Schule des Hörens: „Werckmeister Harmonien“ von Thom Luz an der Lindenoper


(nmz) -
Ein Tonlabor mit Hörschule der besonderen Art: Thom Luz nimmt sein Publikum im Apollosaal der Berliner Lindenoper mit auf eine physiophilosophische Erkundung, deren Ausgangspunkt das Stimmen von Klavieren ist.
29.05.2022 - Von Roland H. Dippel

Vor 30 Jahren war Eberhard Streuls Monologstück „Die Sternstunde des Josef Bieder“ die Rehabilitation der für das Publikum unsichtbaren Berufsgruppe der Requisiteure. In dieser Schauspiel-Revue kehrte ein Theaterschaffender platte Tricks und seine große Leidenschaft heraus. Bei „Werckmeister Harmonien“ hätte es gut möglich sein können, dass Klavierstimmer eine vergleichbare Hommage und Nobilitierung erfahren. Dafür war der Apollosaal der Berliner Lindenoper aber die weitaus zu opulente Location.

Eine Phänomenologie von Klavierstimmern, deren Job ebenso über Erfolg oder Misserfolg entscheidet wie das Können der Musiker, gab es also doch nicht. Dafür gerieten die 90 Minuten zu einer Einführung in die akustischen Bedingtheiten und die philosophische Dimension der ‚richtigen Art des Klavierstimmens‘. Entgrenzend waren Musik, Sprache und Bewegung die künstlerischen Mittel. Bei Annalisa Derossi, Mara Miribung, Daniele Pintaudi und Samuel Streiff wird nicht erwähnt, ob sie Musiker, Schauspieler oder Sänger sind. Die Arbeit des Produktionsteams Mathias Weibel (Musikalische Leitung), Tine Bleuler (Kostüme) und Stefan Schlagbauer (Licht) ist eng untereinander vermascht und sucht bei den Darstellern deren natürliche Attitüde. Zum Raum wird hier der Gedanke und zu Beginn liegt ein Lüster auf der Spielfläche.

Es steht auch schon etwa ein Dutzend Klaviere bereit. Auf der Empore des Apollosaals präludiert immer wieder eine Harmoniemusik. Von draußen dringen Töne von Charles Ives herein. Es geht nicht nur um die Physik, sondern auch um den Reiz des Übergangs vom Materiellen in die Metaphysik der Musikerfahrung. Die Texte verschwimmen in sympathischer Form zwischen Skizze, Vorgangsbeschreibung des Stimmungsprozesses und philosophischer Hintertreppe. Die Akteure sind keine Figuren, sondern Sprechwerkzeuge einer Idee.

Thom Luz, der Ideengeber für diese kluge Harmoniekunde, ist Schauspielregisseur mit ganz großer Affinität zur Musik. Er hat hier neben Bach, Schütz, Purcell vor allem ein großes Herz für Charles Ives und für Andreas Werckmeister (1645-1706), einen der ersten Entwickler der wohltemperierten Stimmung. Aus dem Phänomen, dass eine definitiv reine Stimmung von Instrumenten in den Harmonieverhältnissen des Quintenzirkels nicht machbar sei, wird in den Spielszenen eine Folge geschliffener Sätze und Anreden. Es bleibt wenig bei den für einen Freitagnachmittag ungewöhnlich vielen Zuschauern auf der Tribüne hängen. Aber aus der physikalischen Darstellung wird klar, dass es bei der Tongebung und bei Musik auch um die Beziehung von Individuum und Welt, Drinnen und Draußen zu tun ist.

Ungefähr 12 Klaviere stehen auf der Bühne und werden bearbeitet. Aus dem zum Stimmen angerührten Saiten entstehen Klänge von irritierender Ferne und Weichheit. Ohren aus der eindeutigen Dimension der Gegenwart mit ihren auf Signalhaftigkeit und Wiedererkennbarkeit produzierten Soundicons erleben eine Schule des Hörens auf Basis der physischen Dimension. Wie entsteht das Erlebniswunder? „Werckmeister Harmonien“ lehrt, dass das sinnliche Abenteuer der Klänge aus der Planbarkeit des Unregelmäßigen entsteht.

Die Koproduktion mit Gessnerallee Zürich setzt fort, was die Lindenoper 2020 mit „Walk the Walk“ von Simon Steen-Andersen begonnen hatte: Die anspruchsvolle und auch anstrengende Phänomenologie von Musik, die eine performative Gesamtheit nicht einfach in ihre Bestandteile auseinanderlegt wie einer der Darsteller am Ende von „Werckmeister Harmonien“ eine Klaviertastatur aus dem Corpus des Instruments löst. Solche tiefschürfenden Reisen in das musikalische Bewusstsein bewirken etwas sehr Gutes. Denn danach hört man auch andere Musik genauer, tiefer, schärfer.

Das könnte Sie auch interessieren: