Schnitz… – Paul Burkhards „Das Feuerwerk“ an der Musikalischen Komödie in Leipzig


(nmz) -
„Oh mein Papa war eine wunderbare Clown…“ so singt die schöne Iduna mit charmantem französischen Akzent zu einer hinreißend schmalzigen Melodie. Diese Erinnerung an einen Papa, der auf dem Seil tanzen konnte, kennt ab einem bestimmten Lebensalter jeder. Sie gehört unabhängig vom Namen des Komponisten in den Kernbestand des kollektiven Gedächtnisses im Nachkriegsdeutschland. In West und Ost. Um diesen Dauerhit, den man früher zu recht Evergreen nannte, gibt es aber noch ein ganzes Stück. Eine musikalische Komödie in drei Akten vom Schweizer Paul Burkhard (1911-1971). Erik Charell und Jürg Amstein haben ein Lustspiel von Emil Sautter zu einem Buch verarbeitet. Joachim Lange berichtet aus Leipzig.
16.04.2019 - Von Joachim Lange

Axel Köhler – seit kurzem Rektor der Musikhochschule in Dresden – hat „Das Feuerwerk“ jetzt für die Musikalische Komödie (MuKo) in Leipzig neu inszeniert. Man möchte sagen ganz speziell für Leipzig. Er verlegt die Handlung aus den Zwanzigerjahren kurzerhand in die Endzeit der DDR. Das titelgebende Feuerwerk wird zum Finale an das Deckengewölbe über dem Zuschauerraum projiziert. Es überstrahlt damit zugleich die im Hintergrund ablaufenden Jubelbilder vom Mauerfall.

Diese gefeierte Inszenierung ist eine von denen, die vor dreißig Jahren möglicherweise wie die sprichwörtliche Bombe eingeschlagen wäre. Und eine, die einem heute das Herz wärmt, weil sie die meisten Zuschauer an ihre Vergangenheit erinnert. Schon das Wohnzimmer, das gerade für eine Familienfeier hergerichtet wird, ist ein Clou. In einer Ecke die typische Schrankwand mit stilechtem Radio, Farbfernseher und Ornamenttapete dahinter. Rechts daneben die Essecke. Was die Ausstatter Okarina Peter und Timo Dentler hier mit Liebe zum Detail auf die Bühne gestellt haben, liefert jedenfalls genügend Futter für diverse Deja-vu-Gespräche in der Pause.

Totsichere Lacher

Bevor die Verwandtschaft zu Vater Alberts 60. Geburtstages eintrudelt, wird der Ölschinken kurzerhand durch ein Honecker-Bild ersetzt. Dieser Komödienübereifer garantiert den ersten Lacher genauso todsicher, wie dessen Fall von der Wand, wenn nebenbei das Wort „Ausreiseantrag“ fällt. Natürlich gibt’s auch den gespielten Witz zu Karl-Eduard von Schnitzlers „Schwarzem Kanal“. Der wurde immer so schnell abgeschaltet, dass dessen Name höchstens bis zum Schnitz….aus der Röhre kam, weil die (Nicht-)Zuschauer dem berühmtesten Kommentator des DDR Fernsehens das Aufenthaltsrecht in ihrer guten Stube strikt verweigerten.

Eigentlich hat das1950 im Münchner Gärtnerplatztheater uraufgeführte Stück nur jenen einzigen großen Hit. Die anderen, zu denen Amstein und Robert Gilbert die Gesangstexte beigesteuert haben, führt in eine etwas spießige aber nicht unsympathische Familie. Wie Familien eben so sind. Nach und nach trudeln die drei Brüdern nebst Ehefrauen ein. Als dann auch noch der vor Jahren ausgerissene (sprich hier: abgehauene) Bruder Alexander als uneingeladener Überraschungsgast nebst seiner schillernden Gattin Iduna an der Tür klingelt und sich als erfolgreicher Zirkusdirektor outet, kommen die Verhältnisse ins Rutschen.

Der Hauch von großer weiter Welt und Manegenzauber verunsichert die kleine, festgefügte Welt und ihre Regeln. Vor allem die Frauen wittern Gefahr – nicht ganz zu unrecht, denn deren Männer liegen Iduna allesamt zu Füßen. Wer kann schon ihrem „O mein Papa“ widerstehen?

Instinkt für Timing

Mit seinem untrüglichen Instinkt für Timing inszeniert Köhler diesen Song als den Einbruch des Zaubers einer anderen Welt mitten ins Wohnzimmer. Für den Akt, der dann in der Traumwelt des Zirkus spielt, und in der auch die Tanten als Raubkatzen auftauchen und wie immer das Ballett der MuKo zum Zuge kommt, schwebt die Rückwand der DDR-Platte wie ein Zeltdach über einer imaginierten Manege.

Während es sich Tochter Anna noch mal überlegt und der Versuchung widersteht von der Familie weg und in die große weite Welt zu gehen. Nur Alberts Bruder Gustav gelingt es. Er drückt seiner Frau, die er Führungsoffizier nennt, Parteibuch und Papiere in die Hand und wagt den Aufbruch…

So wie dem ganzen Land der Aufbruch aus der Enge und (Selbst-) Beschränkung der Verhältnisse gelang. Köhler gelingt das Kunststück, die Menschen, die er zeigt und über die man auch lachen darf, damit nicht bloßzustellen.

Da das Stück eh für singende Schauspieler gedacht war, hat die MuKo beste Chancen, es musikalisch komödiantisch stilecht über die Bühne zu bringen. Ein running gag wird das Ständchen, das Köchin Kati (Sabine Töpfer) und Tochter Anna (Nora Lentner) einstudiert haben, wenn es immer wieder durch die ankommenden Gäste unterbrochen wird. Mirjam Neururer als Iduna ist nicht nur der Hit des Stückes vorbehalten, sie hat auch die überzeugendsten vokalen Karten, um diesen Trumpf auszuspielen. Tobias Engeli trifft mit dem hauseigenen Orchester genau den Ton, der diese verschobene Erinnerung zu einem Vergnügen für alle macht.

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