Sinn des Lebens? – John Morans „everyone“ in der Baumwollspinnerei Leipzig und Hellerau


(nmz) -
Der Amerikaner John Moran (1965) verhält sich ambivalent zu seinem Status als Schüler von Philip Glass. Da ist legitim, denn in seiner performativen Manifestation „everyone“ verantwortet er „Komposition, Programmierung, Choreographie, Künstlerische Leitung“. Moran hat keine Angst vor Oper als Gattung oder Gattungsbegriff: Erst 2017 gelangte „The Manson Family“ (1990) des dortigen Artist in residence in Hellerau zur Wiederaufführung. „everyone“ in der Spinnerei Leipzig als Produktion des Schauspiels Leipzig hat gar keinen Untertitel und bezieht sich explizit auf die musikalischen Formen der Sinfonie und der Fuge. Menschliche Körper sind ein integraler Bestandteil von Morans Werkkorpus.
18.12.2018 - Von Roland H. Dippel

Gelinde Enttäuschung beim Betreten des Aufführungsraum in der Residenz des Schauspiels Leipzig auf dem Fabrikgelände der Baumwollspinnerei am Rand des Szenequartiers Plagwitz: Denn dieser ist ein „ganz normales“ Studiotheater mit Zuschauerpodest und solider Ausstattung. Die Bizarrerie der mit Sponti-Sprüchen bekritzelten Wände im trendig-nachlässigen Treppenhaus und das in feinem Retro-Dekor mit hübschem 70er-Jahre-Raumvorhang aufgemachte Barbetrieb versprachen mehr. Vielleicht steckt hinter dieser gelinden Enttäuschung auch nur die Erkenntnis, dass heute sogar solche Interieurs in urbanen Abenteuerzonen ganz ohne Geheimnis sind. Der gleiche Eindruck entsteht bei der Aufführung von John Morans „everyone“. Dieses gelangt im Januar nach den Leipziger Vorstellungen auch im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau zur Aufführung.

Dabei ist es im Ansatz höchst spannend, wie Moran das Bewegungsvokabular der drei Tänzerinnen Jule Oeft, Kristin Mente und Yamile Navarro mit dem musikalischen Gestus verknüpft. Manchmal sprechen die drei uniformen Menschenwesen auch, interagieren mit assoziativen Gesten der Musik wie Vogelgezwitscher, Babygeschrei, Automatengeräusche und Pulsierendem hinter Geräuschen, Rhythmus, Sound. Das ist wenig virtuos, zum Glück, zieht deshalb die Neugier und reflektiert in der Figuren-Dreifaltigkeit der Figuren gleich vertraute Zeichen: ‚Nicht hören, nicht sprechen, nicht sehen‘ zum Beispiel. Aber natürlich sind die drei Frauen nicht die drei Affen. Wiederholt quiekst eine der geschlechtsneutral wirkenden Figuren: „I‘m a machine.“ Dennoch geht es nicht um Individualität, sondern um den Automatismus in den schwarzen Löchern der körperlichen Bedingtheit. Was ist das Leben ohne Konsum, Farbe, Fun und alle anderen Spielarten der Optimierung und Qualitätssicherung?

Hier sehen wir es von der Wiege bis zur Bahre in drei Situationen und langen Intermezzi: Säugling mit schlagenden Ärmchen und Löffelchen-Position, Exaltation bei einem Abschiedsfon (ohne Endgerät als Spielrequisit), das Ende auf der Pflegestation. Die drei Frauenfiguren schauen mit ihren weißen Ganzkörpertrikots aus wie Teletubbies in weißer Reizwäsche: Ein Ecce Homo des instrumentalisierten, posthumanen Zeitalters? Physik ohne Metaphysik, von der Frage „Sein oder Nichtsein?“ bleibt nur das Sein in seiner Limitiertheit.

Konzentrat oder Plattitüde? Von Sinfonik oder Fugen-Formen hört man wenig, auch nicht als Paraphrase. Die Musik gehorcht dem Diktat einer reproduzierbaren Soundkonserve mit Live-Ergänzungen: Wellness-Wellen und konkrete Klangassoziationen. Diese schmeicheln wie aus Improvisationen entstandene Fantasien und Rhapsodien, werden zu einer Suite poetisch anmutender Weichmacher und Stimmungsaufheller (Protagonist und Dirigenten-Substitut ist das Sound-Mixing: Nikolaus Woernle). Es geht nicht um „echte“ Musik. Live-Töne und Melodie-Fragmente von Violine (Constanze Friedel) und Hackbrett (Marieluise Herrmann) mischen sich und malen Tonzaubereien, die aus der instrumentalisierten Bedingtheit weg wollen – oder diese durch Wohligkeit erst ermöglichen.

Das ist wie Mahler für eine Retro-Generation, die nicht mehr an die Versprechen ihrer Interieurs glaubt und in dieser Demontage zur fast ritualisierten Spiegelung ihrer „conditio humana“ kommt: Körper als tickende Zeitbomben mit schlichtem Einheitsdesign und akustischen Schäfchenwolken. Das hat schon wieder Kunstwert. Entlarvend ist der dekorative Umgang mit Musik in „everyone“. Denn emotionale Überwältigung will sie nicht, dazu fehlt ihr auch die (vorsätzliche) Wucht.

Ein Abend, der einen schalen Eindruck hinterlässt. Die Qualität des Musikers und Performance-Künstlers John Moran zeigt sich genau darin, dass über zwölf Stunden nach dem finalen Blackout noch immer nicht klar ist, ob diese formale Glätte Vorsatz oder Zufall ist. Schon zur Klärung dieser Frage sollte man noch in ein anderes Moran-Projekt. Wohltemperiert gelassen war der zustimmende Applaus.

  • Residenz in der Baumwollspinnerei, Schauspiel Leipzig: Do 13.12., 20:00 – Fr 14.12., 20:00 – Sa 15.1., 20:00 – Do 10.01., 20:00 – Fr 11.01., 20:00 – Sa 12.01., 20:00 – ca. 45 Min., keine Pause
  • Komposition, Programmierung, Choreographie, Künstlerische Leitung: John Moran – Tanz: Jule Oeft, Kristin Mente, Yamile Navarro – Live-Musik: Marieluise Herrmann, Constanze Friedel – Lichtdesign: Josia Werth – Sound-Mixing: Nikolaus Woernle – Produktionsleitung: Heiki Ikkola – Produktionsassistenz: Marieluise Herrmann – Eine Produktion von John Moran und Cie. Freaks und Fremde in Koproduktion mit Schauspiel Leipzig und HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden. – Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und die Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.