„The american dream“ – in Schwerin auf Deutsch geträumt


(nmz) -
Man kommt nicht umhin, Corona zu erwähnen, auch wenn viele Häuser inzwischen routiniert damit umgehen. Glück hat Schwerin. Sein altehrwürdiges Haus hatte schon zur Eröffnung 1886 eine wirksame Entlüftung bekommen. Folge allerdings: der Raum kühlt stark ab und das begrenzt damals wie heute eine Aufführung auf anderthalb Stunden, die dann jedoch bei gesunder Frischluft erfolgt (und die scheut nicht nur Covid-19). Vorausweisend zudem, dass alle Bereiche im Zuschauerraum eigene Zugänge bekamen, steil und zugig zwar, doch geeignet zur Rettung vor Feuer damals, heute vor dem Virus. Da erweist sich auch die Maßnahme, die Garderoben zu schließen, als Vorteil, entledigt man sich doch der Garderobe erst am Platz und hat sie dann griffbereit neben oder vor sich. Sind alle Auflagen erfüllt, kommen die ca. 170 Opernenthusiasten schnell hinein und wieder heraus.
30.09.2020 - Von Arndt Voß

Auch das Geschehen auf der Bühne ist neu zu bewerten. Die Sänger müssen bekanntlich Abstand halten wie die Musiker im Graben. Dafür geeignete Stücke sind rar. Doch Schwerin fand gleich zwei, Kurzopern genannt, denen man noch ein Ballettstück anhängte, womit in 75 Minuten dreierlei geboten werden konnten. Geschickt gelang es zudem, alles ideenreich aufeinander abzustimmen, inhaltlich und stilistisch.

Zwei Opern

Inhaltlich war der Vorteil, dass alle Sujets von Paaren mit unerfüllten, vielleicht unerfüllbaren, zumeist geheimen Wünschen und Träumen handeln – ein Thema, das es wohl überall und zu allen Zeiten gab und gibt, ungeeignet deshalb auch, Aktuelles oder Politisches zuzumischen. So kann man die Musik uneingeschränkt genießen, zumal beide Opern die Zeit um 1950 klangvoll repräsentieren und nirgendwo anders als in Amerika vorstellbar sind, damals ein Staat mit einem angenehmen  Nimbus. Die eine ist Samuel Barbers „A Hand of Bridge“, 1959 uraufgeführt, die andere Leonard Bernsteins sieben Jahre vorher entstandenes „Trouble in Tahiti“. Als Barber sein Werk zu dem Libretto seines Lebensgefährten Gian Carlo Menotti komponierte, war er immerhin schon 49 Jahre alt und ein erfahrener Komponist. Bernstein dagegen gestaltete sein Werk mit 34 Jahren und zu einem eigenen Libretto. Ob es deshalb eine Nuance vitaler, auf jeden Fall musikalisch raffinierter klingt?

Barber benötigt nur knapp 10 Minuten, just die Zeitspanne einer Bridgepartie. Das beliebte Spiel absolvieren Sally (Itziar Lesaka) und Geraldine (Karen Leiber) zusammen mit ihren Ehemännern, dem Rechtsanwalt Bill (Paul Kroeger) und dem Geschäftsmann David (Sebastian Kroggel). Gewohnheit hat das Interesse an den Karten wie das an den Ehepartnern einschlafen lassen. So verliert jede und jeder der Vier zwischendurch sich in seine eigenen Gedanken, Gedanken biederer oder illusionärer Art. Bei Sally ist ein Hut, einer mit Pfauenfedern, das Ziel der Begierde, bei ihrem Mann Cymbaline, die heimlich Geliebte. Er fürchtet, dass sie etwas ahnt, wie auch Geraldine, mit der Bill sonst immer unter dem Kartentisch füßelt. Die aber ist insgesamt frustriert, denkt an ihre kranke Mutter, während ihr Mann David, im Beruf wenig erfolgreich, sich in Reichtum und Macht hineinfantasiert. Eine wunderliche Geschichte, wunderbar in Musik gesetzt!

