Puccinis Wild-West-Oper mit Stuntmen – „La fanciulla del West“ an der Staatsoper Unter den Linden


(nmz) -
Lange hat es gedauert, bis jene Oper Giacomo Puccinis, die er selbst für seine beste erachtete, den Weg an die Berliner Staatsoper gefunden hat. Deren erste Aufführung war zugleich die erste Premiere nach der COVID-19-bedingten Schließzeit. Neben dem Live-Publikum im (immer noch ausgedünnten) Auditorium war diese Erstaufführung auch als live-Streaming zu erleben, und gleichzeitig für Opernfreund*innen in 200 Autos am Tempelhofer Feld als live-Kino-Übertragung.
14.06.2021 - Von Peter P. Pachl

Spannend, welch dramaturgisches Gespür MET-Manager Giulio Gatto-Casazza mit seinen beiden Uraufführungen des Jahres 1910 an der Metropolitan Opera bewies: Engelbert Humperdinck, dessen 100. Todestag die Musikwelt in diesem Jahr begeht, hatte in seiner durchkomponierten Opernfassung der „Königskinder“ Leiden und Tod eines jungen Liebespaares im Schnee in Töne gesetzt. Die als ein uneheliches Kind von Henkerstochter und Henkersknecht nur im Geiste königliche Gänsemagd empfängt darin den ersten Kuss in ihrem Leben von einem von zuhause ausgerissenen Königssohn. Und in Giacomo Puccinis Oper empfängt die jungfräuliche Minnie, Bibel-Vorleserin und Ersatz-Mutter für die Goldgräber in Kalifornien, den ersten Kuss von einem auf der Flucht befindlichen Gangster; im Schneesturm rettet sie den Angeschossenen, bekennt ihre Liebe und erreicht durch einen Betrug beim Pokern, dass der Minnie ebenfalls begehrende Sheriff für 14 Tage auf die Auslieferung des gesuchten Verbrechers Dick Johnson verzichtet. Anschließend soll er gehängt werden, doch Minnie gelingt es, die Goldgräber zu überreden, auf die Bestrafung Dicks zu verzichten und sie mit ihrem Geliebten ziehen zu lassen. Beide entschwinden dann in eine Utopie – nicht unendlich jener der Königskinder.

Die Bühnen haben sich seit je schwer getan mit dieser Oper Puccinis, die den Amerikanern zu wenig spezifisch amerikanisch erschien und den Puccini-Freunden in der leitmotivisch durchkomponierten Form zu wenig Arien-Highlights enthielt. David Pountney verlegte die Geschichte den 1980er Jahren in ein Filmstudio, und in Berlin versuchte Günther Schneider-Siemssen im Jahre 1982 die Handlungswiedergabe an der Deutschen Oper in pseudonaturalistischer Manier bei den Grand Canyons anzusiedeln.

Regisseurin Lydia Steuer erzählt die Wild-West-Story ohne die hier häufig eingesetzten Pferde (etwa 1977 in Wien, dressierte Lippizaner) aber mit einem lebensgroßen, fahrbaren Bison als Tresor. Sie erweitert das Wirtshausmilieu des Salons „Polka“ zu einer „Paradise“-Bar. Der Bänkelsänger Jake Wallace (Grigory Shkarupa), der den Sonnentanz in Mexiko lebender Zuñi zum Besten gibt, schwebt hier als Popstar á la Elvis im Glitzer-Paillettenanzug vor blinkenden Herzen, ihm zur Seite schaukeln Animierdamen in Ringen. Die Alleinstellung der Wirtin Minnie als einziger Frau in einer Männergesellschaft wird so nivelliert, auch durch eine Transe als Kellner Nick (Stephan Rügamer). Getanzt wird auf zusammengestellten Biertischen.

Fünf Stuntmen, die sich prügeln, aus der Bühnenhöhe (seilabgefedert) in die Tiefe springen und in heftig flammenden Anzügen zu verbrennen drohen, sowie mit pink LED-Streifen gestylte Cowboys beleben die Szene. Ein Lastwagen, dienlich sowohl zum Erhängen der Delinquenten als auch zum Abtransport der Leichen, fährt mehrfach an und ab.

Ausstatter David Zinn macht einen rechteckig gebauten Innenraum durch Videoprojektionen von Himmel und Landschaft zugleich zu einem Außenraum. Ein kleines, schwebendes Häuschen als Wohn- und Schlafstätte Minis in den Bergen wird von projiziertem Schnee umgeben (Video: Momme Hinrichs). Die im Querschnitt sichtbare Spitzdachkammer dient als Versteck für den gesuchten, von Minnie geretteten und versteckten Dick, dessen Blut dann unglücklicherweise durch die Decke auf die Hand des Sheriffs tropft.

