Tenebrae – RIAS Kammerchor in Kooperation mit Ensemble Resonanz unter Justin Doyle in Berlin


(nmz) -
Passend zum nahenden Osterfest bot der RIAS Kammerchor im 5. Abonnementkonzert Musik zur Passionsgeschichte und der Trauer. Seit dieser Saison auf der Position als Chefdirigent und künstlerischer Leiter nutzte Justin Doyle die Gelegenheit, mit einigen außergewöhnlichen Ideen zu Programmgestaltung und Präsentation auf weiteres Potential für das Traditionsensemble zu verweisen.
12.03.2018 - Von Hans-Peter Graf

Der britische Dirigent (42), geboren in Lancaster, als Chor-, aber auch als Konzert- und zunehmend als Operndirigent unterwegs, ist vielseitig und umtriebig. Bewegt sich in seinem Kernbereich, der Vokalmusik, von der Renaissance bis ins 21. Jahrhundert in allen Gattungen und Chorformaten, dirigiert aus dem sinfonischen Kanon Werke zwischen Brahms und Schostakowitsch, zeigt gleichermaßen Interesse für die historisch informierte Aufführungspraxis wie auch für stilüberschreitende- und für Crossover-Projekte. Man kennt von ihm Dirigate zu Live-Aufführungen zu Filmen, und bekannt ist auch sein Engagement in musikalischen Erziehungsfragen.

Bemerkenswert, wie Doyle seiner Lust am Neuen folgend, das nicht gerade als zugänglich geltende Motto aufbricht. Was der RIAS Kammerchor in Kooperation mit dem Ensemble Resonanz präsentierte, war gewissermaßen Tenebrae –Finsternis in Schattierungen.

Selbst in einem Standardstück wie Bachs doppelchöriger Motette Komm, Jesu, komm! BWV 229, fand sich überraschender Gestaltungsspielraum. Im Eröffnungsstück des Abends standen die Mitglieder von Chor und Orchester gemischt durcheinander, Sänger*innen neben Streicher. Doyle hatte also die ehrwürdige colla-parte-Praxis, die bis in die Zeit Bachs hinein gepflegte identische Begleitung der Vokalstimmen durch Streicher, einfach auf die Aufstellung übertragen. Mit verblüffendem Ergebnis. Unwillkürlich fragte man sich, inwieweit das äußere Bild eines – im Sinn des Wortes – homogenen Klangkörpers seine musikalische Homogenität beeinflusst hat – oder umgekehrt.

Wie ein Sog

Den Eindruck von ästhetischem Zugewinn aus einer bisher abseitigen Verbindung heraus konnte man auch im zweiten Programmpunkt gewinnen. Doyle verband fünf der Tenebrae Responsories von Tomás Luís de Victoria mit Hans Werner Henzes Fantasia für Streicher zu einem Stück. Erstere waren Officium Hebdomadae Sanctae (1585), einem umfangreichen Hauptwerk des spanischen Komponisten, entnommen. Henzes viersätzige Fantasia (1966) ging von seiner Filmmusik zu Volker Schlöndorffs Der junge Törless aus. (Insgesamt hatte der leidenschaftliche Kinogänger Henze ein Dutzend Arbeiten für Filme geschrieben.) Doyle hatte de Victoria und Henze ineinander geschachtelt, derart, dass immer ein Satz aus der Fantasia einer der Responsorien folgte. Der regelmäßige Wechsel von den instrumentalen (Henze) zu den a cappella Gliedern (Victoria) dieser Abfolge im attacca Modus – beginnend und endend mit je einer Tenebrae – wirkte fast wie ein Sog. Oder besser: einer Verwirbelung vom herb mystisch anmutenden Renaissanceklang mit der eigenwillig changierenden Klangsprache Henzes zwischen Moderne und Schönklang. Wunderbar.

Nicht jeder Komponist unserer Tage schreibt das, was einschlägig unter zeitgenössischer Musik verstanden wird. Das gilt auch im Fall von James MacMillan, dem Komponisten des letzten Programmpunktes. „Donaueschingen“ oder ähnliche Referenzen sind für Seven Last Words from the Cross, Kantate für Doppelchor, Soli und Streicher von 1994 die untauglichen Maßstäbe. MacMillan (Jg. 1959) ist gläubiger Katholik; sein Glaubensverständnis folgt einer Weltsicht „von unten“, er lässt sich leiten von der Existenz einer politischen Dimension im Glauben, und auch die marxistisch fundierte Befreiungstheologie Lateinamerikas findet sein Interesse.

Cluster und Dissonanz für den Massengebrauch

Die religiöse Musik, die MacMillan überwiegend schreibt, ist auf diesem Hintergrund weniger an Spiritualität orientiert, sondern der selbstgestellten Aufgabe verschrieben, dass Menschen durch Musik verändert werden sollen. Diesem Anliegen ordnet MacMillan die Wahl der musikalischen Mittel in „postmodernem“ Gestus unter. Wie es passt, bedient er sich aus dem Fundus der Musikgeschichte zwischen Messiaen und Schostakowitsch, auch bei Wagner. Eine Gegenkraft zu dieser Beliebigkeit gewinnt MacMillan zusätzlich aus der traditionellen Musik seiner schottischen Heimat; man kann diesen Teil der musikalischen Orientierung gewissermaßen als erdendes oder subjektives Moment verstehen. So beginnt auch Last Words from the Cross mit (eigenzitierten) Anklängen an traditionelle schottische Klagemusik. Und damit endet auch das Werk. Dazwischen sind eine dreiviertel Stunde lang allerhand dramatische Effekte jeglicher Farbe angesammelt. Alles sehr wirkungsvoll geschmeidig, sozusagen Cluster und Dissonanz für den Massengebrauch.

Es ist zu vermuten, dass die begeistert herausgeklatschte Zugabe –„Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“ aus der Kreuzstab Kantate BWV 56 – aber mehr der überragenden Aufführung durch RIAS Kammerchor und Ensemble Resonanz sowie den Solist*innen, den Chormitgliedern Anja Petersen und Katharina Hohlfeld-Redmond Sopran; Regina Jakobi und Waltraud Heinrich Alt, Minsub Hong und Volker Nietzke Tenor; Matthias Lutze und Stefan Drexlmeier Bass gegolten hatte, vor allem dem Dirigenten Justin Doyle.