Prosit der Gemütlichkeit –Eröffnung der Salzburger Festspiele mit Rüdiger Safranski und Wolfgang Rihms „Eroberung von Mexico“


(nmz) -
Vorsätzlich verzichten die Salzburger Festspiele seit Jahren auf konzeptionelle Ideen und künstlerische Absichtserklärungen. Die Behauptung, es wäre mit den Begriffspaaren „Herrschen und Dienen, Macht und Ohnmacht“ so etwas wie ein Roter Faden bekanntgegeben worden, lässt sich bei Überprüfung des ausgesendeten und in Salzburg ausliegenden Werbematerials nicht bestätigen.
27.07.2015 - Von Frieder Reininghaus

Es wäre auch im Wesentlichen in Bezug auf „Fidelio“ so wenig in Anschlag zu bringen wie bei „Figaro“, „Rosenkavalier“ oder „Il trovatore“ (diese Angebote haben nicht viel mehr gemeinsam als den Umstand, dass es sich um beliebte Werke älterer Baureihen handelt). Definitive Bestimmungen, so das Kalkül, wären bei der Entfaltung der schönen Vielfalt eher hinderlich als mobilisierend. Überhaupt scheint Skepsis, wenn nicht sogar Misstrauen zu herrschen gegenüber Begriffen, mit denen sich Ziel- und Zweckbestimmung signalisieren. Stattdessen werden wieder, wie in Karajans Zeiten, unerbittlich „Stars“ illuminiert und Stimmungen bedient. Dem kommt zu allererst die Ouverture spirituelle entgegen – eine Suite von Konzerten und Meditationsveranstaltungen, die dem „eigentlichen“ Festival-Programm vorgeschaltet wurden. Auch Nachtfalter und Frühaufsteher bekommen da etwas ab für ihren gegebenenfalls angenagten Seelenhaushalt. Morgen-Ragas z.B. um 6:00 Uhr in der Kollegienkirche.

Über die Kunst, Uhren anzuhalten

Die Festspiele, die Jahrzehnte lang Vorbild-Funktion einnahmen, zehren von den Gravitationskräften der Gewohnheiten. Sie setzen am liebsten auf die Durchschlagkräfte des ohnedies schon Erfolgreichen (wobei die Meinungen über Qualitäten und Quantitäten künstlerischer „Erfolge“ erfahrungsgemäß im Einzelnen weit auseinandergehen). Der programmatischen Profillosigkeit mag ab 2017 wieder gegengesteuert werden. Denn hinsichtlich des Leistungspersonals steht ein Revirement an. Die seit gut zwei Jahrzehnten amtierende Präsidentin Helga Rabl-Stadler wird ebenso abgelöst wie der interimistische künstlerische Leiter Sven-Eric Bechtolf, der den vorzeitig an die Scala in Mailand abgegangenen Alexander Pereira kurzfristig ersetzte – Markus Hinterhäuser kommt von den Wiener Festwochen nach Salzburg herauf.

Das Salzburg Festival schmückt sich mit vier „global sponsors“: Nestlé, Audi, Siemens und Rolex. Da sich der Lebensmittelkonzern gegenwärtig kaum wg. seines Beitrags zur Bekämpfung des Hungerelends auf Erden rühmen lässt, die Autobauer in Ingolstadt nicht für ihre Bemühungen um Reinhaltung der Luft und Siemens schon gar nicht als Vorkämpfer gegen die Korruption, war es so aktuell wie hintersinnig, dass Rüdiger Safranski auf „die Zeit“ im Allgemeinen angesetzt wurde.

Der Festredner trug zentrale Gedanken aus seinem für den Herbst angekündigten Buch vor – über die „Zeit, was sie aus uns macht und was wir aus ihr machen“ (Hanser-Verlag, München). Nachdem er sich vor Hofmannsthals Marschallin verneigt hatte, warf er alsbald die tiefschürfende Frage auf: „Was ist denn überhaupt eine Uhr“? Dann wurde der Verfasser von marktgängigen Biographien deutscher Geistesgrößen wie Nietzsche, Heidegger und das Böse überhaupt grundsätzlich auf jene bedächtige Art, die er in Fernsehunterhaltungssendungen für die gehobenen Stände geübt hat: „Die Zeit ist knapp“. Ja, auch bei „der Griechenlandrettung“ (fest im Visier: die Stammtische). „Im Ernst“ fordert Prof. Safranski schließlich „eine Revolution des gesellschaftlichen Zeitregimes“. Hören wir recht? Als er in den 70er Jahren als germanischer Studentenvertreter durch Westberlin lief, wollte Genosse Rüdiger die dortige Arbeiterklasse und andere kleinbürgerliche Schichten revolutionieren. Hat aber nicht geklappt. Jetzt ist bei ihm breimäulig „die Zeit“ an der Reihe. Es ist freilich unwahrscheinlich, dass sie sich anders verhält als die zuvor auserkorenen revolutionären Subjekte. In Safranskis Sinn „hat die Marschallin im Rosenkavalier schon wieder recht, wenn sie des Nachts aufsteht und die Uhren anhält“. Die einvernehmliche geistige Betulichkeit mag es recht und gut gemeint haben – für das Produkt-Image von Rolex war der Festredner aus Rottweil (höre, Helga!) keine wirklich prickelnde Idee.

