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Webers „Freischütz“ in Kassel. Foto: Birgit Hupfeld
Webers „Freischütz“ in Kassel. Foto: Birgit Hupfeld
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Psychedelischer Albtraum: Ersan Mondtag inszeniert Webers „Freischütz“ in Kassel

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Einfach ist der „Freischütz“ wahrlich nicht nicht. Musikalisch lauter Hits. Vor allem der gesprochene Text zum Gruseln. Es ist wie beim „Fidelio“ – weglassen geht auch nicht. Also sind findige Regisseure und Dramaturgen gefordert.

Beim gerade ziemlich angesagten Regisseur Ersan Mondtag bleibt Webers „Freischütz“ aus dem Jahre 1821 in Kassel auch nach über zweihundert Jahren Rezeptionsgeschichte der „Freischütz“. Musikalisch sowieso. Mario Hartmuth und das Staatsorchester Kassel haben offenkundig ihre Freude dran.

An Jungfernkranz und Jägerchor, an den Arien von Max, Agathe und an dem, was Ännchen über blonde Burschen und Nero den Kettenhund beisteuert. Samt Wolfsschlucht, Probeschuss und Pseudohappyend. Bei den gesprochenen Texte von Friedrich Kind hat man sich ja angewöhnt gnädig einfach darüber hinweg zu hören. Das geht diesmal nicht, denn Mondtag nutzt die Versuchung, sich den gesprochenen Teil des Ganzen vorzunehmen und in das Libretto zu grätschen, weidlich aus. Gleichsam mit geradezu teuflischem Vergnügen. Mit einer Textbearbeitung, die sich bei vielen Autoren – von Grimmelshausen, bis Adorno, Karl Mickel und Hans Mayer – bedient.

Vor allem versetzt Mondtag auch in seiner dritten Opernregie (nach Schrekers „Schmied von Gent“ und Weills „Mahagonny“ an der Flämischen Oper und  „Antikrist“ von Rued Langaard an der Deutschen Oper Berlin) die – angebliche – deutsche Nationaloper mit dem Ehrgeiz des Gesamtkunstwerkers in eine surreale Albtraumwelt. Dabei nutzt er mit einer zum Spielführer und Interpreten im Stück aufgewerteten Samielfigur die Möglichkeiten das Stück und die Relevanz seines historischen Hintergrundes zu verdeutlichen und gleichsam in die Gegenwart zu verlängern. Zwei Bespiele:

Wenn Samiel hier die Freikugeln erklärt, dann sagt er : „Wie kämen die Scharfschützen zurecht, die Mann, Frau und Kinder von Hochhäusern und Hügeln herab auf dem Markt von Sarajevo oder dem Schulweg in Aleppo abschiessen? Was meinst du, wie Gustav Adolf, der Schwedenkönig, trotz seines Kollers von Elenshaut, bei Lützen gefallen ist? Zwei silberne Kugeln. Doch zu so etwas bedarf's anderer Künste, als bloss zu zielen.“

Oder wenn Ottakar vom Fürsten zum Reichsjägermeister wird, dann verweist dieser Auf- bzw. Abstieg zu einem Titel, mit dem sich Herrmann Göring schmückte, auf die Assoziationen, die die finsteren Gestalten auslösen, die zum Jägerchor aufmarschieren, oder beim Kugelgießen in der Wolfsschlucht nach dem leibhaftigen Aufmarsch der sieben Todsünden noch im Liegen den Arm zum Gruß in die Höhe recken. Das ist zwar deutlich, aber bleibt Teil der ästhetisch geschlossenen Kunstwelt dieser Bühne.

Die auch was von einer geschlossenen Anstalt hat, in der Max der Patient und Samiel der zynisch mit der Wahrheit über die Menschheit um sich werfende teuflische Pfleger ist. Meistens gelingt dem Schauspieler Jonathan Stolze tatsächlich die mephistophelische Verführung der Gedanken, die sein Text bietet. Mal referiert er das Grauen des Dreißigjährigen Krieges, dann hält er der ganzen Menschheit von heute eine Standpauke oder wirft er die Angel in den Orchestergraben und zieht eine Hand mit Taktstock heraus. Er changiert mit Lust zwischen Satan und vom Himmel gestürztem Engel. Nachlesen würde sich lohnen.

