Ruhe im Rummel: die Trauerfeier für Michael Jackson – Ferchow vor der Röhre


(nmz) -
Nur wenig hat sich geändert. Bis auf die Tatsache, dass Michael Jackson immer noch tot ist. Doch das Spektakel, die Geheimniskrämerei, die Gerüchte und Spekulationen um seine Person bleiben über seinen Tod hinaus existent. Daran konnte ebenso die Trauerfeier, die gestern im Staples Center von Los Angeles stattfand, nichts ändern. Und erst recht nicht die zwar handwerklich recht ordentliche, dennoch aber kaum distanzierte Berichterstattung der deutschen TV-Anstalten. Beobachtet gestern zwischen ARD, ZDF, N24 und n-tv.
08.07.2009 - Von Sven Ferchow

Die Informations-Laufbänder der deutschen Nachrichtensender wienerten seit dem frühen Dienstagmorgen die Mattscheiben mit groben Hypothesen zur Trauerfeier auf einen Restdurchmesser von zwei Millimetern blank. Sogar ARD und ZDF stiegen in das Info-Chaos ein und sendeten ab 19.00 live von der Trauerfeier. Und wer hellseherisch Kitsch und Pathos prophezeite, der lag am Ende des Tages nicht wirklich falsch. Allein das RTL-Nachtjournal griff in seiner Bewertung der Ereignisse wieder einmal völlig daneben und sprach von einer würdevollen Feier ohne Kitsch. Dann wollen wir die RTL-Nachtredaktion mal auf den neusten Stand bringen.

Vorher
Schon im Vorfeld der Trauerfeier versank das edle Ansinnen in einer Mischung aus Tratsch und Klatsch sowie Gerüchten und Mutmaßungen. Wird Jackson ohne Hirn beerdigt, weil noch untersucht vom Gerichtsmediziner? Und wenn ja, wird das Hirn dann später in einer separaten Trauerfeier beigesetzt? Wo wird er wann beerdigt? Wird sein Grab zementiert, um Übergriffe zu vermeiden? Wird er zur Trauerfeier aufgebahrt? Und liegt er überhaupt im Sarg? Wer darf zur Trauerfeier und zur Beerdigung und wer kommt auf keinen Fall rein? Ist das respekt- oder gar würdevoll, liebes RTL-Nachtjournal?

Wer sich so genährt von der Gerüchtesuppe vor dem Staples Center anstellen durfte, hatte bereits eine bizarre und befremdliche Prozedur hinter sich. Die Tombola der Eintrittskarten zur Trauerfeier. Natürlich per Internet. Denn Michael Jacksons Tod ist ein „Internet-Phänomen“, sagen große Medienexperten. Hoffentlich regt dieses Modell der Einlasskontrolle nicht zum Nachahmen an. In der Zwischenzeit gab es Livebilder, die sich anschickten, Meilensteine der Fernsehgeschichte zu werden: Minutiös wurde der Transport des Sarges gefilmt und live ins Wohnzimmer gebracht. Raus aus der Leichenhalle, rein in den Leichenwagen, 20 Kilometer Verfolgung per Hubschrauber über die Stadtautobahnen von Los Angeles, Ankunft vor dem Staples Center, Ausladen, Hineinrollen. Muss man das eine halbe Stunde übertragen? Immerhin halten sich ARD und ZDF in dieser Phase zurück und senden ihren eigenen Klumpatsch: hochproblematische Vorabendserien.

Mittendrin
Logischerweise beginnt die Feier mit Verspätung. Doch überraschenderweise ist das Bühnenbild dezent gehalten. Blumen stehen im Mittelpunkt. Und Jacksons Sarg. Zentral vor der Bühne platziert. Deplatziert allerdings die Rhetorik der Redner und Freunde. Zu viele hatten etwas zu sagen: Nelson Mandela ließ vorlesen, Brooke Shields, „Magic Johnson“, Queen Latifah und viele andere mehr erzählten von und erinnerten an Michael Jackson. Klar, dass die Superlative schnell ausgingen und durch den inflationären Gebrauch künstlich, gewollt und teils aufgesetzt in der Luft des Staples Centers verpufften. Weniger wäre mehr gewesen. Rhetorik, die sehr wohl im Klimbim endete, liebes RTL-Nachtjournal. Selbst wenn man den pathetischen Bonus für die Amerikaner generös abzieht.

Bei den Musikeinlagen kann man sich über die Songauswahl streiten, doch die Künstler selbst waren gut ausgewählt und zeigten perfekte Interpretationen. Indes hatte man bei manchen den Eindruck, sie wollten auf der Trauerfeier nutzen und wieder ein Lebenszeichen von sich geben. Oder wo waren Mariah Carey und Lionel Richie in den letzten fünf Jahren?

Traurig der Moment, in dem Jacksons Tochter Paris ans Mikrofon tritt. Mit wegbrechender Stimme schluchzt sie: „Seit meiner Geburt war Daddy der beste Vater, den man sich vorstellen kann, Ich will nur sagen: Ich liebe ihn.“ Man ist hin und her gerissen. Natürlich weil sie weint. Und ein Kind seinen Vater verloren hat. Aber auch vom Gedanken, wieso Paris das macht. Warum keiner der hinter ihr stehenden Jackson-Familie sie davon abgehalten hat. Nicht, dass man ihr den Inhalt der Botschaft nicht glauben möchte. Aber die Worte manifestieren sich eher als trotziges Statement, als posthumes Argument gegen unbewiesene aber auch unausgeräumte Vorwürfe gegen ihren Vater.

Eine Trauerfeier, die sehr wohl im Kitsch und Pathos unterging, weil die Rahmenbedingungen gar nichts anderes zuließen als Worthülsen, Tränen und zweifelhafte Aufgekratztheit. Vielleicht war es noch zu früh für diese Trauerfeier, die sich im Sumpf der Gerüchte und Spekulationen bewähren musste. Und dem eigentlichen Anlass, nämlich der Würdigung eines großen Künstlers, nicht vollends gerecht wurde.

Nachher
Möglicherweise ziehen die TV-Sender aus diesem Spektakel die richtigen Schlüsse, nämlich Unwichtiges von Wichtigem zu unterschieden. Distanziert und kritisch zu reflektieren. Wenn nicht vorher, dann wenigstens anschließend. Information und Entertainment sind Partner. Klar muss aber jederzeit sein, wer das Zepter in der Hand hält. Man darf sich nicht ständig allem ergeben und verkaufen. Die Gelegenheit besteht weiter. Denn in den nächsten Wochen wird Michael Jackson eine streitbare, sonderbare und profitable Person bleiben. Skurille Auseinandersetzungen um Erb- und Sorgerechtsfragen stehen an. Und schon unmittelbar im Anschluss meldeten sich unzählige Freunde zu Wort, die selbstverständlich genau wussten, dass Michael Jackson die Trauerfeier so gewollt hätte. Oder auch nicht.

Nur eine behielt vorher, mittendrin und nachher als eine der wenigen Contenance: Liz Taylor, eine wahre und enge Vertraute von Michael Jackson. Mit diesem „Tam Tam“ wolle sie nichts zu tun haben. Möglicherweise hätte der King of Pop Zeit seines Lebens ein paar mehr dieser Freunde gebraucht.

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