Tanz-Sport-Theater – „Underline“ von Hugo Morales an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
„Flächenland“ ist der deutsche Titel einer im Jahre 1884 unter dem Pseudonym A. Square veröffentlichten Novelle des Mathematikers Edwin Abbott Abbott, die als vorgeblicher mathematischer Essay über die vierte Dimension mit der Viktorianischen Gesellschaft abrechnet.
17.06.2016 - Von Peter P. Pachl

Regisseur und Ausstatter Deville Cohen und Komponist Hugo Morales haben Abbotts Satire „Flatland“ in ein Musiktheater ohne Gesang verwandelt. Zehn Tage vor der Erstaufführung an der koproduzierenden Deutschen Oper Berlin war es bereits bei der Biennale für Neues Musiktheater in München vorgestellt worden.

Gemeinsam mit dem Choreographen Elik Niv bewegen sich drei weitere Performer, im Zusammenspiel vier Musikern, allesamt unisex schwarz gewandet, tänzerisch präzise durch den dunklen, mit Kunstobjekten bestückten Raum. Ein Kopiergerät mit rundem Waschmaschinen-Bullauge erweist sich als Verschalung für die Zubereitung von gesponnenem Zucker, welcher in wehenden Bahnen quer durch den Bühnenraum der Tischlerei gezogen wird. Bahnen von Klopapier werden kunstvoll zum Zopf gewunden und auf der Fläche einer runden Nagelscheibe á la Ueckers Schwan (in Götz Friedrichs Bayreuther „Lohengrin“-Inszenierung) drapiert.

Der mexikanische, in den Niederlanden lebende Komponist Hugo Morales deutet große Töpfe zu elektronisch verstärkten Klangschalen um. Die Instrumentalisten sitzen zumeist an langen, elektronisch verstärkten Röhren, deren Brummen sie zu einem Tinnitus gefährdenden Dröhnen anschwellen lassen. Durch einen mit Lautsprechern bestückten, rhythmischen Gymnastiker und aggressives Springen auf Metallplatten erfolgt eine maschinenartige Rhythmisierung. Materialien, Körper und Objekte unterliegen Gewalt und Zerstörung. Die metallischen Maschinenhallengeräusche schlagen einen Bogen zur Disco, und auch eine mit Bogen gestrichene, solistische Violine wird ins Klanggemisch eingebunden.

Ohne Kenntnis von Abbotts Buch ist dessen Handlung auf der Bühne schwer nachvollziehbar. Die oft raumgreifende Minimal Action ist abwechslungsreich, häufig auch amüsant. Während in der literarischen Vorlage die Reise eines zweidimensionalen Quadrats in stärker und weniger dimensionale Gesellschaftsbereiche thematisiert wird, begegnet der Besucher der Aufführung vornehmlich Dreiecken, die in Gemeinschaft dann ein noch größeres Dreieck bilden und Rädern, die auf einem vertikalen Achteck als Riesenrad kreisen. Mit roten Gymnastikbällen und Verkehrshütchen wird eine Pyramide gebildet, später wird je eines dieser Objekte mit Schere und Elektrosäge zerkleinert und zu einem neu gebildeten Kegel zusammengefügt. In Videoprojektionen werden behaarte Oberkörper mit Farbe geometrisch geortet.

Gegen Ende der sechzig Minuten währenden Show hängen drei Darsteller, von Folie eingehüllt, am horizontal zum Karussell umgedeuteten Achteck.

Unterm Strich von „Underline“: Abbotts Gesellschaftssatire geht verloren.

Die späte Nachfolge der TV-Show-Serie „Spiel ohne Grenzen“ erntete bei der (aufgrund paralleler Fußball-TV-Übertragung) nicht voll besetzten Berliner Premiere braven Applaus.

  • Weitere Aufführungen: 16., 18., 19., 23., 24. Juni 2016.

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