Clash der Kulturen?

Das „Zeitregime“ spielt, im Wechselspiel mit der Machtergreifung im Raum, eine wesentliche Rolle in der „Eroberung von Mexico“. Anfang der 90er Jahre – Wolfgang Rihm hatte soeben die Texte des Surrealisten Antonin Artaud für sich entdeckt – montierte sich der Karlsruher Komponist aus „La Conquete de Mexique“ und einem Entwurf zum „Théâtre de Séraphin“ sowie Gedichten von Octavio Paz ein Libretto. In ihm spielen die Ereignisse des aztekischen Jahres 13 Hase (nach christlicher Rechnung 1519) nur schemenhaft im Hintergrund eine Schattenrolle. Es geht um Fragen, die aus dem geschichtlichen Zusammenprall der Kulturen, aus soziokulturell geprägten Denkformen und Machtinteressen abgeleitet und fortgesponnen wurden – ganz in die Sphäre des individuell Psychologischen. Dieser Mechanismus ist der Librettistik seit dem frühen 17. Jahrhundert geläufig (war zunächst wesentlich der Oper als höfischer Repräsentationskunst geschuldet). Da das Musiktheater diese Fessel aber seit hundert Jahren abgestreift hat, gibt es keinen zwingenden ästhetischen Grund für das so weitgehende Ausblenden der grässlichen Realgeschichte des Kolonialismus und für das Zusammenschnurzeln des Erkenntnisinteresses auf „Neutral – männlich – weiblich“. Dabei steht für Rihm die für eine Sopranstimme gesetzte Partie des Aztenkenherrschers Motēuczōma Xōcoyōtzin für das weibliche Prinzip, das männliche wird mit Hérnan Cortés konnotiert (das neutrale fluktuiert).

Auch bei der dritten Begegnung mit Wolfgang Rihms (im weitesten Sinn expressionistischer) Musik seit der Uraufführung 1992 in Hamburg besticht die harte Klarheit, mit der Konfliktuöses auf die Kulminationspunkte gebracht wurde. Ingo Metzmacher erweist sich als kompetenter Sachwalter der Kontraste wie der Zusammenhänge. Die stellen bezüglich der Architektonik eine Herausforderung dar wie hinsichtlich des Ausgreifens von Partitur und Realisierung auf den ganzen Theaterraum – die extrabreite Felsenreitschule macht es den Trommlern alles andere als einfach, bei der „Vorahnung“ ihr ausladendes Crescendo unisono schwellen und ausufern zu lassen. Das Brio der Beunruhigung in gut zwei Dutzend Jahren nichts von seinem Stachel wider musikdramatischen Quietismus eingebüßt. Auch die Kulminationen der insistierenden instrumentalen Kampf- und Schreckens-Passagen nicht.

In dialektischer Spannung zum individuell besetzen Orchester (es verzichtet zum Beispiel bis auf zwei Solo-Violinen auf die Geigen) tasten sich die singenden, sprechsingenden und sprechenden Stimmen zu dem vor, was zwischen weiblichen und männlichen Stand- und Bewegungspunkten weithin ungesagt bleibt und daher der Sphäre der nonverbalen Kommunikation zuzurechnen ist. Da finden sich vielerlei Aggregatzustände des Espressivo. Über weite Strecken verschwinden die Text-Partikel in der Tonspur und schrumpfen so zu phonetisch-akustischem Material. Sie geistern im Untergrund des Klangresultats herum.

Ohne die eingeblendeten Obertitel ließe sich kaum nachvollziehen, dass der traditionell gebundene Montezuma „Licht – Regen – Lebewesen“ beschwört. Cortés, der Stratege des dynamischen Fortschrittsprinzip, profiliert wohltönend „Meteore – Blitz – Horizont – Spiegelungen“. Oft singen Angela Denoke, die mit ihren hohen Tönen und spitzen Schreien ein stimmliches Kapital besonderer Art einbringt, und Bo Skovhus mit präsenter Noblesse die gleichen Worte, aber eben auf sehr verschiedene Weise. Und lange dauert es, bis sich Montezuma-Denoke erstmals zu so etwas wie einer Cantilene aufschwingt (Takt 419): „Es ist wie die Klage eines Abgrunds“. Susanna Andersson und Marie-Ange Todorovitch sekundieren Denoke nicht nur szenisch im modernen Alltag, sondern weit mehr noch stimmlich mit ihrem hohen Sopran und tiefen Alt. Sie loten die stimmliche Spannweite des Weiblichen aus.

