Uraufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis „Edward II.“ an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Mehr als zehnminütiger, einhelliger Applaus für eine gerade in ihrer Reduktion musikalisch überaus eindringliche, in der Inszenierung erfreulich unplakative Produktion einer neuen Oper, der an der Deutschen Oper Berlin seit vier Jahren vorbereiteten Uraufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis „Edward II.“.
20.02.2017 - Von Peter P. Pachl

Dabei herrschte vor der Premiere in der Deutschen Oper Berlin Organisationschaos und seltsam gereizte Stimmung: zahlreiche Besucher, die ihre Karten vergeblich zu verkaufen suchten, eine Endlosschlange an der Kasse für die vorbestellten Karten aufgrund einer offenbar neuen, überforderten Kassiererin, während bereits die letzten Signale für den Einlass ertönten, und dann nochmals dasselbe Spiel an der Seitengarderobe, zumal die Mittelgarderobe auf Anweisung des Intendanten für dessen angeblich noch später kommende geladene Gäste reserviert war.

Dann dirigierte Thomas Søndergård zunächst scheinbar ins Leere, zumal die extrem leisen Flüsterklänge des Anfangs im Geräuschpegel der sich zu spät auf ihre Plätze zwängenden Besucher untergingen.

Nur wenige Zuschauer verließen vorzeitig jenes schwule Spektakel, in dem der wieder einmal großartig agierende und singende Chor der Deutschen Oper Berlin, einstudiert von Raymond Hughes, dem Publikum vordem so opernuntaugliche Beschimpfungen, wie „Arschficker und Schwanzlutscher!“ skandierend entgegenwirft.

Ob die enge Männerfreundschaft zwischen dem historischen Edward und Gaveston zu Anfang des 14. Jahrhunderts tatsächlich sexueller Natur war, ist umstritten. Aber insbesondere der Kultfilm von Derek Jarman machte den mittelalterlichen englischen Königs Edward II. zu einer Ikone der Schwulenbewegung. Wie Jarmans Film, so basiert auch das Libretto von Thomas Jonigk auf Christopher Marlowes Drama, obendrein auf historischen Quellen des 14. und des späten 16. Jahrhunderts.

Durchwegs spannend und fesselnd hat der Lebensgefährte des Librettisten, der Regisseur Christof Loy das von Jonigk auf den Aspekt der Schwulenhetze reduzierte Königsdrama gestaltet.

Edward II. steht offen zu seiner leidenschaftlichen Beziehung, zum unstandesgemäßen Freund Piers de Gaveston. Er entmachtet den gegen Homosexualität predigenden rechtmäßigen Bischof (Burkhard Ulrich) und erhebt stattdessen den Freund zum Bischof von Coventry. Edwards sexuell unbefriedigte Gemahlin sucht sich ebenfalls einen Liebhaber: Roger Mortimer (Andrew Harris), der den Herrscher sukzessive kaltstellt und dessen nach Frankreich geflohenen Geliebten grausam umbringen lässt. Edward II. wird inhaftiert und, dem Wahnsinn nahe, mit einer glühenden Stange rektal exekutiert. Edwards Sohn aber, fasziniert von der Andersartigkeit seines Vaters und auch erotisch in dessen Fußspuren wandelnd, lässt dann als König Edward III. seine Mutter und seinen Stiefvater Mortimer hinrichten – aber das wird in der Oper nur berichtet.

Die Folge der zehn Szenen startet mit der massiven Bedrohung König Edward II. durch sein blutbeflecktes Kabinett (von Klaus Bruns heutig gewandet), welches Gaveston mit einer Eisenstange entjungfert hat und diesen nun blutüberstömt in Edwards Schlafzimmer trägt. Dies Aktion erweist sich als ein Albtraum des Königs. Ihm schließt sich die Erzählung eines sexuellen Albtraums seiner Gattin an, wobei Traumerzählung und traumatische Realität kaum weniger bedrückend sind.

Eindringlich gelungen ist das Zusammenspiel von Klangsprache, gesungenem und gesprochenem Text und intensiver Personenführung in Annette Kurz’ Bühnenbild, das während des pausenlosen anderthalbstündigen Abends einen engen, altarähnlichen Rundbau in der Bühnenmitte langsam einmal um sich selbst kreisen lässt.

