Unübersehbar #23 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 16.10. bis zum 22.10.2020


(nmz) -
Es wird langsam wieder eng für Festivals und andere größere Veranstaltungen. Unsere 23. Ausgabe mit Streaming-Tipps blickt deshalb ein wenig melancholisch voraus auf das, was zum Beispiel von den Donaueschinger Musiktagen oder der Frankfurter Buchmesse noch übrig ist. Gleichzeitig weisen wir auf Konzerte in Russland, Italien und Frankreich hin, die dank Internet trotz Reisebeschränkungen erreichbar sind. Die Musik – unsere Herbergsmutter.


16. Oktober


Russische Musik 2.0
Live-Videostream am Freitag, 16.10.2020, 19:00 Uhr, via YouTube

Die Aksenov Family Foundation spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung zeitgenössischer Kunstmusik in Russland, die es im doppelten Würgegriff  von Pandemie und politischen Restriktionen der freien, progressiven Künste momentan besonders schwer hat. Das neueste Förderprogramm der Stiftung, die der russischen neuen Musik mehr internationale Aufmerksamkeit verschaffen will, heißt „Russische Musik 2.0“ und will insbesondere „Werke an der Schnittstelle zwischen Musik, performativen Praktiken und visueller Kunst“ anregen.
Acht Komponisten erhielten im ersten Corona-Lockdown Aufträge, deren Realisierungen am 16. Oktober im Moskauer Meyerhold-Zentrum im Livestream zu hören sein werden, als Eröffnungsveranstaltung des 15. internationalen Festivals für zeitgenössische Kunst Territoriya 2020 (www.territoryfest.com), dem bedeutendsten interdisziplinären Festival der Künste Russlands. Das „Expertengremium“ (dem prominente Komponist*innen wie Sergej Newski und Chaya Czernowin angehören) wählte Kompositionen von Mark Buloshnikov, Dmitry Burtsev, Oleg Gudachev, Daria Zvezdina, Daniil Pilchen, Alexey Sysoev, Boris Filanovsky und Alexander Khubeev aus und legte Wert auf Diversität der Generationen und ästhetischen Positionen, aber augenscheinlich weniger der Geschlechter.
[Dirk Wieschollek]


16. bis 18. Oktober


Nouveaux Horizons – 5 Konzerte aus dem Conservatoire Aix-en-Provence
Live-Videostreams via ARTE-Concert vom 16.10.2020, 20:30 Uhr, bis 18.10.2020 (Einzeltermine siehe unten) – danach im Archiv verfügbar

Unter der Leitung von Renaud Capuçon und Gérard Caussé treffen sich 25 junge Komponist*innen und Interpret*innen in Aix-en-Provence, um dort „Neue Horizonte“ zu eröffnen, sagt die ARTE-Website. Die Konstellationen versprechen einiges. Benjamin Attahir & Christian Mason (16.10., 20:30 Uhr), Joan Magrané & Yves Chauris (17.10., 18:00 Uhr), Elise Bertrand & Matteo Franceschini (17.10., 20:30 Uhr), Clara Olivares & Aki Nakamura (18.10., 11:00 Uhr) sowie Justina Repečkaitė & Vito Žuraj (18.10., 15:00 Uhr). Fünf Duo-Konstellationen mit jeweils hübschen Konzertprogrammen in denen Uraufführungen der genannten Protagonisten neben „alten“ Stücke stehen. Live-Streams aus dem Conservatoire Darius Milhaud, Aix-en-Provence. Na dann.
[Martin Hufner]


17. Oktober


BOOKFEST der Frankfurter Buchmesse
Live-Videostream, Samstag, 17.10.2020, ab 9:30 Uhr auf der Buchmesse-Homepage