Die wesentliche Handlung geschieht also innerlich, was auch die Inszenierung zu berücksichtigen hatte. Barber ordnete sogar an, dass den vier Personen „should not be allowed to leave the card table under any circumstances“, nachzulesen in der Partitur, deren Umschlag der befreundete Andy Warhol gestaltet hatte. Man konnte damals nicht mit Corona rechnen und damit, dass ein kleiner Spieltisch das Abstandsgebot einzuhalten nicht ermöglichte. So hätte er die vier übergroßen Karten auf Sockeln hinnehmen müssen, die Kathrin Kegler auf die Bühne stellte und die die Partie sehr einsichtig zu einem Gedankenspiel werden ließen.

… geistreich Verbindendes und …

Warhol spielt also bei der Partitur mit, taucht auch im Bühnenbild des Bernstein-Teils mit seiner Tomaten-Suppendose von Campbell auf. Sie ist unter anderem neben einem riesigen Keramikbecher, einem Transistorradio, einer Tütenlampe und einem von oben herabdrohenden Schneebesen eines der statusprägenden Haushaltsobjekte. Sie beherrschen die Menschen, machen sie zu Zwergen. Wichtigstes Objekt jedoch ist ein hoch aufragendes Tetra-Pak. Ausgerechnet eine alte Milchflasche wirbt darauf für gesunde Frischmilch, eine andere Fläche macht das Objekt zum Bürohochhaus.

Zwischen diesen sie beherrschenden Objekten haben sich Dinah (noch einmal Itziar Lesaka) und Sam (Yoontaek Rhim) häuslich eingerichtet, ein Paar mit Junior. Gegenseitige Vorwürfe hat ihr Zusammenleben ungemütlich gemacht. Nur ein winziger Rest Hoffnung ist geblieben und als gemeinsamer Fluchtpunkt das ferne Tahiti, dem sie sich durch einen Kinobesuch nähern wollen. Beobachtet werden sie wie im griechischen Theater von einem Chor, hier in Gestalt von drei munteren Jazzsängern (Katrin Hübner, Paul Kroeger, Cornelius Lewenberg). Sie kommentieren, setzen Gegenpole oder dienen auch pantomimisch als Mit- oder Gegenspieler.

… und ein Ballett …

Die Musik der beiden Opern ist stilistisch verwandt. Beide sind nicht nur oberflächlich und eingängig. Sie nutzen Jazz und Anspielungen auf Klassisches und umreißen zugleich Ort und Zeit. Dem konnte sich selbst der abschließende Pas de deux angleichen, ein Ballett mit dem ironischen Titel „Dancin‘ in Paradise“. Adriana Mortelliti, auch Kostümbildnerin, hat es zu Musiken von George Gershwin, dem Schwarzamerikaner William Grant Still und – wie zur Abrundung – zu Barbers „Molto Allegro“ geschaffen.

Hintergründig und ideenreich ist Mortellitis Choreografie, die Naomi Uji und Vasco Venturo geschmeidig und ausdrucksstark ausführen. Sie sind das Paar, das in der Alltäglichkeit Nähe sucht, sich verliert, sich zu finden scheint und dann doch wieder in bloße Gewohnheit gleitet. Es ist das Verhaltensmuster, das noch einmal in die gestische Kunst wunderbar leicht transformiert wurde.

Augen- und Ohrenfreude und ein Fazit

Es machte Spaß, dem leicht grotesken Geschehen auf der Bühne zu folgen, denn Toni Burkhardts Regie überzeugte, war beweglich und spielte einfallsreich mit den Objekten auf der Bühne. Stimmlich lagen allen Sängern ihre Partien. Sie vermieden zudem überzeugend jede bloße Parodie. Erfreulich war auch zu hören, wie sie die Anweisungen des neuen GMDs Mark Rohde umsetzten. Er bereitete eindrucksvoll differenziert mit dem kleinen Ensemble den klanglichen Hintergrund, fand einen guten Kontakt zu den Stimmen. Musiziert wurde aus dem Orchestergraben, aber vor den Musikern. Das führte allerdings trotz des kleinen, in allen Stilen gekonnt agierenden Ensembles zu Überdeckungen, die auch das Verstehen einschränkte. Vieles verlor sich deshalb im schnellen Parlando, obwohl für den Gesang deutsche Textfassungen gewählt wurden, bei Bernstein die von Paul Esterházy. Dennoch: der Beifall war berechtigt.

 

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