Unübersehbar #38 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 5.2. bis zum 11.2.2021


(nmz) -
Gar nicht so einfach, so einen Teaser zu dichten, wenn dazu die Callas die komplette Aufmerksamkeit einigermaßen unübersehbar und -hörbar einfordert. Nun denn: Dreimal Gegenwartsmusik, einmal Schuberts Geist aus Zenders Händen, einmal Beethovens „Unsterbliche Geliebte“ aus Lückers … ach, was weiß ich – Maria, ich komme! [jmk]


Ab 5. Februar


Radialsystem: Hanno Leichtmann – NOUVELLES AVENTURES
Video on demand via Radialsystem
Ab 5.2.2021, 18:00 Uhr, 70 Tage lang verfügbar

Zum 70. Geburtstag der Darmstädter Ferienkurse wurden 2016 sieben internationale Künstler*innen eingeladen, um im „historage“-Projekt das Gesamtarchiv des IMD als Quelle künstlerischer Arbeit zu nutzen. Der Berliner Klangkünstler Hanno Leichtmann, schon früher den klanglichen Kapazitäten digitaler Archive auf der Spur, hatte den Mythos Darmstadt unter dem sprechenden Ligeti-Titel „Nouvelles Aventures“ zu einer Soundinstallation komprimiert, die auf Konzertmitschnitten, Vorträgen und Diskussionen aus 70 Jahren Darmstädter Neue Musik-Geschichte basiert. Dabei knüpft Leichtmann bewusst an die Ästhetik früher Tonbandmusik einstiger Studios für elektronische Musik an (in der Konzentration auf Parameter wie „Amplitude, Tonhöhe und Geschwindigkeit, Laufrichtung, Aneinanderreihung und Schnitt“), andererseits an grundlegende Aspekte der Wiederholung, die sich bei Leichtmann in der intensiven Verwendung von Mikro-Loops manifestieren. Ursprünglich waren die „Nouvelles Aventures“ für Dezember 2020 als sechskanalige Klanginstallation live im Radialsystem geplant. Nun werden sie als Mix aus Hörspiel und „Animated Movie“ ab dem 5. Februar für die Dauer von 70 Tagen über die Radialsystem-Website abrufbar sein.
[Dirk Wieschollek]

Ensemble Aventure: 3. Saisonkonzert
Freitag, 5.2.2021, 20:00 Uhr
Live-Videostream via Vimeo

Sein 3. Saisonkonzert streamt das Ensemble Aventure, produziert von Thomas Hammelmann, aus der Elisabeth Schneider Stiftung in Freiburg. Gespielt werden Solo-Werke von Robin Hoffmann (Birkhahn-Studie, 2005), Marcelo Alejandro Rodríguez („nuevos contornos“, 2017 für Fagott), Horațiu Rădulescu (Lux Animae II op. 97, 1996/2000 für Viola solo, Helmut Lachenmann (Dal niente – Intérieur III, 1970) für Klarinette) und Sidney Corbett (Piano Valentine Nr. 15, 2010 und Nr. 10, 2005). Das Ensemble versteht dies als „ein hochaktuelles Programm, dass die Physiognomie unserer Zeit spiegelt und überschreitet zugleich: in Hoffnung.“
[Juan Martin Koch]

Nikolaisaal Potsdam: „Die Große Unbekannte“ (Beethovens „Unsterbliche Geliebte“)
Freitag, 5.2.202, 20:00 Uhr
Live-Videostream aus dem Nikolaisaal Potsdam

