„Mein Bruder war ich!“ Richard Bona, African Cowboy des Fusion Jazz im Gespräch


(nmz) -
Schwer zu sagen, wer da weiter gereist ist: Richard Bona oder seine Musik. Auf „Ten Shades of Blues“ (Emarcy/Universal), seinem neuen Album, folgt der Bassist und Sänger den globalen Spuren der Bluestonleiter - von Indien über amerikanischen Country bis nach Kamerun, wo Bona 1967 geboren wurde. Heute lebt Bona in New York, wo er sich vom gefragten Wunderbassisten zu einem der spannendsten Musiker der Weltmusik entwickelt hat.
24.10.2009 - Von Claus Lochbihler

Ein „African Cowboy“ – so eine Selbstbezeichnung -, der im Fusion-Jazz und den lateinamerikanischen Spielarten der Weltmusik genau beheimatet ist wie in der afrikanischen Musik. Im Interview erzählt Bona von seiner Kindheit in einem afrikanischen Dorf, dem Erweckungserlebnis durch Jaco Pastorius und den musikalischen Hintergründen seiner Sport-Begeisterung.

nmz Online: Sie haben über Minta - das Dorf in Kamerun, aus dem Sie stammen - einmal gesagt: Dort wo ich aufwuchs, ist niemand Musiker, der nicht auch singt.

Richard Bona: So ist das auch. Jeder singt bei uns. Von klein auf und bei jeder Gelegenheit.

nmz Online: Dagegen herrscht in Europa und den USA eine Art Arbeitsteilung: Sänger singen und Musiker musizieren – die wenigsten machen beides, jedenfalls nicht auf so hohem Niveau wie Sie. Hat Sie das überrascht?

Richard Bona: Ein wenig schon. Allerdings ging es mir bald ähnlich: Über Jahre war ich so auf mein Bassspiel fixiert, dass ich das Singen ganz vergessen habe. Ich musste den Gesang für mich erst wieder entdecken. Mein neues Album, „Ten Shades of Blues“, beginnt deswegen auch mit „Take One“, einer kurzen A-Capella-Nummer. Beim Blues hört man ja besonders gut, dass am Anfang aller Musik immer das Singen steht.

nmz Online:  Gibt es diese Einheit von Musik und Gesang so nur in Afrika?

Richard Bona: Nicht unbedingt. Denken Sie an die großen Entertainer der alten Schule in den USA. Die waren stets mehr als ‚nur’ ein Sänger oder ein Instrumentalist. Sammy Davis Jr. hat gesungen, und fantastisch getanzt. Louis Armstrong war als Sänger genauso bekannt wie als Trompeter, Sinatra konnte schauspielern, und Charlie Chaplin hat für die eigenen Filme Songs wie „Smile“ geschrieben. Das waren die Größten, eben weil sie nicht nur Musiker oder Schauspieler, sondern richtige Entertainer waren.

nmz Online: Ihr Großvater war ein Griot. Ist das auch so eine Art Entertainer?

Richard Bona: Gewissermaßen schon. Aber ein Griot ist noch viel mehr: Er ist Geschichtenerzähler, Musiker, Ratgeber und spiritueller Führer in einem. Er singt vom Tod, aber auch vom Glück und der Freude. In manchen Dörfern sind die Griots wichtiger als unsere politischen Führer.

nmz Online: Hat er Ihnen das Musizieren beigebracht?

Richard Bona: Nein, so läuft das nicht in einem afrikanischen Dorf. Wir spielen jeden Tag Musik, aber niemand unterrichtet dich. Du hörst und schaust einfach zu. Irgendwann machst du dann selber mit. Wissen Sie, Musik ist so ziemlich alles, was wir hatten. Als ich klein war, gab es bei uns im Dorf kein Fernsehen, kein Radio, nichts, nichts, nichts. Was zählte war die Musik. Und der Fußball. Da ist es wirklich notwendig, in wenigstens einem von beiden gut zu sein. Sonst stirbst du vor Langeweile. Ein Vorbild war mein Großvater natürlich schon. Vor allem rhythmisch. Seine linke und seine rechte Hand konnten völlig unabhängig voneinander die verrücktesten Sachen spielen – und gleichzeitig hat er noch mit den Leuten geredet. Er hat wirklich wie zwei Balafon-Spieler geklungen.

nmz Online: Haben Sie die Musik ähnlich wie das Sprechen gelernt?

