Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals „Ariadne auf Naxos“ in Meiningen bejubelt


(nmz) -
Mit dem Titel der Oper „Ariadne auf Naxos“ hat man – in diesem Falle – nur die halbe Wahrheit. Er erfasst die kleine Oper, in die ein junger Komponist unter den Fittichen seines alten Musiklehrers sein ganzes Herzblut gelegt hat. Natürlich mit dem ganz großen mythischen Gegenstand, die Verzweiflung der von Theseus auf Naxos zurückgelassenen Ariadne, ihrer Todessehnsucht und der spektakulären Ankunft eines Gottes. Sie hält den – in Meiningen wie ein Deus ex machina aus dem Schnürboden einschwebenden Gott Bacchus – für den Gott des Todes. Und er hält sie (obwohl ein Gott) auch irrtümlich für die Zauberin Circe. Das Tröstliche daran ist, dass sich beide irren. Bacchus ist für Ariadne (und für das mitfiebernde Publikum) eindeutig die bessere Wahl. Und sie für ihn natürlich auch, so dass einer Apotheose der Musik und der Stimmen nichts mehr im Wege steht.
17.04.2018 - Von Joachim Lange

Es ist dieses Spiel mit dem Theater und seinen Voraussetzungen, das die „Oper in einem Aufzug nebst einen Vorspiel“ wie Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ihren „Rosenkavalier“-Nachfolger genannt haben, so amüsant macht. Dazu gehört auch der Anfang der Rezeptionsgeschichte selbst. Bei der Stuttgarter Uraufführung 1912 noch als Kombination aus gleichberechtigt nebeneinander stehendem Schauspiel und Oper, wurde daraus die Form, die wir seit der Wiener Uraufführung der zweiten Fassung 1916 kennen. Eine Melange aus musikalischer Komödie und „richtiger“ Oper, in der es noch eine einzige Sprechrolle gibt. Es ist jener Haushofmeister, der seinen Herrn und Auftraggeber vertritt. Er bezahlt alle Künstler, richtet aber auch mit Vehemenz den Wunsch seines Herrn aus, dass man das bestellte heitere Stück und die Oper doch am besten gleich zusammen präsentieren solle. Was vor allem den Komponisten und seine Stars in helle Aufregung versetzt. Aber die Theaterpraktiker und der lebenserfahrene Musiklehrer des Komponisten sorgen dafür, dass die Sache am Ende funktioniert. Das fiktive Publikum im Stück und das reale im Theater kommt so voll auf seine Kosten. Kriegt beides: eine Komödie und eine kleine große Oper!

Mit dieser Melange aus Kunst und wahrem (Künstler-)Leben spielt die Inszenierung der scheidenden Meininger Operndirektorin Aldona Farrugia in der Ausstattung von Anja Hertkorn an. Sie entfesseln das Theater geradezu. Alles beginnt in einer Proben- oder Aufwärm-Atmosphäre schon bevor die Musik einsetzt. Ein improvisiertes Pausenintermezzo mit dem Haushofmeister als Spielmeister kommt hinzu. Oder die Souffleuse sagt dem Haushofmeister mit Allonge Perücke und abhanden gekommenen Strümpfen seinen Text so lange und laut vor, bis der sie genervt rausschmeißt. Die rechte Proszeniumsloge ist für die Primadonna reserviert, die sich zu Beginn ihrem Ruf entsprechend kapriziös aufführt. Auf der Bühne wird nicht mit einzelnen Kulissen(-versatzstücken) und Effekten gespart. Sie spielen ironisch mit der Rampengeste, dem Vorhang und der Applausordnung. Das macht allen Spaß. Auf der Bühne und im Saal. Da wirkt es kein bisschen störend, dass die Regieassistentin Tanyel Bakir in ihren Arbeitsklamotten aushilfsweise (in der Oper im Stück) die Najade spielt, die Ani Tangiguchi (krankheitsbedingt ersatzweise) von der Seite aus singt. So ist dieses Trio, das Ariadnes Trauer und die Ankunft des Gottes auf der „wüsten Insel“ Naxos kommentiert, und zu dem Anne Ellersiek (Echo) und Marianne Schechtel (Dryade) gehören, sogar mehr als komplett.

Der metaphorische Ariadnefaden dieser Inszenierung ist die Reduktion von der Faszination des entfesselten Spiels auf die der Musik, die am Ende sozusagen für sich steht und triumphiert. Da sind dann auch alle Kulissen verschwunden. Und erst das Spiel mit dem Vorhang beim Schlussapplaus und das echte Minifeuerwerk auf der Bühne erinnern wieder an die Rahmenhandlung.

In Meiningen ist damit eine unterhaltsam reflektierte und lebendige Inszenierung gelungen. Sie funktioniert auch deshalb so gut, weil mit Brit-Tone Müllertz eine wirklich erstklassige Primadonna bzw. Ariadne zur Verfügung steht.  Sie lässt ihre Stimme mit einer Selbstverständlichkeit so mühelos leuchten, dass auch sie (und nicht nur wie meistens in diesem Stück die Koloraturen der Zerbinetta) mit Szenenapplaus bedacht wird. Als Tenor und Bacchus kann Michael Siemon voll mithalten. Seine Stimme behält auch im Forte einen lyrischen Klang, zumal er die sonst in der Partie oft anvisierte Kraftmeierei vermeidet.

Auch sonst ist das Ensemble auf der Höhe: vom Komponisten (mit leicht angeschärfter Höhe: Deirdre Angenent) und dessen Lehrer (mit herausstechender Deutlichkeit: Dae-Hee Shin) über den leichtfüßigen Tanzmeister (komödiantisch wie gewohnt: Stan Meus) und Zerbinetta (koloratursicher: Monika Reinhard) und ihre Männern Harlekin (Marián Krejčík), Scaramuccio  (Ondrej Šaling), Truffaldin (Daniel Pannermayr) und Brighella (Siyabonga Maqungo) bis zum Haushofmeister, der für einen gestandenen Schauspieler wie Gregor Nöllen natürlich ein Kabinettstück ist.

Dass Strauss und Hofmannsthal bei diesem Stück über das Verhältnis von Geld und Geist mit den Künstlern sympathisieren, wird allein schon dadurch klar, dass nur die Letzteren überhaupt vorkommen. Mit all ihren Macken, ihrem Können und ihrer Menschlichkeit. Auf der Bühne und backstage. Genau davon erzählt diese Inszenierung.

In den einhelligen Schlussapplaus sind am Ende auch das Regieteam und vor allem GMD Philippe Bach und die Hofkapelle einbezogen, die gleichermaßen für das komödiantische Feuerwerk, den großen dramatischen Ariadne-Ton und die eloquente Zerbinetta-Leichtigkeit im Graben sorgten!