studierende der Musikhochschulen NRW beschlossen die Woche mit „Pli selon Pli – Portrait de Mallarmé“ und der Uraufführung einer Bearbeitung von Boulez´ „Douze Notations“ für Ensemble von Johannes Schöllhorn.
19.05.2011 - Von Iris Mencke

Nach der Bearbeitung von „… explosante-fixe…“ war dies die zweite kompositorische Auseinandersetzung des 1962 geborenen Komponisten mit den Werken Boulez´. Im Auftrag des Festivals instrumentierte Schöllhorn, für den die Form der musikalischen Bearbeitung einen Schwerpunkt bildet, die zwölf Skizzen für kleines Ensemble. Jede der „Douze Notations“ für Klavier von 1945 basiert auf derselben Zwöftonreihe. In ihrer Kürze und Prägnanz erinnern sie an Weberns Kompositionen, von denen Boulez maßgeblich beeinflusst war.

Die feinsinnige Instrumentierung fächerte Klänge auf, differenzierte melodische Linien und setzte motivische Akzente. Die Miniaturen entfalteten einen überragenden Farbenreichtum und schäumten über vor Energie. So die siebte Skizze, in der Schöllhorn die einzelnen Noten der gleichmäßigen Sechzehntelläufe jeweils auf die Instrumente verteilte. Die sprunghaften Bewegungen und energetischen Einsätze ergaben ein filigranes musikalisches Netz, das durch die solistische Brillanz der Musiker beeindruckte.

Gleich im Anschluss folgte das selten aufgeführte „Pli selon Pli – Portrait de Mallarmé“ von Boulez. Den Ausgangspunkt der Komposition bildete „Improvisation I“, in der Boulez auf Skizzen zu den „Douze Notations“ zurückgriff. Erst nach und nach zwischen 1957 und 1962 entstand der Rest der Komposition. Die Bezüge zur Dichtung Mallarmés sind weniger inhaltlich als vielmehr formal. Textzeilen werden nur vereinzelt rezitiert; Boulez war mehr an der ungewöhnlichen formalen Dichte und und der sprachlichen Mehrdeutigkeit in Mallarmés Dichtung interessiert. Sein Ziel war es, ein musikalisches, poetisches und formales Äquivalent zu schaffen.

In der Kölner Aufführung war nun sein Anspruch, die Grenzen zwischen Verständlichkeit und Unverständlichkeit auszuloten, noch einmal ganz direkt spürbar: Es wechseln sich sehr reduzierte und klar artikulierte Phasen mit rasant komplizierten und schwer nachvollziehbaren Passagen ab. Wie ein breiter Fächer entfalten sich die Klänge der Gongs, des Vibra- u. Xylophons und der Röhrenglocken und hinterlassen einen Hauch fremdländischer Klangsprachen. Das Schlüsselwerk in Boulez Schaffen lässt die neue Klarheit und Einfachheit spüren, mit der er sich vom strengen Serialismus entfernte. Trotzdem stellt es nicht zuletzt wegen seines Ausmaßes eine enorme Herausforderung dar.

Ähnlich der diesjährigen Lucerne Festival Academy, die „Pli selon Pli“ unter der Leitung des Komponisten aufs Programm gesetzt hat, bestand das Kölner Ensemble aus Profis und Studierenden. Die musikFabrik unter der Leitung von Pascal Rophé spielte mit Studierenden der Musikhochschulen NRW; zusammen mit der Sopranistin Yeree Suh gaben sie ein beeindruckendes Abschlusskonzert. Sowohl „Pli selon Pli“ als auch die Bearbeitung von Schöllhorn – als eine Perspektive, wie mit Boulez kompositorisch umgegangen werden kann – schlugen noch einmal Brücken, die zum weiterdenken anregten.

Die zweite Ausgabe von „Acht Brücken“ findet vom 29. April bis 6. Mai 2012 statt; Thema: „John Cage – Amerika. Eine Vision“

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