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Borderline-Oper: Rossinis „Sigismondo“ in Pesaro. Foto: Rossini Opera Festival
Borderline-Oper: Rossinis „Sigismondo“ in Pesaro. Foto: Rossini Opera Festival
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Schöner leben und neppen: Puccini-Fastfood in Viareggio, Rossini-Perle in Pesaro

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Es liegt noch nicht nur ein knappes halbes Jahrhundert zwischen Gioacchino Rossini und Giacomo Puccini, sondern auch der schroffe Bergkamm des Apennins. Die beiden Komponistin trennt die Art, wie sie das intensive Leben in Musik setzten und auf die Bühne brachten; auch die Weltläufigkeit, die der „Schwan von Pesaro“ dem Maestro aus Lucca voraus hatte, nicht nur die Hobbys – Puccini jagte Wasserhühner und hatte ungezügelten Appetit auf Frauen, Rossini avancierte zum passionierten Koch und vorzüglichen Esser – sondern auch die Art des Gedenkkults, der um die beiden getrieben wird.

Der aus einer alteingesessenen Luccheser Organistenfamilie stammende Puccini, der in der Küche seiner Landvilla in Torre di Lago seine letzte Bleibe fand, wird schräg gegenüber am Ufer des Massaciuccoli-See mit Aufführungen seiner Werke gefeiert – jeweils im Sommer seit 56 Jahren. Ebenfalls im Sommer ist Rossini das Programm seiner Heimatstadt reserviert – auf der Ostseite des „Stiefels“ in den Marken: Jenes Theater, an dem sein Vater als Hornist diente, dann aber als Revoluzzer entlassen wurde, und das heute auch Abstecher in die Adriatic Arena in ein unkomfortables Industriegelände an der Autostrada 14 unternimmt.

In Viareggio gab es heuer auf bewährte Weise Fastfood: Ausnahmslos sichtlich rasch zusammengeschusterte Produktionen, wie sie auch vor dreißig Jahre so hätten gezeigt werden können: Stehtheater mit Sängerinnen des zweiten und dritten Frischegrads. Zwischen starren großen Zyklopen-Figuren von Franco Adami, die die Freiluftbühne einkreisten, lieferte Kirsten Harms, die noch amtierende Intendantin der Deutschen Oper Berlin, mit „La fanciulla del West“ ein Paradebeispiel der szenischen Desorientierung. Hinten eine exzentrische Theke in Gold, vorn ein großer Spiel- und Trinktisch. An dem setzt es Theaterprügel und wird bei den unsinnigen Auf- und Abtritten mit Colts gefuchtelt. Wacker schlugen sich Fabio Armiliato (Outlaw Dick) und Carlos Amalguer (Sheriff Jack). Zwei güldene Liebestäubchen deuteten das Domizil der Wirtin Minni an. Deren Treffsicherheit hinsichtlich hoher Töne korrespondierte der Inszenierung. Daniela Dessi wurde kurz vor der Dernière Ehrenbürgerin von Viareggio. Diese Maßnahme erfolgte wg. inzwischen historischer Meriten. Könnte er das nach ihm benannte Festival-Orchester hören, wie es an der Lineatur des Musical-Sounds herumkaut, er müßte sich in der Urne umdrehen.

Rossinis „Sigismondo“: ein großer Wurf in Pesaro

Zweihundertfünfzig Kilometer weiter östlich hingegen ließ sich „Rossinis Bayreuth“, das 31. Festival in Pesaro, glänzend an. Damiano Michieletto ist mit seiner Interpretation des an Weihnachten 1814 im Teatro La Fenice erstmals gezeigten „Sigismondo“ ein Wurf gelungen: Er hat den Eifersuchts- und Thronfolge-Konflikt aus dem historisch nicht genau zu verortenden Gesna und den mittelalterlichen Wäldern an der polnisch-böhmischen Grenze in die Zeit der ersten Republik und eine psychiatrische Anstalt verschoben. Das wird in wundersamer Weise der turbulenten Handlung gerecht, die bei der Uraufführung auf vehemente Ablehnung des Publikums und entschiedene Einwände seitens der Fachkritik stieß. Der Rezensent des Nuovo Osservatore stellte dem Komponisten z.B. voll Mitleid die Schwierigkeiten in Rechnung, die darin bestanden, „dergestalt sinnlose Verse mit musikalischem Sinn auszustatten“.

