Salzburg ohne Osterfestspiele – „Geisterkonzerte“ – Leben ohne Gesang?


(nmz) -
Eine großen Bogen durch die Kulturlandschaft schlägt unser Autor Michael Ernst von der Absage der Salzburger Osterfestspiele über Geisterkonzerte in Berlin, Köln und Leipzig bis hin zur Frage danach, wer warum singt. Und er erinnert uns daran, dass diese unerwartete Ausnahmesituation der „Länder des Westens“ in vielen Gegenden der Welt purer Alltag ist. Nicht absehen können, was morgen geschieht, woher Essen und Trinken kommen sollen …
17.03.2020 - Von Michael Ernst

Und wir hatten uns schon so sehr auf Verdis „Don Carlo“ gefreut! Wie würde die Schiller-Oper wohl den Konflikt an der Salzach bespiegeln, der da momentan zwischen dem Noch- und dem Zukunftsintendanten ausgetragen wird? Wie schlägt sich der (noch) Künstlerische Leiter in der Intrige? Würde er womöglich Schönbergs „Gurre-Lieder“ als hoffnungslos pompöses Menetekel dirigieren? Und, nicht zuletzt, wie positionieren sich Publikum, Freundeskreis und Sponsoren? Sie alle müssen nun nicht nur auf die programmatischen Höhepunkte, auch auf Henzes „La piccola Cubana“ und schillernde Konzertereignisse verzichten.

Sie ahnen, worum es hier geht: Die Osterfestspiele Salzburg 2020 sind abgesagt worden. Obzwar in Österreich vorerst ein Tabu für sämtliche Großveranstaltungen bis einschließlich 3. April galt, wurde auch das große, das elitäre Musikfest, das vom 4. bis zum 13. April währen sollte, vorsorglich am 12. März komplett storniert. Im Gegensatz zum bereits sattsam belächelten Bachler-Brief übrigens orthografisch korrekt, gespickt allerdings mit Ausdrücken einer nahezu k.u.k.-tauglichen Begriffswelt. Von der „Undurchführbarkeit der Osterfestspiele“ wird da berichtet, von großem Bedauern natürlich auch. Eine Alternative dürfte es aber wohl kaum gegeben haben, „zumal eine bescheidmäßige Untersagung in Aussicht gestellt wurde.“

Das ist freilich nichts gegen die bajuwarische Poesie des Nikolaus (vormals: Klaus) Bachler“, die unter dem Titel „NikiLeaks! Blutostern über Salzburg“ genüsslich ausgeweidet und einer gewiss interessierten Öffentlichkeit vorgestellt worden ist. In der Tat, ein Vorgang zum Fremdschämen. Bei „Don Carlo“, den Vera Nemirova inszenieren sollte, wäre dies möglicherweise ein Fall für den Großinquisitor gewesen.

Geisterkonzerte

Nach dieser Absage bleiben der Sächsischen Staatskapelle als Salzburger Residenzorchester und ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann als Künstlerischem Leiter der Osterfestspiele nur mehr zwei Jahrgänge – die nun fürderhin ab 2021 in der Intendanz des auf Peter Ruzicka nachfolgenden Nikolaus Bachler zu gestalten sein werden. Wie als ein Ablenkungsmanöver wurde schon mal das Programm für die nächsten, hoffentlich ersten post-coronösen Ostertage veröffentlicht. Puccinis „Turandot“ soll es dann geben, immerhin mit Anna Netrebko in der Titelrolle. Die Geigerin Hilary Hahn erhält den Herbert-von-Karajan-Preis, Antonio Pappano wird der Gastdirigent sein, Denis Matsuev spielt Griegs Klavierkonzert, Philippe Herreweghe dirigiert Bachs h-Moll-Messe und Pianist András Schiff das Konzert für Salzburg vom Klavier aus. Und auch Wagners „Lohengrin“ ist längst als die Abschiedsposition bekannt, mit der sich Thielemann von der Salzach verabschieden wird – wenn er denn so lange dort durchhält.

Im Moment ist er ebenso wie sein Orchester zwangsbeurlaubt worden. Im föderal äußerst kleinstaatlich agierenden Deutschland entschied ja immer noch jedes Ländchen autark über den Umgang mit der Pandemie Covid-19. Peu-à-peu wurden alle Kulturveranstaltungen abgesagt, eingestellt und behördlich verboten. Italien ist diesen Schritt wohlweislich schon wesentlich früher gegangen.

Dennoch soll die Musik gerade in diesen schwierigen Zeiten den Menschen Kraft geben und ihnen nötigenfalls Trost spenden. Simon Rattle brachte es in einem der ersten „Geisterkonzerte“ bei den Berliner Philharmonikern (den Anfang hat wohl das Gürzenich-Orchester in der Kölner Philharmonie gemacht) so auf den Punkt: Musik gebe den Menschen Hoffnung und würde dies wohl auch im digital übertragenen Konzert möglich machen. Frei nach dem Vorbild der „Geisterspiele“ im Fußball wurden Luciano Berios „Sinfonia“ für acht Stimmen und Orchester sowie Béla Bartóks Konzert für Orchester vor leeren Rängen aufgeführt – und kostenfrei in der Digital Concert Hall sowie live im öffentlich-rechtlichen Rundfunk übertragen.

In Leipzig nahm man sich daran ein Vorbild, um das dort zur Buchmesse geplante und ans Kriegsende vor 75 Jahren erinnernde Konzert nicht ganz und gar ausfallen zu lassen. Von der Nikolaikirche wurde es in den Orchestersaal des MDR verlegt und von Deutschlandfunk Kultur sowie MDR Kultur und MDR Klassik live ausgestrahlt. Das Programm mit Werken von Bohuslav Martinů, Leoš Janácek, Cyrillus Kreek, Paul Ben-Haim und Benjamin Britten bezog sich natürlich auf das Gedenken des Kriegsendes, assoziierte aber geradezu apokalyptische Eindrücke. Zudem machte es einmal mehr darauf aufmerksam, dass in diesen Tagen zwar vielerorts Lebensmittel und erstaunlicherweise auch Toilettenpapier gehortet werden, also eine galoppierende Ausnahmesituation herrscht, eines aber fortgeführt wird, als gäbe es weder Corona noch Grippe. Das ist der Krieg. Die Assads, Erdoğans, Putins und Trumps sind in ihrem Hetzen und Morden scheinbar immun. Und die Waffen dafür kommen nicht zuletzt auch aus Deutschland.

Corona als eine Chance?

Dass überall große und kleine Ensembles, Künstlerinnen und Künstler, übrigens fest angestellte ebenso wie die sich selbst ausbeutenden „Freien“, ihr verordnetes Stummsein beziehungsweise das Abtauchen in virtuelle Räume nun nicht als glücklich empfinden, liegt auf der Hand. Dennoch mehren sich Stimmen, die Corona auch als Chance begreifen wollen, als Chance des Besinnens und Nachdenkens, um daran zu erinnern, dass diese unerwartete Ausnahmesituation der „Länder des Westens“ in vielen Gegenden der Welt purer Alltag ist. Nicht absehen können, was morgen geschieht, woher Essen und Trinken kommen sollen …

Dass in solchen Ländern meist viel mehr gesungen wird als bei uns, sollte zu denken geben. Vielleicht sollten wir diese unfreiwillige Aus-Zeit für gute Bücher nutzen, für gemeinsames Musizieren, für etwas tiefer bohrende, für unbequeme Gedanken?

Bleiben Sie gesund!

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