Die Frankfurter Buchmesse hat sich vermutlich einen großen Gefallen getan, dass sie vorsorglich sehr viel für ein digitales Publikum geplant hat. Denn pünktlich zum Treffen der Kanzlerin mit den Ministerinnenpräsidentinnen anlässlich der drastisch ansteigenden Fallzahlen begann sie am Mittwoch. Am Sonnabend wird das Bookfest, das internationale Kulturfestival der Buchmesse, begangen. In diesem Jahr statt in Messehallen in zwei Studios. Den ganzen Tag lang werden Gesprächsrunden mit Bestseller-Autorinnen, Workshops und Performances gestreamt. Eingeladen sind u.a. Margaret Atwood, Kirsten Boie, Olga Grjasnowa, Marc-Uwe Kling, Edward Snowden, Slavoj Žižek. Das Programm hat vielerlei Themenschwerpunkte: Kids, Travel, Food, German Stories, Gastländer, German Bestsellers, International, Adventure, Guest of Honour 2021: Canada, Fantastic Women, Female Activists, Publishing Heroes, Focus Asia, Focus Spain, Crime, Focus Brazil/Chile/Nicaragua/Argentina, Focus USA, German Times, Fantastic Colors, Focus India/Taiwan. Angekündigt sind auch Musikshows, aber wer auftreten wird, ist noch nicht bekannt. Es gibt nur den Hinweis, dass das Programm derzeit noch täglich aktualisiert wird. Man kann sich also überraschen lassen.
[Juana Zimmermann]


18. Oktober


Donaueschinger Musiktage 2020 – Eröffnungskonzert
Video-Mitschnitt der Probe des Eröffnungskonzerts, ab 18.10.2020 via SWR Classic verfügbar

Die Donaueschinger Musiktage 2020 mussten Corona-bedingt leider abgesagt werden. SWR2 sendet immerhin einen Probenmitschnitt des Programms, das für das Eröffnungskonzert am 16. Oktober vorgesehen war. Das SWR Symphonieorchester spielt unter der Leitung von Titus Engel sechs Orchesterminiaturen von Klaus Lang, Mica Levi, Cathy Milliken, Lula Romero, Oliver Schneller und Michael Wertmüller – alles Kompositionen für kleines Orchester, die schon im Hinblick auf ein Festival unter besonderen Hygienebedingungen entstanden. Und die Kammermusik Nr. 1 von Hindemith ist auch dabei. Im Radio hörbar ist der Mitschnitt bereits am 16.10., in SWR2 ab 20:03 Uhr.
In letzter Minute erreichte uns außerdem die schöne Nachricht, dass das für Donaueschingen geplante Konzert des Ensembles Musikfabrik ersatzweise am Samstag, den 17. Oktober, um 20 Uhr in der Kölner Philharmonie stattfindet. Der SWR wird das Konzert mitschneiden und zu einem späteren Zeitpunkt senden.
[Martin Hufner]


22. Oktober


Palazetto Bru Zane: Camille Saint-Saëns – zwei Streichquartette
Live-Videostream, Donnerstag, 22.10.2020, 19.30 Uhr, und Video on demand auf der Homepage des Palazetto Bru Zane
Camille Saint-Saëns: Streichquartett Nr. 1 e-moll op. 112 & Streichquartett Nr. 2 G-Dur op. 153 (Quatuor Tchalik)

Dieses Konzert ist Teil eines Festival-Préludes vom 26. September bis 8. November mit Kammermusik zum 100. Todestag des lange Zeit auf seine Orgelsinfonie, „Samson et Dalila“ sowie „Karneval der Tiere“ festgelegten Camille Saint-Saëns (1835–1921) – ein hochkarätiges Vorgeplänkel einer hochkarätigen Premierenfolge. Palazetto Bru Zane, der anspruchsvolle Förderer und Editor für das lange 19. Jahrhundert der französischen Musik, hält physisch und digital an seinem Standort Hof – mit Kammerkonzerten, deren Interpret*innen sich mit Distinktion, intelligenter musikalischer Rhetorik und Akkuratesse auf die Werke einzulassen wissen. Diese Website ist zudem eine faszinierende Fundgrube mit Material zu lange Zeit vernachlässigten Werken und liebevoller Wegweiser auf Seitenpfaden der französischen Romantik: Vorhang auf also für eine Zentenarfeier von Palazzetto Bru mit mehreren Opernhäusern, die Camille Saint-Saëns in seiner Bedeutung neben Jules Massenet endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Kooperationspartner sind unter anderem das Theater Dortmund („Frédégonde“ ab 16.01.21), die Oper Leipzig („Les Barbares“ ab 27.03.), das Théâtre de la Monnaie Bruxelles („Henry VIII“ ab 27.04.).
[Roland H. Dippel]


Bis 31. Oktober


Ruhrtriennale 2018–2020 – Archiv der Ereignisse
Videos on demand auf der Ruhrtriennale-Homepage https://editionen.ruhrtriennale.de

Wie die Ruhrtriennale mit dem „Archiv der verlorenen Ereignisse 2020“ gezwungenermaßen die gesamte Jahresscheibe der aktuellen dreijährigen Intendanz von Stefanie Carp digital ersetzte bzw. simulierte, ist in der Folge 16 von „unübersehbar“ nachzulesen. Jetzt hat die Ruhrtriennale nach dem methodischen Muster dieses digitalen Archives auch die beiden Jahrgänge davor, also das Programm der Jahre 2018 und 2019 zugänglich gemacht. Dabei war es aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich, alle Produktionen gleich gut und ausführlich zu dokumentieren. Dennoch ist eine Sammlung aus vielen interessanten Mitschnitten oder Ausschnitten aus den unterschiedlichsten Inszenierungen, Statements oder Fotodokumentationen entstanden. Den Zugang findet man für jedes Jahr über etwa 30 Kachelfelder, die sich beliebig anklicken lassen, um in unterschiedlicher Form auch etliche Produktionen des Musiktheaters oder in dessen Grenzbereichen zu bieten.
Hinter dem „Türchen“ „The Head and the Load“ gibt es beispielsweise einen Videogruß von William Kentridge. Es ist eine Einführung in seine Produktion für 2018. Neben diesem knapp dreiminütigen Trailer gibt es weitere zur Vorbereitung der Produktion, schließlich eine Archivaufnahme von „The Head and the Load“, die im Juli 2018 in der Turbinenhalle der Tate Modern, London, anlässlich des 100. Gedächnistages zum Ersten Weltkriegs aufgenommen wurde.
Auch Ruhrtriennale-Veteranen sind natürlich mit von der Partie. In der Sammlung von 2018 unter dem Titel „Universe, incomplete“ etwa eine Inszenierung von Christoph Marthaler in der Ausstattung von Anna Viebrock, mit Titus Engel als Dirigent zur Musik von Charles Ives.
Auch in der Sammlung für das Jahr 2019 ist Christoph Marthaler mit Trailern vertreten. Das beginnt mit einem Grußwort zur Pressekonferenz. Dazu gibt es mehrere Trailer Einblicke von insgesamt ca. 10 Minuten in die, wie immer bei Marthaler, auch musikalisch unterlegte Arbeit „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“, die im Audimax der Ruhr-Universität Bochum über die Bühne ging.
Wie eine Referenz an einen der Vorgängerintendanten (und an den inneren Zusammenhang, den die Ruhrtriennale bei aller Unterschiedlichkeit der jeweiligen Handschriften ausprägt) ist Heiner Goebbels’ Produktion „Everything that happend and would happen“ aus dem Jahre 2019 mit einem kurzen Trailer und einer zehnminütigen Dokumentation vertreten.
Natürlich wird an die Triennale-Produktion des Teams Steven Sloane, Kornél Mundruczó und Márton Ágh von Hans-Werner Henzes  „Das Floss der Medusa erinnert“. Ebenso an die Begegnung von Mauricio Kagel und J.S. Bach, die das Chorwerk Ruhr unter der Überschrift „Chorbuch“ ermöglichte. Ganz im Zeichen der genreübergreifenden Ausrichtung der Ruhrtriennale stand unter dem Titel „Aufbruch“ eine Produktion der Cuban European Youth Academy unter Leitung von Thomas Hengelbrock.
Zu den insgesamt 34 „Türchen“, die den Jahrgang 2019 dokumentieren, gehört in Sachen Musiktheater ein Mitschnitt von David Martons Inszenierung von „Dido and Aeneas, remembered“, die beim Festival in Aix-en-Provence ihre Uraufführung erlebt hatte. Unter dem Label „Coro“ erinnern zwei Trailer von ca. 3 Minuten an die Kombination von Musik Luciano Berios Alessandro Striggios, die die Duisburger Philharmoniker, Chorwerk Ruhr und das Klangforum Wien im Salzlager, Zeche Zollverein Essen angeboten haben.
Das Stöbern in diesen Dokumentationen aller drei Jahresscheiben der Ruhrtriennale 2018–2020 mit ihren außergewöhnlichen und in ihrer Art einzigartigen Kunstanstrengungen in einer Region, bietet Erinnerung für die, die vor Ort dabei waren. Sie ist aber zugleich eine Anregung für kommende Jahresscheiben.
[Joachim Lange]

Mit freundlicher Unterstützung der

ernst von siemens musikstiftung

 

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