Dabei ist Giuseppe Maria Foppas Libretto bei Lichte besehen nichts anderes als eine Variante der altbekannten und vielfach literarisch bearbeiteten Fabel der Brabanter Herzogstochter Genoveva, die mit dem Pfalzgrafen Siegfried verheiratet, unzutreffend des Ehebruchs bezichtigt und zur Strafe im tiefsten Tann ausgesetzt, dann aber von ihrem wieder auf Jagd gehenden Ehemann entdeckt, in die Residenz und auf den Thron zurückgeholt wurde. Dass einer, der seine Frau aus Eifersucht zu Tode bringen läßt, bald aber argwöhnt, einen Irrtum begangen zu haben oder gar arglistig getäuscht worden zu sein, in einer Phase der Reue merkwürdige Stimmen hört und Halluzinationen hat, erscheint nun keinesfalls „sinnlos“.

Regisseur Michieletto zeigte den König in dieser „Borderline-Oper“, den es ins Dickicht der Psychiatrie verschlagen hat, als depressiven Patienten, der sich beständig den Ehering abzieht und wieder ansteckt - in einem Männerschlafsaal mit fünf Leidensgenossen, die alle auch einen kräftigen Tick haben, eigenwillig und verhaltensgestört, aufdringlich oder extrem abweisend erscheinen. Dass eine heißgeliebte, plötzlich aber mißliebig werdende schöne junge Frau in den Labyrinthen des Gesundheitswesens entsorgt, dann aus diesen aber auch wieder befreit wird, erscheint heutigen Augen als Deutungsfolie der Genoveva-Sage wenigstens ebenso plausibel wie eine optische Beschwörung der böhmischen Wälder im Kontext der klassizistischen Lineaturen, den hochvirtuosen Koloraturen und orchestralen Wirbeln Rossinis.

Das Orchestra del Teatro Comunale di Bologna unter Michele Mariotti leistet mit Brio und Empfindsamkeit im hochsommerlichen Pesaro historisch bestens informierte Arbeit – bis hin zum Kontrabaßsolo und zum Hammerflügeleinsatz. Olga Peretyatko ist eine hinreißende Aldimira und Daniela Barcellona in der Titelpartie eine Wucht. Diese Produktion müsste eigentlich „Aufführung des Jahres“ werden.

Bienenfleißiger Komponist, redundante Regisseure

Die Kritiker haben 1814 Rossinis „Bequemlichkeit“ moniert: er habe größere und kleinere Versatzstücke aus früheren Bühnenwerken recycelt. Tatsächlich haben sie recht gehabt – nur lassen sich die Übernahmen auch als sinnvolle arbeitsökonomische Maßnahmen deuten und insbesondere als Wille zur Herausbildung einer unverwechselbaren Handschrift: des musikalischen Markenzeichens Rossini. Mit „Sigismondo“ – und auch dies gehört zu den produktiven Erfahrungen des diesjährigen Festivals in Pesaro – ist es offenkundig ausgeprägt. Das war bei „Demetrio e Polibio“ noch nicht der Fall, einem Werk, das 1812 im Teatro Valle Rom uraufgeführt, aber bereits einige Jahre zuvor als Gemeinschaftsarbeit geschrieben wurde. Davide Livermore hat dieses dramma serio als Theater auf dem Theater realisiert, in den Kulissen einer abgespielten Produktion. Der Charme der weithin noch nicht rossinesk-quirligen Musik verbraucht sich ebenfalls rasch.

Aus der Backlist der Festspiel-Bestände wurde „La Cenerentola“ reaktiviert – eine Inszenierung von Luca Ronconi, die das Aschenputtel nebst Stiefschwestern und Vater zunächst in ein Antiquitätengeschäft vor der Skyline einer modernen Großstadt beordert, in das der heiratswillige König mit einem feudalen Oldtime einrückt. Doch dann wird – indem das Bühnenbild für fünf Minuten zum Hauptdarsteller avanciert – das ganze Gerümpel weggehoben. Die Hochhäuser öffnen sich und aus ihnen kommen Kamine, wie sie den Herzoglichen Palast in Urbino schmücken oder die schönsten französischen Königsschlösser. Die robuste Marianna Pizzolati setzt sich in der Titelpartie durch, auch mit etwas nachlassender Kraft für die höchst anspruchsvollen Tonleitern und Triller. Diese ungekürzte und sich in die Länge ziehende „Cenerentola“ demonstriert den Umschlag von Wohltat in Plage - es ist, als müsse man nicht nur zu allen Gängen Schlagsahne essen, sondern noch übers Dessert hinaus.

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