Aufgelockert wird der blutige, nur in der Leidenschaft schwuler Männer zärtliche Handlungsbogen durch zwei Diener, die – wie shakespearesche Clowns – im Zeichen der Macht zwischen weltlicher und kirchlicher Obrigkeit offiziell als Schergen gegen „Sodomiten und Juden“ vorgehen, sich aber in all ihren Erscheinungsformen – als Soldaten, Räte, Geistliche oder als Wärter – stets aufs Neue selbst als „Sodomiten“ erweisen. Diese Szenen interpretieren Markus Brück und Gideon Poppe witzig und mit Biss – und in der Schussszene begegnet ihnen der Zuschauer als Tourguides im Wachsfigurenkabinett wieder. Denn Jonigk bricht die historische Handlung mit Erkenntnissen und Statements der Nachwelt, insbesondere durch die Figur eines glamourösen Engels (der Geschichte), so etwa mit einem Zitat von „Goethe. Der kommt auch erst später“. Den Transvestiten-Engel im Silberfummel (Jarrett Ott) hat Scartazzini mit abstrahiertem Flügelrauschen bedacht.

In klassischer Spielfilmlänge von knapp 90 Minuten verblüfft der 1971 in Basel geborene Komponist durch Ökonomie der Mittel: der große Orchesterapparat mit fünf Schlagzeugern klingt fast kammermusikalisch – so sparsam, aber gezielt sind Instrumenten-Gruppen und -Soli im Graben eingesetzt. Scartazzini gelingen neuartige und verblüffende Effekte, woran Harfe und Glasharfe einen großen Anteil haben. Trotz partiellem Einsatz von Vierteltönigkeit, Clustern und Aleatorik, Elektronik und Tonband-Einspielungen, wirkt die Partitur großenteils tonal. Mit ihren Bläserchören gemahnt sie an klassische, in den Gesangspartien an romantische Modelle und mit ihren farbigen Orgelmixturklängen an Messiaen.

Erfreulicherweise gibt das informative Programmheft mit komplettem Libretto auch eine Link an, unter dem eine Download von Scartazzinis Partitur möglich ist (www.baerenreiter.com/edward).

Agneta Eichenholz, die bereits die deutsche Erstaufführung von Scartazzinis Hoffmann-Oper „Der Sandmann“ in Frankfurt entscheidend mitgetragen hatte, brilliert in der einzigen Frauenrolle dieser Partitur; sie macht den Entwicklungsbogen der unerfüllten Ehefrau Isabella bis hin zur erbitterten Feindin ihres Mannes, die einen Mörder (James Kryshak) für Edwards Hinrichtung engagiert, nachvollziehbar. Spannend klingt sie insbesondere im Duett mit ihrer eigenen elektronisch duplizierten Stimme.

Viril, mit nuancierter Stimmführung, gelingt es dem Bariton Michael Nagy, das Publikum für die Titelrolle sympathisch einzunehmen und auch nicht loszulassen, wenn er aufgrund der ihn umgebenden Zwänge selbst zum Tyrannen wird. Den begehrten und nicht nur in Albträumen gejagten schwulen Liebhaber Piers de Gaveston gestaltet der Tenor Ladislav Elgr.

Kinder haben in dieser Opernproduktion eine wichtige Funktion, zunächst werden sie von der Gesellschaft instrumentalisiert, agitieren mit Plakaten und Luftballons auf einer homophoben Demonstration für die heile Familie; im finalen Museumsschlussbild sind sie dann Teil einer toleranten Gesellschaft.

Der junge Prinz Edward kämmt sich gerne ausgiebig und wird später von einem langmähnigen Gespielen seines Vaters (Gieorgij Puchalski) mit Tutu und Ohrringen ausstaffiert. Vokal zunächst mit zaghaft gesprochenen Fragen an die Mutter, dann mit kleinen Gesangseinsätzen und arioser Wiedergabe eines die grausamen Details nicht aussparenden Botenberichts über die Exekution des Gaveston, gegen Ende mit einer umfangreich vokalisierenden Gesangsphrase im Terzett: eine großartige Leistung des Knabensoprans Mattis van Hasselt.

Selten hat man ein Publikum nach einer Uraufführung so enthusiastisch erlebt wie nach dieser musikdramatisch aufbereiteten Geschichte einer Schwulenhetze.

  • Weitere Aufführungen:  24. Februar, 1., 4. und 9. März 2017.

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