Beethoven-Jahr ist immer, oder? Und gerade jetzt dauernd für wegen aus zum Trost weil! LvBs Liebesleben gibt Rätsel auf, die man nicht lösen braucht, sondern von denen man sich lösen könnte, wenn man denn wollte. Aber was bedeutet schon Musik, wenn es im musikwissenschaftlichen Darknet rumpelt. In Potsdam, bekanntermaßen dem Zweitwohnsitz des komponierenden Titanen, gehen da Bekannte diesen Abgründen und der ewigen Unsterblichkeit der Liebe nach. Wir kennen sie längst aus zahlreichen Romanen und Fernsehsendungen: Arno Lücker, Autor der einzigen Takt-für-Takt-Analyse von Beethovens Klaviersonate op. 111 ist ebenso dabei wie Albrecht Selge, Autor der wahrscheinlich einzigen nennenswerten Publikation zum kompositorischen Schwerenöter aus dem letzten Jahr mit dem Titel „Beethovn“ (Rezension in der nmz). Die Veranstaltung wird eher nüchtern angekündigt mit den Worten: „Nach dem Tod Ludwig van Beethovens am 26. März 1827 fand dessen erster Biograph Anton Schindler den sagenumwobenen ‚Brief an die unsterbliche Geliebte‘ in einer Schublade. An wen sich dieser Brief richtete, ist bis heute ungeklärt – und Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Wir beteiligen uns an dem Rätselraten, führen Musik auf, die für in Frage kommende Widmungsträgerinnen geschrieben wurde, überprüfen den jeweiligen amourösen Gehalt der Musik – und diskutieren die Frage aller Fragen: Wer war die unsterbliche Geliebte Beethovens?“
Am Klavier ist neben Arno Lücker Schagajegh Nosrati. Bariton ist Christian Wagner. Auf dem Programm: Ludwig van Beethoven: Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ op. 98; Andante favori F-Dur WoO 57; Sechs Variationen über „Ich denke dein“ für Klavier zu vier Händen WoO 74 und Allegretto aus der 7. Sinfonie A-Dur op. 92 (Transkription für Klavier von Franz Liszt) u.a.
Na dann, man sehen was die da so pilawern werden.
Die Veranstaltung läuft als Zoom-Meeting, Anmeldung erfolgt über eine Mail an regie@nikolaisaal.de. Noch nicht bekannt ist die die Streamingadresse, die wahrscheinlich über die Website des Nikolaisaales Potsdam bekanntgegeben wird.
[Martin Hufner]


Ab 6. Februar


Schauspiel Frankfurt: Hans Zender – Schuberts „Winterreise“
6., 10. und 13. Februar 2021, jeweils 20:00 Uhr
(Live-)Videostream auf der Theaterwebseite

Franz Schuberts „Winterreise“ ist ein prächtiges Flaggschiff unter den Liederzyklen, das gerne auch mal auf einer Opern - oder Theater- Bühne anlegt. Und dort nicht aus der Rolle fällt. Abgesehen davon können oder müssen sich die Interpreten, die diese Reise wagen, der puren Beliebtheit wegen, mit vielen Größen ihrer Zunft messen. So wie es jetzt der 1984 in Frankfurt geborene und längst als Liedinterpret renommierte Tenor Julian Prégardien unter Pandemiebedinungen  im Schauspiel Frankfurt macht. Es ist aber nicht die klassische „Winterreise“ mit einem Pianisten an Bord, sondern die Bearbeitung von Hans Zender, die 1993 in Frankfurt mit dem Ensemble Modern uraufgeführt wurde. Zender (1936–2019) verriet mit dem Untertitel „komponierte Interpretation“ seine Intention. Der Komponist erweiterte die Welt der zwei Dutzend bekannten Lieder um eine Dimension, die gleichsam nach Innen und in musikalisch Zukünftiges lotet. Den Schubertschen Klaviersatz verteilt Sender auf Holz und Holz- und Blechbläser, Schlagwerk, Harfe und Streichquintett, aber auch auf Gitarre, Akkordeon und Mundharmonika.
Die Wirkung ist auch deshalb so stark, weil sie den Hörer von der vertrauten Postion aus „mitnimmt“. Wie bei der Uraufführung mit dem Ensemble Modern unter der Leitung des Darmstädter GMD Daniel Cohen wird „Schuberts Winterreise“ von Hans Zender am 6. Februar 2021 um 20.00 Uhr als Livestream aus dem Schauspiel Frankfurt übertragen. Am 10. und 13. Februar 2021 wird die Aufzeichnung als Wiederholung gezeigt. Jeweils ab 19.45 Uhr gibt es unter dem Titel „unerhört“ einen Prolog mit Berichten und Gedanken von drei Mitgliedern des Ensemble Modern zur Entstehung des Konzertes.
Für den Livestream und die Wiederholungen können über ein solidarisches Preissystem bis jeweils eine Stunde vor Beginn der digitalen Vorstellung Tickets erworben werden. Deren Einsteigerpreis liegt bei 10 Euro, der Normalpreis von 20 Euro und der sogenannte Unterstützerpreis bei 30 Euro. Für Ticketinhaber bleibt der jeweilige Stream bis zu 48 Stunden nach dem ursprünglichen Beginn der Veranstaltung zugänglich: https://ensemble-modern.reservix.de/events
Übrigens lohnt der Blick auf die Homepage des Schauspiels Frankfurt. Seit der Einstellung des Spielbetriebes im November entstanden dort digitale Formate wie Kurzfilme, Mitschnitte mit Einblicken in aktuelle Inszenierungen, Podcasts oder Livestreams, die unter der Rubrik „Schauspiel Frankfurt Digital“.
[Joachim Lange]


Bis 7. Februar


ECLAT Festival Neue Musik Stuttgart hybrid
3. bis 7.2.2021
Live-Videostreams unter https://portal.eclat.org/

Zum ersten Mal findet das ECLAT Festival komplett in der digitalen Welt und mit symbolischer Preisgestaltung statt: 353 Werke in 13 Konzerten, davon 24 Uraufführungen und dazu umfangreiches Beiprogramm. Die Zuschauer an den Endgeräten werden nicht nur zum Hören und Sehen, sondern auch zum interaktiven Mitmachen motiviert. Einer der Schwerpunkte des 41. ECLAT Festival ist ein ausgedehntes Statement zu Belarus. Maria Kalesnikava hat ECLAT in den letzten Jahren als Social Media Expertin begleitet. Als Führungsfigur der belarusischen Demokratiebewegung ist sie seit dem 7. September 2020 inhaftiert, am 7. Februar 2021 wird sie mit dem Menschenrechtspreis der Gerhart und Renate Baum Stiftung ausgezeichnet.
Die interaktive Performance-Veranstaltung „Chatroom“ soll zum Labyrinth von neuer Musik und Tanz werden. Am 7. Februar sind Wiebke Pöpels Film „Helmut Lachenmann – My Way“ und als Aufnahme aus der Digital Concert Hall Berlin „Georges Aperghis: Der Lauf des Lebens für Stimmen und Instrumentalensemble (2019/20)“ im Programm. Zur (Ur-)Aufführung gelangen Kompositionen von Iris ter Schiphorst, Enno Poppe, Alexander Schubert, Günter Steinke, Franck Bedrossian, Zeynep Gedizlioğlu, Anda Kryeziu, Kristine Tjøgersen, Emilio Guim, Matias Vestergård-Hansen, Ricardo Eizirik, Luigi Nono, Silvia Rosani u.a.
[Roland H. Dippel]


Bis auf weiteres verfügbar


Maria Callas: Konzert mit dem NDR Sinfonieorchester (1959)
Video on demand via YouTube

Am Freitag, den 15. Mai 1959, gab die Sopranistin Maria Callas in der Hamburger Musikhalle (heute: Laeiszhalle) den Auftakt ihrer Deutschland-Tournee. Dieser Tag war für Hamburg ein musikalisches Spektakel. Bereits am Flughafen empfingen unzählige Fans die Primadonna assoluta. Gemeinsam mit dem NDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Nicola Rescigno sang sie Arien aus Opern von Rossini, Verdi, Spontini und Bellini. Der NDR zeichnete das ausverkaufte Konzert auf und zum 75. Orchesterjubiläum wurde diese Aufzeichnung, die „eines der wertvollsten Dokumente aus der Geschichte des Orchesters“ sei, nun online gestellt. Auch wenn das Video nicht an die Klangqualität von Studioproduktionen herankommen mag, so hat der Schwarz-Weiß-Mitschnitt mit den Publikumsreaktionen und den Interaktionen zwischen Callas und Rescigno doch seine eigene Attraktivität.
[Juana Zimmermann]

Mit freundlicher Unterstützung der

ernst von siemens musikstiftung

 

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