Unaufhaltsamer Tanz zum Tod - Die 72. Bregenzer Festspiele eröffnen mit Bizets „Carmen“


(nmz) -
„Die Karten lügen nicht“ singt die schicksalsgläubige Carmen und auf den scheinbar durch die Luft fliegenden, großen Spielkarten der Bühnenarchitektur verschwammen Pik und Kreuz. Das war zwar Video-Inszenierung, doch total passend: denn trotz strömenden Regen hatten sämtliche Solisten gesagt „Wir wollen spielen“, die 7000 Seebühnen-Besucher saßen unter Regencapes - und blieben beeindruckt sitzen, so dass Regen, Wetterleuchten und Donnergrollen im 3. Akt aufgaben...
20.07.2017 - Von Wolf-Dieter Peter

Das „Spiel auf dem See“ soll ja das einzigartige Ambiente mit einbeziehen. So kann das Unterschichten- und Schmuggler-Drama ja auch im Süden von Sevilla an der Mittelmeerküste spielen. Prompt fuhren auch mal Schmuggler-Boote an den Rand der Szene. Als José Carmen entkommen lässt, rennt sie nach rechts davon, per Kopfsprung ins Bodenseewasser und schwimmt davon – ein handwerklich gekonnter Wechsel von der Protagonistin zu einer Stunt-Schwimmerin…

Da das Bühnenteam Carmen auch im Wasser enden sieht, entwarf die mit Großinszenierungen im Pop-Bereich erfahrene, aber auch Opern-Ungetüme wie Berlioz’ „Trojaner“ faszinierend bebildernde Es Devlin eine Szenerie zwischen Wasser und Schicksalssymbolen. Aus dem Bodensee tauchen zwei 17 und 21 Meter hohe Unterarme auf. Die Hände werfen nicht nur 15 Karten in die Luft, weitere 28 liegen wirr „auf dem Boden“ und rutschen in den See. Die vorderen Karten können abgesenkt werden und so endete die Tarantella bei Lilas Pastia in Signe Fabricius’ Choreografie als rhythmisch genaues, lebensfroh überschäumendes Spritz-Ballett – Szenenbeifall.

Bühnenbildnerin Es Devlin arbeitete bei aller Größe auch Werk-nahe: der eine Arm hat eine Narbe, der andere ein Blumen-Tattoo – passend zur Messerkämpferin und Blumen-Werferin Carmen; der rote Nagellack der großen Finger ist teils abgeblättert – Arbeitsrealität, kein Folklore-Spanien; und da Carmen in der Tabakfabrik arbeitet, hält ihre linke Riesen-Hand die unvermeidliche Zigarette, deren Spitze im Abendhimmel glüht. Luke Halls präzise Video-Projektionen auf den je 28 Quadratmeter großen Karten wechseln dramaturgisch: Zu Herz-Dame Carmen kommt der Caro-Bube José; in der Schenke wirbeln zum Rhythmus der Musik alle roten Blätter; mit Escamillo kommen ein Pik-Ass und schwarze Karten ins Spiel der Leidenschaften; im Schmuggler-Bild wechselt alles in verfließendes Schwarz und die Oberkanten wirken wie Bergsilhouetten; zum zentralen Karten-Terzett leuchten Tarot-Karten auf: Hochzeit, Reichtum – und der Tod; am Schluss, zum Stierkampf-Volksfest erstmal bunte Sevilla- und Stierkampf-(Post)karten samt kleinem (aber letztlich Bregenz-obligatem) Feuerwerk – doch zum tödlichen Finale verschwimmt alle Buntheit ins Trübe und Schwarze.

In dieser vielfältig wirkenden Spiellandschaft erzählt Regisseur Kasper Holten die Handlung für ein auch opernfernes Publikum gradlinig und setzt für Werkkenner ein paar eigene Akzente. Carmen beobachtet Josés und Micaëlas zart-liebevolle Begegnung und fühlt sich herausgefordert. Micaëla sieht Carmens raffinierte Verführung, ja sie beschwört die überlegene Rivalin später, José zur sterbenden Mutter gehen zu lassen. Holten zeigt mehrfach Josés Affekt-Intoleranz: erst unkontrolliert zuschlagen, dann zutiefst zerknirscht um Verzeihung bitten. All das gipfelt in einer Schlussszene, in der Carmen und José immer tiefer im Strudel ihrer Leidenschaften waten, mehr und mehr im Wasser versinken und er sie schließlich gewaltsam ertränkt.

All das interpretierte Paolo Carignani mit den Wiener Symphonikern in flüssigen Tempi, im schwierigen Schmuggler-Quintett sogar leichtfüßig. Das impressionistisch duftende Vorspiel zum 3.Akt ließ sogar den Regen langsam versiegen. Die Dialoge der Opéra-comique-Fassung waren auf wenige Sätze eingekürzt, so dass sich in pausenlosen zwei Stunden ein unaufhaltsamer Tanz zum Tod hin einstellte. Mit dem strömenden Regen kamen die männlichen Solisten vokal nicht gut zurecht. Auch die angestrengt klingenden Frasquita und Mercédes wurden von Elena Tsagallagovas Micaëla überstrahlt: ihr Gebet im Schmugglergebirge sang sie anrührend: in der linken Handfläche 20 Meter über dem See. Doch der Abend gehörte der Carmen von Gaëlle Arquez: bildschön, unaufgesetzt verführerisch, mit herrlichen Mezzo-Tönen betörend – und so spielfreudig, dass sie sich ohne Double – aber mit einer unsichtbar kleinen Sauerstoffmaske – tödlich lange von José unter Wasser drücken ließ. Bizets Carmen erwies als regenresistent und musikdramatisch unsterblich. Einhelliger, doch wegen Schiff- und Zug-Heimfahrterminen vor Mitternacht viel zu kurzer Beifall.

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