Schleichendes Grauen und schwierige Chorsätze– Uraufführung von Franz Wittenbrinks „Schlafe, mein Prinzchen“ im Berliner Ensemble


(nmz) -
Franz Wittenbrink, Autor so viel gespielter musikalischer Stücke für Schauspieler, wie „Sekretärinnen“, „Komm süßer Tod...“, „Männer“ und „Die Comedian Harmonists“, hat ein Tabuthema als musikalisches Theaterstück verfasst, dessen Uraufführung er in Personalunion als Regisseur und musikalischer Leiter am BE herausgebracht hat. Ovationen zwischendurch und gesteigert am Ende für eine musikalisch und szenisch dicht gefügte Szenenfolge über Kindesmissbrauch bei den „Regensburger Domspatzen“ und in der Odenwald-Schule.
22.06.2015 - Von Peter P. Pachl

Den „Regensburger Domspatzen“ gehörte Wittenbrink selbst vom 9. Lebensjahr bis zum Abitur im Jahre 1967 an – wie fünf Jahre später der Rezensent. Und der kann bestätigen, dass die Szenen von Gesangsunterricht und der als „Studium“ bezeichneten, gemeinsamen Erfüllung der Hausaufgaben bei striktem Silentium, exakt aus dem Alltagsleben im Internat am Regensburger Domgymnasium gegriffen sind, inklusive massiver sadistischer Bestrafungen für Lappalien, wie unachtsam fallen gelassener Bleistifte. Dem gegenüber gab es eine chorische Musikausübung auf höchstem Niveau, welche die jungen Sänger zu begeistern vermochte – allerdings auch sie als eine unter körperlichen Strafmaßnahmen erzielte Höchstleistung der extrem unterdrückten Kinder.

Die Züchtigungen mit Rohrstock auf den nackten Hintern wurden in nicht wenigen Fällen ergänzt durch sexuelle Praktiken der sich „Präfekten“ nennenden Pädagogen, denen Wittenbrink – wie er im Programmheft schreibt – aufgrund familiärer Konstellation „glücklicherweise entkommen konnte“ (denn er war der Neffe des Bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel). Das hintergründig nach der „‘Nationalhymne‘ der Domspatzen“ benannte Stück „Schlafe, mein Prinzchen“ beginnt behutsam; doch unaufhörlich anwachsend schleicht sich das Grauen des Missbrauchs in die Gemüter der Zuschauer. In einer Ansprache an die Eltern der jungen Chorsänger beruft sich der Domkapellmeister – Wittenbrink nennt ihn vorsorglich Radinger – auf seine guten Beziehungen zum Vatikan und zugleich auf Platon und den „pädagogischen Eros“.

Die platonische Liebe greift dann über, zunächst im musikalischen Einzelunterricht und schließlich nachts, wenn die Präfekten ungeniert in die Internatsbetten ihrer Zöglinge steigen. Bei der persönlichen Beichte, die jenseits der Anonymität des Beichtstuhls auch in Schlafräumen durchgeführt wurde, geilen sich die geistlichen Pädagogen mit Nachfragen der exakt zu schildernden Übertretungen zum 6. Gebot auf, während sie ihre Übergriffe auf ihre Lieblinge bei eventuellen Nachfragen besorgter Eltern als Tröstung und Elternersatzliebe rechtfertigen.

Vielleicht noch schlimmer als die sexuellen Handlungen der Vorgesetzten ist die Unterdrückungsmaschinerie, die sie damit unter den Minderjährigen in Gang setzen. Bisweilen wird diese dann in kaum erklärlichen Aktionen eruptiv ventiliert. Schlägen mit dem zerberstenden Geigenbogen auf den Rücken peinigen einen tapfer weiter spielenden, das erforderliche Musikinstrument zwar gut, aber in den Augen des Präfekten technisch nicht virtuos genug ausführenden Violinisten (Tornike Ugrezhelidze). Dennoch wird im Internat auf höchstem Niveau gesungen und instrumentiert – und so auch auf der Bühne des Berliner Ensembles. Mit dem jungen Ensemble weiblicher Schauspieler, inklusive dreier SchauspielschülerInnen, schafft Wittenbrink eine vokale Kultur, die jener des Regensburger Domchors tatsächlich nicht nachsteht: ohne Tremolo, wie Knabenstimmen linear geführt, singen Annemarie Brüntjen, Johanna Griebel, Nadine Kiesewalter, Dorothée Neff, Corinna Pohlmann, Maike Schmidt, Laura Tratnik die Knabenstimmen, sowie Raphael Dwinger und Lennart Lemster die Männerstimmen der Domspatzen-Literatur. Josquin des Prez’ „Gaudeamus“, Sätze von Allegri, Bach, Hassler, Schubert, Mozart und Beethoven erklingen in Reinkultur. Daneben ist, in den wenigen Minuten der Freizeit der Knaben, auch Keith Richards’ „Satisfaction“ oder „Sympathy for the Devil“ zu hören.

Das Bühnenbild von Alfred Peter, ein finster bedrückender gotischer Dom mit Swastika-Ornamentik in den Rundfenstern, verwandelt sich schlagartig zu einer Naturlandschaft von Baumstämmen, mit einer Baumkrone als Totenkopf, sobald der Abend unvermittelt von Rechts auf die linke Kehrseite der pädagogischen Medaille wechselt.

Denn nach seinem Abitur erlebte Wittenbrink als Mitbegründer des Kommunistischen Bundes Westdeutschland , in AAO-Kommunen ebenfalls „Sex von Erwachsenen mit Kindern“, propagiert als „als Kampfmittel gegen den Kapitalismus“.

So wandelt sich in Wittenbrinks jüngstem Stück der Darsteller Veit Schubert vom Domkapellmeister Radinger, mit einer ganz ähnliche Ziele verfolgenden Ansprache, zum Schulleiter Gernot Bofinger von der Odenwaldschule. Köstlich, wie der als 68er seine Liebe zu knabenhaften Schmuddelkindern mit Franz Josef Degenhardts Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ präferiert. Der schlagkräftig bayerisch aufwartende Thomas Wittmann wird vom Dompräbende-Präfekten Fortner zum Musiklehrer Franz Grünberger, der mit seinem Lied zur Gitarre, „Komm schlaf bei mir“ von der Band „Ton Steine Scherben“, einen Jugendlichen zum Geschlechtsverkehr ins Zelt lockt. Zum Musiklehrer Freddy Bäumer, der mit einem Jugendlichen zur Ausübung des Geschlechtsverkehrs zeltet, und Andreas Lechner, vordem der homophil päderastische Chorleiter Obermayer, wird zum Lehrer Franz Grünberger, der eine Schülerein belästigt. In freier Natur rocken die jugendlichen Sänger-Schauspieler und begleiten sich mit Bassgitarre, Akkordeon und Trompete, im Graben nur unterstützt von Cello, Tenorsaxophon und Flügel. Fetzig interpretieren sie die in die Handlung eingebetteten Lieder von Paul McCartney, Chaz Jankel, Ted White und Bob Dylan. Gegen Ende erklingt Mozarts „Lacrimosa“ und die abschließende, heutige Verteidigung des greisen Schulleiters im Rollstuhl mit Jaques Revaux’ „My Way“.

Einhelliger Applaus dankte dem großartigen Ensemble und dem inszenierenden musikalischen Stücke-Schreiber. Nach pausenlosen, schauspielerisch und musikalisch überaus faszinierenden, dicht gefüllten zwei Stunden schlägt eine textlich hintergründige Dreingabe den Bogen zurück zum Domspatzen-Gesangsstil.

Dem Intendanten Claus Peymann ist zu danken, dass er sich am Ende seiner Ära nicht gescheut hat, auch das links wie rechts gerne unter den Tisch gekehrte Thema auf der Bühne des BE ermöglicht zu haben. Franz Wittenbrinks Anliegen, die Gesellschaft für dieses Thema zu mobilisieren, löst sich als Theaterabend voll ein.

  • Weitere Aufführungen: 29.6., 2.7., 29.8., 6.9.2015.

Absolut

Absolut empfehlenswertes Stück.

Sowohl für Menschen, die mit der Thematik vertraut sind, als auch für solche, die sich ihm erst nähern. Gewalt, pervertierte Sexualität, Unterdrückung, Machtmissbrauch, die Orientierung am Ideal, wo echte Mitmenschlichkeit und seelische Stabilität fehlen: beides eint solche Anstalten wie die sich reaktionär-konservativ generierenden “Domspatzen” und die - scheinbar - progressiven “Odenwalder”. Dahinter verbirgt sich was vollkommen Banales: maßlose Gier als Folge innerer Verwahrlosung.
Eine ganz gewöhnliche, sehr verbreitete Eigenschaft.

Franz Wittenbrink ist es gelungen, das im wahrsten Sinne des Wortes erfahrbar zu machen.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden