Selfie mit Mozart – Das Nationaltheater Weimar hat wieder eine „Zauberflöte“ im Spielplan


(nmz) -
Die „Zauberflöte“ hat den Ruf, eine Oper für Kinder zu sein. Für viele Opernfreunde ist dieser Dauerbrenner von Wolfgang Amadeus Mozart und Emanuel Schikaneder auch wirklich eine Einstiegsdroge. Aber eine Kinderoper? Nun ja, der mitunter drollige Lebenswitz des Vogelmenschen Papageno und seine so nachvollziehbaren menschlichen Bedürfnisse, nach Essen, Trinken und einer Papagena gehen zu Herzen. Und wenn der am Ende alles bekommt, was er sich wünscht, dann freuen sich Groß und Klein mit ihm. Und erkennen sich selbst.
28.04.2015 - Von Joachim Lange

Doch es gibt auch andere Ebenen, als die Gaudi für das Vorstadttheater im Wien der Entstehungszeit. Die verschlüsselten Einblicke in die Welt der Freimauerer und ihrer Aufnahmerituale, das sich ergänzende Gegeneinander verschiedener Welten und der Triumph der einen über die andere – das hat es in sich.

Und dann gibt es auch noch diverse frauenfeindliche Stellen. Sie ist ein Weib hat Weibersinn, ist noch die harmlosere. Auch, dass ausgerechnet der Schwarze im Stück der Fiesling ist, macht den Regisseuren in Zeiten der politischen Korrektheit und diverser Blackfacing-Debatten, die jeden „Othello“ zu einem Shitstorm-Risiko machen, die Sache auch nicht gerade leichter.

In Weimar umgehen Regisseurin Nina Gühlstorff und ihre Kostümfrau Marouscha Levy das Problem mit der Hautfarbe. Dank Ganzkörper-Tattoo ist der Monostatus bei Jörn Eichler nämlich halb schwarz, halb weiss – eine Art kleinster gemeinsamer Bösewichtnenner. Er versucht sogar, um Pamina (selbstbewusst und kess: Elisabeth Wimmer) mit einem Blumenstrauss zu werben, rammt ihr den aber dann allerdings ungelenk ins Gesicht. Er sei doch gar nicht so schwarz, aber ziemlich hässlich wird von der Seite dazwischen gerufen. … Die Sache mit den Frauen überspielen sie einfach, wenn die zweifelhaften Stellen von Tamino und Sarastro gesungen werden. Aber dafür diskutiert Sarastros Sprecher dieses Problem nach der Pause als Einstieg vor dem Vorhang mit Tamino aus. Uwe Schenker-Primus steht im Trainingsanzug und mit Vollbart so viel komödiantischer Witz zu Gebote, dass ihm eine blonde Perücke ausreicht, um auch mal Papagena zu mimen. Der Spielwitz dieser Szene zündet jedenfalls genauso, wie der Beginn des Abends.

Da klatscht ein Mann im blaugrauen Straßenanzug mit zerbeulten Hochwasserhosen im Zuschauerraum mitten in der Ouvertüre wild dazwischen, schleicht sich dann wie ein Tourist, der sich ins Theater verlaufen hat, auf die Bühne, macht an der Rampe sogar ein Selfie. Von den strafenden Blicken des Dirigenten lässt er sich nicht beirren. Der hat sich, diesmal immer mit dem Blick ins Publikum, weiße Handschuhe übergezogen, ist also offenbar entschlossen, den musikalischen Magier zu geben. Was GMD Stefan Solyom, der diesmal auch noch gelegentlicher Mitspieler ist, mit seiner Staatskapelle im Laufe des Abends auch überzeugend gelingt.

Der vorlaute Klatscher ist natürlich kein anderer als Tamino. Hinterm Vorhang dann ruft Artjom Korotkov mit seinem markant strahlkräftigen Tenor erst einmal nach Hilfe, als ihn von der kleinen bunten Pappkulissenbühne ein selbstgebasteltes Drachenungeheuer mit einer aufgemalten Flamme erschreckt.

Die drei Damen der Königin der Nacht (Caterina Maier, Anika Ram und Sayaka Shigeshima machen ihre Sache hervorragend), werfen sich mit ihren Papplanzen ins Geschehen, offenbar noch bevor ihre poppig bunt barocken Kostüme so ganz zu Ende geklebt, geschneidert und gefaltet worden sind. Ästhetisch ist damit eine Komponente des Abends vorgegeben. So einer Art Workshop-Ironie, in die sich auch die Königin der Nacht, erst im Bademantel und dann mit dem Prachtkopfschmuck aus weißen Papierstrahlen, einfügt. Sonst taucht Susanna Andersson eher unvermittelt auf, um die Koloraturen so hoch abzufeuern wie sie es halt vermag.

Wenn sich die Drehbühne von Oliver Helf dann zu Sarastros Welt gedreht hat, herrscht bedeutungsschwangere Nüchternheit. Ein sperrholzheller Sitzungssaal mit Präsidium  für den Boss und Projektionswand dahinter, drei Türen, Zuschauer-Tribune und Galerie. Ein unbestimmt gegenwärtiger Raum, der auch als Proben-Saal für’s Theater dienen könnte. Wenn dann tatsächlich die Wunderinstrumente zum Einsatz kommen, fangen die Bühnenarbeiter an, an den Absperrgittern zu tanzen, als wären sie im Ballettsaal. So gibt es immer wieder witzige Einfälle, die im Detail bestimmte Szenen illustrieren oder konterkarieren. Einer der gelungensten ist das schnell herbei geschaffte kleinbürgerliche Idyll für den clownesken Sebastian Campione im „Save the Birds“ T-Shirt und seine Papagena (Steffi Lehmann). Teppich, Stehlampe, Kühlschrank, Mikrowelle und Couchtisch. Und damit die Sache rund wird, bringt schnell noch jemand aus der Kulisse ein Kinderfahrrad für den in Aussicht gestellten reichlichen Nachwuchs.

Oder wenn Sarastro von den Heiligen Hallen singt, in denen man die Rache nicht kennt, dann steht Daeyoung Kim würdig in seinem grünen Anzug mit Prunk-Kragen und Richter-Perücke an der Rampe und jeder berührt ihn beim Hinausgehen. Ergriffen, bewundernd, ungläubig – je nach dem. Hier setzten sich offensichtlich alle irgendwie in eine Beziehung zum selbstdeklarierten Denkmal einer Idee. Aber wer diese Leute eigentlich sind, bleibt eins der Geheimnisse der Inszenierung. Manche haben einen Betriebsausweis. Es gibt Krankenschwestern. Tierdarsteller. Leute eben. Alles Schauspieler in einem Theater? Oder solche des Lebens? Dass Sarastro am Ende zurücktritt und Tamino seinen Platz einnimmt. Sei’s drum. Man wüsste gerne über wem oder was er da eigentlich präsidiert. Der Königin der Nacht und ihrer bunten Truppe gelingt immerhin die Flucht vor den Vorhang. Nah ans jubelnde Publikum.

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