Richard Bona: Genau. Musik ist ja nichts anderes als eine Sprache. Und genau so sollte man sie lernen. Zuerst hört man ewig zu, irgendwann plappert man dann selbst mit. Vom ersten Tag meines Lebens war ich von Musik und Musikern umgeben: Nicht nur wegen meines Großvaters, auch meine Mutter und alle meine Onkel waren Sänger und Musiker. Ich bin da richtig hineingewachsen.

nmz Online: Hat damit auch zu tun, dass Sie so viele Instrumente spielen?

Richard Bona: Mein erstes Instrument war das Balafon. Da war ich drei oder vier Jahre alt. Für mich war das ein Spielzeug, ähnlich wie die vielen Perkussionsinstrumente, auf denen ich den ganzen Tag herumgetrommelt habe. Ich habe mich schon immer sehr leicht getan, ein neues Instrument zu lernen.

nmz Online: Wie erklären Sie das?

Richard Bona: Weil ich die Instrumente, die ich unbedingt lernen wollte, lange Zeit nicht selber besessen habe. Ich konnte nur spielen, wenn mich jemand an sein Instrument gelassen hat. Eine richtige Gitarre und einen eigenen Bass hatte ich erst, als ich schon 17 war. Davor habe ich mir manchmal etwas selber gebaut – zum Beispiel etwas Gitarrenähnliches mit alten Fahrradbremsseilen als Saiten -, aber das waren keine richtigen Instrumente…

nmz Online: Und wie lernt man ein Instrument, das man nur alle paar Wochen in die Hände bekommt?

Richard Bona: Durch Beobachten und Zuhören. Als ich noch keine eigene Gitarre hatte, habe ich anderen Gitarristen zugeschaut, habe beobachtet, wohin sich ihre Finger bewegen, gelernt, mir Akkordgriffe zu merken. So versteht man, wie ein Instrument funktioniert. Außerdem trainiert man sein Gehör, das Gedächtnis und die Auffassungsgabe. Und beim nächsten Instrument geht alles noch leichter, weil man von Mal zu Mal besser wird.

nmz Online: Ihr nächstes Instrument war jenes, auf dem Sie bekannt und zu einem weltweit gefragten Musiker wurden: Der E-Bass. Stimmt es, dass Sie wegen Jaco Pastorius Bassist wurden?

Richard Bona: Ich lebte damals als Musiker schon in Doala. Ein Franzose hatte mich für den Club in seinem Hotel engagiert. Damit ich den Jazz kennen lerne, hat er mir seine Plattensammlung zur Verfügung gestellt. Das erste Album, das ich rein zufällig rausgezogen habe, war die Solo-Platte von Jaco Pastorius. Die erste Nummer darauf ist eine Version von Charlie Parkers „Donna Lee“. Als ich das gehört habe, war mein erster Gedanke: Die Platte läuft zu schnell! Mein zweiter: Der spielt einfach nur irgendwelche Noten, die nur zufällig so toll klingen. Ich wollte einfach nicht glauben, dass jemand so gut und so schnell Bass spielen kann. Als mir klar wurde, dass da jemand ganz genau weiß, was er tut, wollte ich nur noch eines: Ein so guter Bassist werden wie Jaco Pastorius.

nmz Online: Und wie haben Sie das angestellt?

Richard Bona: Ähnlich wie bei den anderen Instrumente. Nur, dass ich diesmal niemandem auf die Finger schauen konnte. Aber es gab ja die Aufnahmen. Alles, was ich von Jaco auf Platte oder Kassetten kannte, habe ich runtergehört. Damit das Tape langsamer lief, habe ich manchmal halbleere Batterien benutzt, um besonders schnelle und schwierige Passagen nachspielen zu können.

nmz Online: Und wie lange hat das alles gedauert?

Richard Bona: Etwa ein Jahr. Danach habe ich genauso geklungen wie Jaco. Das ging sehr schnell, weil ich fast nichts anderes gemacht habe. Auch musikalisch hatte ich gute Voraussetzungen. Auf der Gitarre hatte ich die ganzen Soli von George Benson runtergehört: Sachen wie „Give Me The Night“ oder Breezin’“. Das war eine gute Basis, um die Musik und das Instrument von Jaco Pastorius zu lernen. Als ich endlich den ersten eigenen Bass hatte, habe ich die Bundstäbe sofort rausgemacht – er sollte genau so klingen wie der von Jaco, dem Erfinder des bundlosen E-Basses. Eine Zeitlang habe ich sogar versucht, so auszusehen wie er. Ich war ein richtiger Jaco Pastorius-Clown. Dass das auf Dauer nicht ausreicht, habe ich erst später in Paris gemerkt.

nmz Online: Wenn man Sie hört klingt alles so leicht. Hat Musik Ihnen nie so etwas wie Mühe abverlangt?

Richard Bona: Ich habe Musik tatsächlich nie als Arbeit empfunden. Auch nicht als anstrengend. Wenn einem etwas so gut gefällt wie mir damals Jaco Pastorius, erscheint einem auf einmal nichts zu schwer. Musik ist für mich eine große Leidenschaft – so wie das Fußballspielen. Am liebsten würde ich, wenn es möglich wäre, 24 Stunden spielen.

nmz Online: Musik oder Fußball?

Richard Bona: Am liebsten beides.

nmz Online: Spielen Sie denn Fußball auch in New York?

Richard Bona: Klar. Am liebsten mit Mexikanern. Oder mit Kolumbianern. Nicht so gern mit Amerikanern – die verstehen diesen Sport irgendwie nicht.

nmz Online: Und vor Verletzungen haben Sie – wie so viele andere Musiker – keine Angst?

Richard Bona: Nicht beim Fußball. Als ehemaliger Boxer weiß ich, was richtige Verletzungen sind. Meinen Fingern zuliebe habe ich mit dem Boxen aufgehört - obwohl ich den Sport immer noch liebe. Heute mache ich neben dem Fußballspielen nur noch Schattenboxen.

nmz Online: Was interessiert Sie am Sport? Dass er so verschieden von der Musik ist oder so ähnlich?

Richard Bona: Für mich geht um das gleiche wie in der Musik: Rhythmus und Bewegung. Jedenfalls bei den Sportarten, die mich interessieren – Boxen, Fußball und Basketball. Boxen kann so rhythmisch wie Tanzen sein. Muhammad Ali ist zwar nicht mein Lieblingsboxer, aber rhythmisch gesehen war er der Größte. Er hatte die besten Beine, die ein Boxer je hatte. Deswegen hat er manchmal auch mehr getanzt als geboxt.

nmz Online: Gibt es Sportarten, die Sie gar nicht mögen?

Richard Bona: Am schlimmsten finde ich Golf. Da ist für mich überhaupt keine Musik drin.

nmz Online: Aber viele Musiker spielen Golf.

Richard Bona: Stimmt. Einige meiner Freunde zum Beispiel. Sadao Watanabe, der japanische Saxophonist, wollte mich einmal bekehren. Drei Tage lang habe ich ihm den Gefallen getan und bin mit ihm über den Golfplatz gelatscht. Immer wenn ich den Ball angeguckt habe, hab’ ich mich gefragt, was das soll. Drei Abschläge in vier Stunden – das ist mir zu wenig Action. Wo soll da der Rhythmus sein?

nmz Online: Sie haben zwei Jahre in der Band von Joe Zawinul gespielt. War er ein Golfer oder ein Boxer?

Richard Bona: Ein begeisterter Boxer natürlich. Sein ganzes Leben lang. Noch dazu ein Guter. Gegeneinander gekämpft haben wir allerdings nicht. Dafür war der Altersunterschied einfach zu groß.

nmz Online: War die Begegnung mit Zawinul für Sie so wichtig wie Jaco Pastorius?

Richard Bona: Auf Zawinul bin ich über Jaco gekommen: Über ihre gemeinsamen „Weather Report“-Alben. Ich war also schon Zawinul-Fan bevor ich das Glück hatte, mit ihm spielen zu dürfen. Er wurde zu einem wirklich guten Freund. An meinem Geburtstag hat er immer angerufen, sogar als ich schon längst nicht mehr im „Joe Zawinul Syndicate“ gespielt habe. Wenn einer „Happy Birthday motherfucker!“ zu mir gesagt hat, wusste ich, dass Joe am Telefon ist. Schade, dass er vor zwei Jahren gestorben ist. Ich vermisse ihn sehr.

nmz Online: Stimmt es, dass Sie die Musik von Joe Zawinul und „Weather Report“ besser kannten als er selbst?

Richard Bona: Viele Musiker hören die eigenen Aufnahmen nur ganz selten. So war das auch bei Joe. Ich dagegen hatte alles, was es von ihm, „Weather Report“ und Jaco Pastorius gab, nicht nur hundertfach gehört, sondern dazu auch mitgespielt. Ich kannte das in- und auswendig. Wenn ich mit 20 bei einem Jaco Pastorius-Nachspielwettbewerb gegen Jaco Pastorius angetreten wäre, ich hätte gewonnen! Und so war das auch mit der Musik von „Weather Report“. Wenn wir etwas von „Weather Report“ spielten und darüber diskutierten, ob man einen Break zwei- oder dreimal wiederholt, hatte immer ich Recht, nie Joe.

nmz Online: Bekannt wurden Sie als Bassist. Immer öfter kann man Sie auch als Gitarrist, Sänger und Perkussionist erleben, etwa mit Pat Metheny.

Richard Bona: Als ich noch ziemlich neu in New York war, bin ich mehrmals gefragt worden, ob ich einen Bruder habe, der Gitarre bei Harry Belafonte spiele und mir total ähnlich sehe. Das war ich! Die kannten mich als Bassisten, wussten aber nicht, dass ich noch andere Instrumente spiele, davon viele wesentlich länger als den Bass. Ja, es hat eine Weile gedauert, bis die Leute verstanden haben, dass ich in erster Linie nicht Bassist, sondern Musiker bin.

nmz Online: Sie leben seit bald 15 Jahren in New York. Ist das für Musiker noch immer die beste und aufregendste Stadt?

Richard Bona: Natürlich ist New York eine tolle Musikstadt. Aber das ist nicht der Hauptgrund, warum ich dort lebe. Dort fühle ich mich einfach sehr wohl. Für die Musik ist es eigentlich ziemlich egal, wo man lebt. Ich bin sowieso fast die ganze Zeit auf Tour oder bei Aufnahmen. Und seitdem alles digital ist, kann man Songs mühelos dort einspielen, wo man sich gerade befindet. Ein Beispiel dafür ist „Shiva Mantra“ auf meinem neuen Album. Das haben wir inklusive der Straßengeräusche zum größten Teil in Bombay aufgenommen, die Perkussion kam dann in Neu Delhi dazu, die Sänger in Madras.

nmz Online: Bevor Sie in die USA gingen hatten Sie unter anderem in Deutschland und Frankreich gelebt. In Frankreich wurde Ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert. Begründung: Es gebe schon zu viele arbeitslose Bassisten. Hat man Sie in den USA freundlicher aufgenommen?

Richard Bona: Von den Ausländerbehörden dieser Welt wird man leider nirgendwo besonders freundlich behandelt. Der Unterschied in den USA ist natürlich, dass man dort, sofern man Arbeit hat und Steuern zahlt, viel leichter die Staatsbürgerschaft bekommt als in den meisten europäischen Ländern. Die sind da viel nationalistischer. Aber viel wichtiger ist für mich eine andere Erfahrung: Wie freundlich einen die Menschen aufnehmen, egal wo man gerade spielt. Das zählt für mich, nicht die Bürokraten. Natürlich kann sein, dass ich da als Musiker ziemlich verwöhnt bin. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch deswegen möchte ich, dass die Leute von meinen Konzerten glücklich nach Hause gehen. Am besten mit einem Lächeln im Gesicht.

Interview: Claus Lochbihler

Konzerte:
30. und 31.10.2009: Berlin (Quasimodo)
01.11.2009: Ludwigshafen (Enjoy Jazz Festival)
04.11.2009: Aschaffenburg (Colos-Saal)
06.11.2009: Ravensburg (Kantine)
15. 11. 2009: Viersen (Bass-Tag)

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