Steinzeitmusik auf Silikon: Der Nachhall der Womex 2009 in Kopenhagen


(nmz) -
Dass es sich bei der Womex – trotz des Namens – nicht um eine Frauen-Show handelt, haben wir beim letzten Mal schon geklärt. Dennoch wird dem harmlosen Voyeurismus jedes Jahr viel geboten: Schöne Frauen von allen Kontinenten kommen hier zusammen, aus Afrika, Asien, Südamerika, aus Mittelmeerländern oder aus Skandinavien. In dieser Hinsicht erspart die Womex eine Weltreise.
22.03.2010 - Von Hans-Jürgen Schaal

Diesen Gedanken hatte auch die „Reise Know-How Sound GmbH & Co. KG“ in Bielefeld. Sie kam auf die schlaue Idee, den Tausenden von existierenden Weltmusik-Lizenz-Compilations noch eine weitere knallbunte Weltmusik-Lizenz-Compilation-Serie hinzuzufügen. Sie heißt „Sound Trip“ und tut so, als wäre sie eine Sammlung tönender Reiseführer: „Reise Know-How Australia“, „Reise Know-How The Balkans“, „Reise Know-How South Africa“ usw. Reise-Informationen also? Fehlanzeige! Selbst triviale Fakten über Land und Leute gibt es nicht, nur Musik und die üblichen drögen Musikerinfos. Dennoch drängt die Serie in die Buchhandlungen, Abteilung Reiseführer. Was da noch auf uns zukommt, ist jetzt schon klar: noch mehr Weltmusik-Lizenz-Compilation-Serien, verkleidet als Führer durch die Weltreligionen, die Kochkünste der Welt, die Mode der Welt. Nächstes Jahr schon darf man die CD-Serie „Women of the World“ erwarten – wieder nur Weltmusik-Compilations, aber diesmal vielleicht mit hübschen Fotos. Dafür gibt es dann eindeutig bessere Vermarktungskanäle als die Buchhandlungen. Vielleicht wird die Womex doch noch zur World Women Show.

Irgendwie scheint die ständige Beschäftigung und Beschallung mit Weltmusik-Hybriden aus Balkan-Rumba-Punk auch der Weltmusik-Szene selbst allmählich auf die Nerven zu gehen. Die Bands tragen zunehmend Namen wie Klezmofobia oder Always Drinking, die Agenturen heißen tourstress.com und World Trouble. Immer offener gibt man zu erkennen, dass eben alles nur laut, Party und Show ist – buntes, beschwipstes Faschingstreiben. Agenturen wie „Carnival Arts“ sind auf dem Vormarsch. Die Instrumente bei den Show-Einlagen müssen daher immer möglichst groß und schillernd sein – farbige Plastikrohre, blitzende Alumininiumleitern, gewaltige Kunststoffmarimbas, Ölfässer und Mülltonnen –, die darauf erzeugten Klänge dagegen möglichst elementar: Dreiklangs-Aleatorik, Steinzeitmusik auf Silikonteilen. „Ihre Auftritte würzen sie gern mit burlesken Einlagen und clownesken Improvisationen. Hinter einem Stern aus Lichtstrahlen warten die Instrumente auf der Bühne auf ihre Dompteure.“ In meiner Jugend nannte man das noch Zirkus.

Auch der Kontrabass ist angesagt, weil er einfach optisch mehr hergibt, und heißt jetzt wieder vorzugsweise „Standbass“. Und nichts geht ohne das Akkordeon mit seinem bunt glänzenden Korpus, seinen vielen, vielen Tasten und Knöpfen und der Fähigkeit, sich ganz, ganz breit zu machen. In den 80ern waren mal Saxophonquartette Mode, jetzt gibt es überall Akkordeon-Possen – vier oder sechs dieser Instrumente auf einem Haufen. Wobei „Posse“ zweierlei bedeuten kann: Komödie und Freundeskreis. Denn jeder Buddy darf mitmachen, es ist ja nichts Ernstes, Talent stört nur, der Amateurstatus wird zur Lebensform, man managt einander wechselseitig. „I am the artist, she is the label“, so stellten sich zwei Womex-Women selbstbewusst bei jeder Agentur vor. Beim nächsten Rundgang sagten sie dasselbe, aber mit vertauschten Rollen.

Deutscher Gründlichkeit ist dieser ganze Weltmusik-Kuddelmuddel aus Cuba-Musette und Afro-Brass natürlich ein Greuel. Höchste Zeit, dass man Ordnung in die Genres und Stile bringt, und dafür sorgt das Computerprogramm GlobalMusic2One. Die Idee ist ganz einfach: „Das Projektvorhaben entwickelt eine neue Generation der hybriden Musiksuche unter Einbeziehung von Verfahren des Music Information Retrieval (MIR) sowie von Web-2.0-Techniken. Ein prototypischer Workflow bestehend aus semantischer Indexierung, Nutzerinteraktion, Modelladaption sowie Such- und Empfehlungsfunktionen wird auf Basis der zu entwickelnden Basistechnologien implementiert und anhand diverser globaler Musikinhalte und Nutzergruppen evaluiert.“ Auch nach mehrmaliger Lektüre habe ich den Text nicht recht verstanden. Ein Glück, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Ganze auch noch fördert.

Weltmusik – eigentlich kann man das Wort nicht universell genug begreifen. Die Sphärenklänge der Planeten und die Attacken eines Pressluftbohrers sind irgendwie ja auch Weltmusik. Manche Besucher bewunderten sogar das Brummen und Röhren der Showtrucks, die vor dem Messeeingang parkten – die gehörten aber zu einer anderen Veranstaltung. Am unteren Ende des dynamischen Hörspektrums gibt es die Grillenmusik: Den Feldgrillen zu lauschen ist eine uralte chinesische Tradition. Ein schwedischer Sinologe sammelt diese Viecher tausendfach, sperrt sie in kleine Kistchen, dirigiert sie im Rahmen künstlerischer Klang-Installationen und hat sogar schon zwei CDs mit ihnen produziert. Die Tantiemen gehen wahrscheinlich für Grillenfutter drauf. Auch unser Grillenfreund hat jetzt die richtige Messe für sich gefunden: natürlich die Womex. Passenderweise hatte man im Foyer echten grünen Rasen ausgerollt, in dem einige Empfindliche gar Käfer und Ameisen sichteten. Am letzten Tag konnte man dort auch eine Grille hören. Sie fiedelte Weltmusik.

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