Bis zur Pause dominiert das Drehbühnenkonstrukt - von vorn eine Försterhausfassade mit Balkonaustritt (wie das englische „The Outpost“ an die Fassade kommt, gehört zu den Fragen, die man am besten einfach stehen lässt), von der Seite ist es dann Motel und von der Rückseite ein Raum mit Krankenhausbetten und voll überdimensionaler Pilze vor Spiegelwänden – „Wahn, überall Wahn“ und Max mittendrin. Mirko Roschkowski singt seinen Max nicht nur imponierend, sondern taucht auch darstellerisch ziemlich glaubwürdig in diese Zwischenwelt ab.

Sein spektakuläres Feuerwerk der Fantasie entfesselt Mondtag – diesmal zusammen mit Nina Peller (Bühne) und Teresa Vergho (Kostüme) – zu den ausgedehnten (Neu-Text)Passagen.

Dass der mit kräftigem Pinselstrich gemalte zweidimensionale Kulissenwald, sich mit drei echten schon gefällten Stämmen und ebenso echten Waldarbeitern zu einem Kettensägenmassaker weitet, ist einer der überraschenden Höhepunkte einer Inszenierung, bei der gleich am Anfang auf die Choristen geschossen wird. Da die aber eh zum größten Teil wie scheintote Zombies oder pure Wahngestalten von Max durch die Szene geistern, hindert das niemanden am „Viktoria“ Singen und „Hehehe“ Spott. Den bei jedem seiner Auftritte schräg verfremdet verkleideten Chor hat Marco Zeiser Celesti musikalisch auf Vordermann gebracht.

Nach der Pause ist der gemalte und zersägte Wald ebenso verschwunden wie das doppelbödig Drehbühnenhäusel. Ein Kulissenhimmel mit feuerrotem Wolkenwallen vor karger unwirklicher Nichtlandschaft über der auf Agathes Stichwort „Das Auge, ewig rein und klar“ tatsächlich ein (von welcher Comicfigur auch immer inspiriertes) Auge einschwebt. Margrethe Fredheim singt ihre Agathe mit Leuchtkraft und Anteilnahme, so wie sie ihre dezidiert unmädchenhafte rote Kostümverpackung mit Würde trägt.

Hier sieht niemand vom bekannten Personal Webers so aus, dass man ihn auf Anhieb wiedererkennen würde. Eher wie aus einer von einem Drogenrausch (die weissen Rosen des Eremiten, sind hier eh Mohnkapseln fürs Opium) oder einem abgedrehten Since fiction. Schrill, bunt, surreal. Allein die Frisur von Ännchen mit ihrem blonden Zopfgehörn und dem weißen Langschurz überm Hautengen ist eine Show für sich und würde in viele Opern passen. Da wundert es nicht, dass die vokal mit Verve auftrumpfende Emma NcNairy aus ihrer Arie „Kommt ein blonder Bursch gegangen“ eine Sado-Maso-Nummer macht, in der sie die Domina spielt und die Männer der Reihe nach schlägt oder aus dem Blechnapf fressen lässt. Dass Bassbaritonistin Sam Taskinen den Kuno mit Hütchen und Handtasche zwischen den Geschlechterklischees durch die Szene schlenkert (und markant singt) war zu erwarten. Filippo Bettoschi gibt mit giftgelber Langhaarperücke den Bösewicht Kaspar und Magnus Piontek den – warum auch immer – im Eisbärenfell steckenden Eremiten. Ilyeol Park ist erst Kilian und dann der Reichsjägermeister, der sonst nur ein schlichter Fürst ist.

Am Ende wenn sich das ganze Alptraumpersonal zum Finale versammelt fährt das Hubpodium noch einmal nach oben. Unten fügt Samiel seiner Kollektion einsammelter Opfer Max als die Nummer Sieben hinzu. Ein Jahr geschlossene Anstalt in Zwangsjacke - ganz so hatte man sich das Probejahr bislang nicht vorgestellt. Hier führt Samiel Regie und folgt noch einmal dem, was er kurz vorher über diese nie völlig gelingende Oper von Adorno geborgt hat: „Eine Höllenvision aus Biedermeierminiaturen.“ Die oben Gott den Herrn preisen sehen das, was im Untergrund brodelt nicht. Sie wollen nicht.

Der Autor schilderte seine Eindrücke vom Besuch der Generalprobe am 10. Februar, die Premiere ging am 12. Februar, dem Vernehmen nach als Publikumserfolg über die Bühne

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