Ein vergleichsweise bescheiden eingerichtetes Zimmer wurde vom Bühnenbildner Johannes Leiacker auf die Wracks eines Autofriedhofs gepackt. An der Wand über der Sitzgarnitur: Frida Kahlos 1946 entstandenes Ölgemälde „Der verwundete Hirsch“. Das macht mit dem doppelten Bezug zu mexikanischer Geschichte Sinn. Der Autofriedhof hingegen wurde von der Inszenierung so gut wie gar nicht genutzt, blieb also Dekoration und schäbig-schönes Ornament. Peter Konwitschny erzählte in und um den Zimmer-Guckkasten die Probleme, Verkeilungen, Fürsorglichkeiten, Entzweiungen und schließlich den tödlichen Zwist eines modernen mittelständischen Paars, zwischen dem weder ethnische noch Bildungs-Unterschiede zu bestehen scheinen (also: kein Clash der Kulturen!).

Das entpolitisiert Politische

Manch fröhliches optisches Detail erfrischt im Zuge der Anstrengungen, die das Hören bereitet. Wenn Skovhus bei Denoke erstmals vorstellig wird, dann kommt er mit einem Strauß roter Rosen. Es ergeben sich Peinlichkeiten diverser Arten (die Bildbände purzeln zum Beispiel bei der leisesten Berührung aus dem Ikea-Regal). Und wenn er ihr dann an die Wäsche geht, deutet sie erst einmal Migräne an. Aber dann dringen die irgendwie doch noch zu Formen festerer Lustbefriedigung und ungesunden Stellungen vor (mit Fesseln und Intensivgesang). Wenn von „den Wohltätern“ die Rede ist, die Moctezumas Reich heimsuchen, dann fährt Skovhus mit einem roten Porsche-Cabrio vor die Schrottkarossen: Ausdruck formvollendeter Männlichkeit (in Salzburg wäre ein Audi der obersten Schadstoffklasse eher angezeigt …). Weiblicher Unwille nimmt intensive Formen an, indem die Monte Zuma mit ihren beiden besten Freundinnen durch die Publikumsreihen drängelt und dem Festspielpublikum hautnah zusingt: „Wie Schweine wühlt ihr im Gold“. Da deutet sich für einen Augenblick an, dass sich der Rihmschen Musik zu nichtgegenständlichen Bildern auch eine andere Geschichte hätte aufpfropfen lassen. Doch es geht weiter auf dem Zweisamkeits-Parcours, der in einen Geburtsvorbereitungskurs mündet. Die Männer halten sich durch reichlich Alkohol aufrecht, die Frauen überbrücken die Zeit mit hilfreichen Handgriffen. Denoke entbindet Fünflinge: Laptops, Tabletts, e-Phones. Mit denen geht es, zur martialischen Eskalation des Sounds, zu einem Massaker aus Videothek und Play-Station. Schließlich tanzt und treibt es Cortés mit einer Moctezuma-Puppe und die Musik findet ihren elegischen Ausklang.

Rihms planmäßige Entpolitisierung und „Entmexikanisierung“ des Mexiko-Stoffs von 1519/24 war in den frühen 90er Jahren durchaus auch eine politische Bekundung: Neutral gegenüber Kolonialismus und (Neo-)Imperialismus. So verständlich der Wunsch des Tonsetzers erscheinen mag, nicht im engeren Sinn ‚engagiert‘ sein zu müssen/wollen, so fügt sich doch seine Vereinnahmung und Besetzung von (künstlerischen) Räumen durch das erklärtermaßen Apolitische in jene kulturpolitische Strategie, die der aus den 1960er Jahren herrührenden „Politisierung“ auch des Musiktheaters ein Ende bereiten wollte. Peter Konwitschny hat das konterrevoluzzerische und staatstragende Ansinnen Rihms nun sensibel aufgegriffen und das Mexiko-Stück ganz ohne mexikanisches Kolorit effektsicher als eine mitteleuropäische Beziehungs-Kiste aufbereitet, in der sich keine garstigen Spuren von politischem Theater finden. Das ist in Salzburg auf ungeteilten Zuspruch gestoßen.

Den intensivsten Theatermoment bescherte die Applausordnung. Nachdem alle anderen Mitwirkenden bereits hingebungsvoll beklatscht worden waren, trat Wolfgang Rihm wie ein Herrgott vom Lande aus der Küchentür des Bürgerzimmers, als habe er sich gerade noch einmal für die Entgegennahme des Beifalls gestärkt. Guten Appetit auch weiterhin! Und ein Prosit der Gemütlichkeit mit der pazifizierten neuen Musik von gestern, die doch eigentlich so gemütlich gar nicht ist. Der Kulturkommerz-Musterbetrieb an der Salzach ist womöglich einfach nicht der rechte Ort, bedeutende Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts noch einmal neu zu lesen und zu hören.

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