Der Unterschleif der ansonsten offenbar vorbildlich rechtschaffenen Minnie beim Pokern um den Besitz dieses Mannes ist offenbar so tricky, dass er auch für die Zuschauer*innen im Auditorium kaum nachvollziehbar erscheint.

Die Rothaut Billy Jackrabbit (Zilvinas Miškinis) mit aufgesetzten Hasenohren und seine Frau Wowkle (Natalia Strycka) werden von der Regisseurin political correct von Indigenen zu ständig kopulierenden Drogenabhängigen umgebogen, wobei Billys Hasenohren die Connaisseure dieser Oper doch noch an einen Federschmuck erinnern mochten. Neu hinzuerfunden hat die Regisseurin ein Kind (Mia Selka de Paiva), welches die gesamte Handlung erlebt, schon vor Beginn der Aufführung, Popcorn essend, auf dem Souffleurkasten sitzt und später pantomimisch den bei Minnie untergeschlüpften Dick Johnson an die seine Verfolger verrät.

Nach dem ersten Akt erfolgt es eine der Staatsoper angemessen lange Pause mit potenzieller Verpflegung im Foyer. Die Pause zwischen zweitem und drittem Akt wird hingegen durch elektronische Einspielung von Schneesturm und Donner im Surround-Verfahren ersetzt – in der Länge überstrapaziert.

Der Schlussakt spielt dann wieder im Raum des ersten. Gegen Ende hebt sich der Projektionsschleier um das emigrierende Liebespaar einsam gegen eine Wand laufen zu lassen und sich dann wieder zu schließen.

Die Goldgräber, welche zuvor den Lastwagen im Rhythmus der Musik erschüttern ließen, sind die vom Weggang Minnies hauptsächlich Betroffenen.

Der von Martin Wright einstudierte Herrenchor der Staatsoper singt kraftvoll und vermag auch in der individualisierten Personenführung, im Verbund mit den Kaskadeuren (Stunt Koordination: Ran Arthur Braun) zu überzeugen.

Im personenstarken, männlich dominierten Ensemble der Solist*innen gibt es nur eine herausragende Trias. Die Tenorpartie des Dick Johnson, der nach dem Tod seines Vaters nolens-volens das Erbe der Leitung einer Diebesbande antreten musste, hatte in der Uraufführung, inszeniert von David Belasco, dem Autor der zugrundeliegenden Novelle, Enrico Caruso kreiert. In Anzug und Krawatte gestaltet Marcello Alvarez diese Rolle mit Schmelz und Bravour, und einer Steigerung bis zur letzten dann-doch-Arie „Ch’ella mi creda“ vor dem drohenden Erhängen, wobei Puccini leicht abgewandelt, das Thema der Exekution aus seiner „Tosca“ herangezogen hat.

In der Inszenierung an der Staatsoper Unter den Linden erscheint Minnie als ältere Schwester der Annie (aus Irving Berlins Musical „Annie get your gun!“). Anja Kampe, zunächst mit Schärfen bei der Charakterisierung der Erinnerung an die Eltern, pastos in der Bibel-Lesung und mit erwachender Leidenschaft im Mittelakt sowie einer zum Mitgefühl auffordernden Schlussansprache, vermag am Premierenabend zu immer überzeugenderer Form aufzulaufen. Ein erstklassiger Interpret für den hier zu viel rauchenden, seine Machtmittel gerne brutal überschreitenden Sheriff Jack Rance, ist der in Stimme, Spiel und Persönlichkeit gleichermaßen ausdrucksstarke Michael Volle.

Das eigentliche Erlebnis des Abends aber bietet Antonio Pappano, der die größte bei Puccini anzutreffende Orchesterbesetzung trotz einer – durch eine reduzierte Fassung von Ettore Panizza ermöglichten – Miniformation der Staatskapelle wie ein volles Orchester erklingen lässt. Der Deklamationsstil mit nur kurzen lyrischen Episoden, die partiell aufgelöste Tonalität und die synkopenreichen Ragtime- und Cake-walk-Rhythmen werden von Pappano plastisch eingebettet als zwingender Bestandteil einer von den Musiker*innen trefflich umgesetzte Lesart, geprägt von musikdramatischem Gestaltungswillen.

Am Ende heftiger Applaus für alle Beteiligten – ohne merklichen Widerspruch gegenüber dieser Inszenierung.

Bedauerlich jedoch, dass die Staatsoper es beibehält, ihre Programmhefte nur digital zu veröffentlichen. Auch die anderen Berliner Opernhäuser hatte die Argumentation, so das Virus einzudämmen, anfänglich ebenfalls zum Einstellen der Programmbuch-Printausgaben bewogen; dort jedoch werden den Besucher*innen diese wieder wie ehedem in Printform angeboten.

  • Weitere Vorstellungen: 16., 19., 24., 27. Juni und 3. Juli 2021, 4., 12. 26. Juni und 2. Juli 2022; sowie für 30 Tage in der ARD-Mediathek. 

 

 

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