Ravels „L’Heure espagnole“ in der Studiobühne des Münchner Gärtnerplatztheaters


(nmz) -
Fingerübungen für den Nachwuchs müssen sein: da reift die nächste Generation des weltweit beneideten „Theaterwunderlandes Deutschland“ heran, wird gefordert, kann sich ausprobieren und auch mal über die Stränge schlagen. Dafür sind die Experimentier- oder Studio-Bühnen etablierter Häuser da. Parallel zur Musical-Premiere oben im Großen Haus, reifte im Keller auf der durch die Generalsanierung neu eingefügten Studiobühne des Gärtnerplatztheaters ein Ravel-Einakter heran.
01.05.2019 - Von Wolf-Dieter Peter

Liebeshunger und Macho-Gehabe – inmitten von Uhrwerken? Süffisant anzüglich vergleicht Ravel den Takt von Uhrwerken mit dem Liebesakt… und die eher unersättlich nach dem richtigen Liebhaber suchende Uhrmachersfrau heißt auch noch anzüglich „Concepción“ – „Empfängnis“, sicher nicht „unbefleckt“, eher „aus-züglich“, obwohl sie die möglichen Liebhaber erst einmal in großen Standuhren versteckt, bevor sie ein muskelbepackter Maultiertreiber in ihr Schlafzimmer rauf- und runtertragen muss, was gegen Ende der spanischen Liebesstunde eindeutige Folgen hat … „Jetzt schlägt’s Sex“ lockt auch noch das offizielle Plakat in die Aufführung. Doch schnell, bevor alle kritischen Analysen in den erotischen Anzüglichkeiten des Werkes versinken, der Blick auf die Bühnenrealitäten.

Die Zuschauer sitzen in einem großen U um eine Salvador Dalis Bild „Persistence of Memory“ nachempfundene Spielfläche: öde Landschaft, dürrer Baum, an den später die weltberühmten „zerfließenden Uhren“ gehängt werden, der Fels im Hintergrund. All das hat Ausstatterin Stephanie Thurmair mit einem großen Zifferblatt umrahmt, das sich im Hintergrund hochwölbt, durchsichtig wird: dahinter sitzen die 16 Musiker, die unter Kapellmeister Kirill Stankow die Kammerorchesterfassung des Freiburgers Klaus Simon spielen. Damit scheint die Stilebene „Surrealismus“ gewählt, in dem alle kausalen Zusammenhänge aufgehoben sind. Dass damit Irrwitz, Spinnerei, Groteske, Albernheit „und alles Dererlei“ möglich sind, hat Regieassistent Lukas Wachernig in seiner zweiten eigenen Regie (vgl. nmz online.de vom 16.03.2018) dazu verführt, alles und alle kunterbunt zu überzeichnen und zu verzerren. Da die Studiobühne kein zweites Stockwerk erlaubt, wird auch alles Verstecken in großen Uhren und ihr Rauf- und Runtertragen zum sinnentleerten Rumgetue, folglich der starke Mauleselmann Ramiro im Fat-Suit zur tumben, schlechten Karikatur, den sich ein kapriziös wählerisches Weib voll südländischem Feuer kaum wählen würde. Wenn Wachernig zeigen wollte, dass Eros und Sexus uns alle immer wieder zu mehr oder minder scheiternden, also traurigen Clowns machen, dann hätte er statt in die Klamottenkiste in die anspruchsvolle Etage „Feinzeichnung“ greifen sollen.

Leider kam auch aus dem Hintergrund keine musikalische Rettung: ob die Kammer-Fassung von Klaus Simon den pfiffig-spritzigen Tonfall Ravels beibehält, war kaum zu beurteilen. Rund und schönfarbig, ja wohlfühlig nett klang alles, wobei Dirigent Stankow auch zwei größere Pausen einlegte, um „Regieeinfällen“ Zeit zu geben – etwa der Einwicklung des potenten Bankier-Liebhabers in Verpackungsfolie… Musik wie Szene verfehlten die Leichtigkeit um kesses Liebesspiel.

So blieben als einziger Trost die durchweg guten Stimmen. Gyula Rabs der Gebrauchspoesie verfallener Dichter Gonzalvo verstrahlte derart viel Tenor-Schmelz, dass eigentlich er den Sieg in der Liebe davontragen sollte. Denn Ehemann Torquemada von Juan Carlos Falcón und der reiche Don Diego von Christoph Seidl reichten da trotz schöner Töne nicht ganz heran. Matija Meić muskelprotzender Ramiro ließ Baritonfülle hören, war aber so platt übertrieben gezeichnet, dass der vokale Eindruck litt. Valentina Stadlers Concepción wog alles Testosteron keck ab, wirkte als abwägendes Subjekt der Begierde etwas zu neurotisch, sang aber sopranstrahlend alle Männer nieder. Nach dieser nur vokal spanisches „fuego“ verstrahlenden Stunde war dem Plakat entgegen zu halten: Es schlug noch nicht einmal „halb…“

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