Rituale ohne Dogmen: Die 50. Wittener Tage für Neue Kammermusik


(nmz) -
„In Räumen sein, wo noch nie jemand war“, so formulierte der Klarinettist Jörg Widmann jenen Idealzustand der ästhetischen Belebung, welche bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik seit nunmehr fünf Jahrzehnten Programm ist. So etwas wollen regelmäßig die angereisten Protagonisten herbeiführen und dafür reist eine internationale Zuhörerschaft an. Im Jahr 1969 wurde das Wittener Festival in seiner heutigen Form geboren. Einen verlässlichen Rahmen liefert hier der Westdeutsche Rundfunk, der sich in einer Zeit einklinkte, in der die Sicherstellung öffentlicher Bildungsaufträge auch für „Minderheiten“ noch ein Kerngeschäft war. In Witten lebt so etwas fort. Also wurde auch am Festivalwochenende 2018 abendfüllend Neue Musik in den Äther gestrahlt.
01.05.2018 - Von Stefan Pieper

Seit 1990 stellt sich der Programm-Macher Harry Vogt mit viel Herzblut seiner hohen Verantwortung für die kulturelle Gegenwart. Einen weiteren großen Dienst leistet das Festival überdies für die Stadt Witten. Diese eher proletarisch strukturierte Ruhrgebietsstadt ist mit einigen hervorragenden Bauwerken gesegnet. Der Saalbau bietet gute akustische Voraussetzungen und die Rudolf-Steiner-Schule ist ein Kleinod in Sachen organischer Architektur. Auch das Haus Witten und das Märkische Museum lohnen für sich schon einen Besuch dieser Stadt. Die Wittener Tage sorgen alljährlich dafür, dass diese Bauten das bekommen, was sie verdienen: Nämlich mit bestmöglichen künstlerischen Mitteln „bespielt“ zu werden und damit – sogar international! – in den Fokus zu rücken. Viele Städte, die ebenfalls Bauwerke dieser Güte besitzen, verschlafen hier eklatant viel!

Wittens Märkisches Museum wurde in diesem Jahr zum „Flüsternden Haus“ erkoren, denn dieser Bau taugt idealtypisch für alle erdenklichen Raumklang-Abenteuer. Aktuell inszenierte der Klarinettist Jörg Widmann zusammen mit dem SWR-Experimentalstudio Marc Andres neue Komposition „…selig sind“. Sie kollagiert Worte aus der Bergpredigt mit O-Ton-Fetzen von Menschen aus Witten. Die eigentliche spirituelle Dimension spielt sich aber auf anderer Ebene ab: Widmann durchschreitet die Räume und geht mit seiner Klarinette der Physiognomie jedes Einzeltones auf den Grund. Dabei wird auch der Umgebungsklang zum Teil der Aufführung, ebenso wie das gedämpfte Licht und letztlich auch die Haltung des Publikums, welches sich mit geschlossenen Augen hingibt. Damit erfüllten sich jene „wortlosen Rituale, die von Dogmen, Ideologie und Bekehrung losgelöst sind“ – wie es Ashley Fure im Begleittext in Bezug auf ihr eigenes Klangstück „A Library on Lightning“ formuliert hatte. Dieses brachte das Klangforum Wien zur Aufführung.

Reflexionen über das Prinzip „Trial and error“ war das diesjährige Leitmotiv. Wer immer nur plant, lebt nicht mehr, und ein schöpferischer Prozess bezieht aus dem Unvorgesehenen seine Nahrung. Collagenartig machte Gordon Kampe in seinem Stück „Fat Finger Error“ solche Überlegungen bildhaft, wenn er sehr trickreich viele historische Momente des manchmal produktiven, aber immer charmanten Scheiterns in einen Fluss brachte.

Vito Zurajs neues Stück „Tension“ schöpft sein Material aus Klangerzeugern, wie sie wohl kaum im Instrumentalunterricht bzw. -studium vorkommen. Da „streichen“ die Spieler ihre Saiten mit Bleistiften, werden Harfenseiten mit dem Schraubenzieher in metallische Schwingung versetzt. Aber jenseits solcher Effekte schöpfte das Klangforum Wien eine extrem kurzweilige pointierte Rhetorik. Überhaupt zeigten sich die Spezialensembles wie Trio Accanto, Ensemble Recherche und Klangforum Wien, letzteres unter Leitung von Emilio Pomàrico, bestens in ihrem Element. Da flutete eine faszinierende Klang-Haptik den Raum in Yann Robins aktuellem Stück „Übergang“. In solchen Momenten entfernt sich Musik am meisten von jeder narrativen Struktur. Das ist manchmal nötig, um die ganzen Möglichkeiten jenseits der zwölf wohltemperierten Töne auszuloten.

Narrative Strukturen sind aber zu größter ästhetischer, sich gerne auch wild gebärdender Freiheit kein Widerspruch. Das demonstriert etwa die polnische Künstlerin Agata Zubel – eine der wenigen Figuren in Witten, bei der Personalunion zwischen Schöpfung eines Werkes und seiner „Interpretation“ auf der Konzertbühne herrscht. Aktuell haben es ihr Auszüge aus Shakespeares Antony and Cleopatra angetan – woraus ein zupackender, manchmal verstörender Monolog hervor ging. Ähnliches hatte der Komponist Franck Bedrossian mit seinem Zyklus „Epigram 1-3“ im Sinn, auch hier geht es um eine literarische Textausdeutung mit heutigen, „unvorhersehbaren“ Mitteln: Die französische Sopranistin Donatienne Michel-Dansac agierte hier mit eindringlicher Strenge und viel Expression, um lange Spannungsbögen auszuhalten, die dem imaginären Klang-Theater Orientierung gab und sich im Kern auf einen Text von Emily Dickenson bezog.

Das Gesamtbild der Uraufführungen, Performances, Installationen, Symposien der aktuellen Festivalausgabe widerspiegelte die kreative Umtriebigkeit einer jungen Komponistengeneration, die hungrig danach ist, sich auf vielfältige Weise auszudrücken. Aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen finden in den vielen artifiziellen Abenteuern eher nur indirekt und punktuell Widerhall. Die große, auch provokative Einmischung fehlt meistens. Aber es wurde dennoch so manche augenzwinkernde Botschaft ausgesendet. Viele notorische Stadtmenschen haben wohl lange nicht mehr an einem Lagerfeuer gesessen. Dazu bestand, zumindest virtuell Gelegenheit in Chelsea Leventhals Outdoor-Installation „Pychoanalysis of Fire“, wo es doch viel behagliches Knistern und auch viel Wärme mittels Rotlicht gab.

Die Natur taugt allemal als spirituelle Kraft, was bereits Olivier Messiaen in seinen Vogelstimmen-Adaptionen hinreichend demonstriert hat. Carola Bauckholts Arbeit „Doppelbelichtung“ definiert dieses Prinzip im Heute: Hochvirtuos beherrscht Solistin Karin Hellqvist das Spiel mit den Flageoletts, um damit in rasanter Echtzeit die Texturen von Vogelstimmen zu beantworten. Gleichzeitig hängt der Raum voller weiterer Violinen, die elektronisch mit virtuellen Vogelstimmen „bespielt“ werden. Wenn im nächsten Jahr wieder die großen Freiluft-Inszenierungen auf dem Programm stehen, könnte diese Solistin doch mal ein Improvisationskonzert mit echten Vogelstimmen direkt im frühlingshaften Wald begehen, oder?

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