Uraufführung von Elena Kats-Chernins „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ an der Komischen Oper Berlin


(nmz) -
Die Supermärkte verkaufen schon seit Wochen Jahresendprodukte und Weihnachtsspezereien, da kommt, im Schema des traditionellen Weihnachtsmärchens, mit Anfang November das erste musikalische Kinderstück. Die Novität, ein Auftragswerk der Komischen Oper Berlin, folgt dem Erfolgsschema der Kinderbücher Michael Endes als Vorlage für Opernpartituren. Zwar erzählt es mehr, als dass es auf schwache Bebilderung setzen könnte, aber es erweist sich musikalisch als durchaus gelungen, meint unser Rezensent Peter P. Pachl.
04.11.2019 - Von Peter P. Pachl

Michael Ende (1929-1995) hat eine Reihe von Vorlagen für Kinder- und Jugendopern geliefert. Nachdem Mark Lothar mit „Momo und die Zeitdiebe“ den Anfang gemacht hatte, suchte sich Wilfried Hiller die nächstbesten Ende-Stoffe für seine Opern heraus, „Tranquilla Trampeltreu“, „Der Goggolori“ und „Das Traumfresserchen“.

An „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ hatte sich vordem jedoch noch kein Komponist gemacht. Offenbar war die Rettungsgeschichte um die zu eng gewordene  Insel durch Andocken eines weiteren Eilands als zu amorph erachtet und die raschen Schauplatzwechsel für eine Kinderoper, deren Länge nach Hillers Meinung 85 bis maximal 90 Minuten nicht überschreiten dürfe, als zu ungünstig erachtet worden.
Doch nach ihrem Erfolg mit „Schneewittchen und die 77 Zwerge“ an der Komischen Oper Berlin machten sich die Komponistin Elena Kats-Chernin und die Librettistin Susanne Felicitas Wolf daran, auch die Abenteuer-Reise des kleinen Jim Knopf und seines Freundes, des Lokomotivführers Lukas, von Lummerland nach Mandala und der Drachenstadt Kummerland als gut zweistündige Kinderoper zu bearbeiten.

Zumutungen

Wie schon vor vier Jahren, verzichtet die Inszenierung von Christian von Götz nicht auf den klassischen Kasperle-Trick der Befragung der Kinder im Publikum – diesmal mit einem evozierten breiten „Nein!“, was den Wunsch des Königs angeht. Denn mindestens ein Bewohner, womöglich auch die Lokomotive Emma, soll aus Lummerland verschwinden, da dieses zu klein geworden ist. Die besteigbare Spielzeug-Lok fährt auf einem erhöhten Podest, einer 8 auf der Drehbühne ihre Runden. Aber mit welch antiquierten 2D-Überblendungen Lukas Noll als „Bühnenbild und Video“ das Kinder-Publikum im Zeitalter von 3D zu bedienen trachtetet, ist schlichtweg eine Zumutung. Besonders peinlich dann die Erscheinung des Schwundriesen als eine sich verkleinernde Standbild-Projektion auf einem dafür herabgelassenen Gazeschleier.

Der diesmalige Verzicht auf ein Programmheft bringt zwangsläufig auch ein Fehlen weiterer illustrativer Momente mit sich. Doch wird im Foyer der Komischen Oper für 7,- Euro eine CD mit den 28 Nummern der Oper angeboten, erzählt von Andreas Pietschmann und gesungen von der allerdings nur mit Klavier begleiteten Originalbesetzung.

Uninspirierte Kostüme

Leider wirken diesmal auch die Kostüme von Alfred Mayerhofer eher uninspiriert, von den Seegurken im hochgeschlossenen Anzug und den blauen Kugelköpfen der Quallen bis zu einem von Peter Maffay und Rolf Zuckowski bei „Tabaluga“ abgekupferten Drachen.

Susanne Felicitas Wolfs Libretto reduziert die rein gesprochenen Dialoge und setzt für Solo- und Ensemblegesänge witzige Reime ein. Die usbekisch-australische Komponistin Elena Kats-Chernin, die für Barrie Koskys Intendanten-Einstand Monteverdis Operntrilogie originell mit Jazz, Klezmer und Tango angereichert und dann das „Schneewittchen“ für Kinder musicalartig komponiert hatte, sucht diesmal etwas mehr die Nähe zur Arienform der klassischen Oper, mit Pentatonik als Zeichnung für China und mit einem weiblichen Drachen in der Diktion von Kurt Weill.

Der von Dagmar Fiebach einstudierte Kinderchor singt zumeist aus dem Off, mikrofonverstärkt, wie die Stimmen der Solist*innen.

Die besten Momente erreicht die Aufführung, wenn sie sich auf den Stil der Komischen Oper besinnt, etwa mit zwei ihr Spiel bereits vor Beginn des zweiten Teils als Pausenclowns beginnenden Transvestiten, die sich in der nachfolgenden Handlung als tanzende Geier auf Highheels erweisen.

Beherzter Gesang

In der Regie von Christian von Götz singen und spielen die Darsteller*innen durchwegs beherzt, allen voran die junge, androgyne Georgina Melville als Jim Knopf (mit einem solchen, groß und in Gelb, an der Seite ihrer Hose). Julia Domke gefällt als Ping Pong, und Alma Sadé brilliert als Prinzessin Li Si. Carsten Sabrowski ist der sympathische, in seinen Flüchen arg aufgesetzt wirkende Lokomotivführer der Lok Emma; die löst – als Drache verkleidet – eine Rivalität zwischen zwei sie begehrenden männlichen Drachen aus. In einer Reihe diverser Rollen verwandlungs- und spielfreudig sind Dominik Köninger, Christoph Späth und Alexander Fedorov zu erleben. Und eine Paraderolle á la Brechtschem Lehrstück liefert Christiane Oertel, im Rahmenakt liebende Ersatzmutter des Jim, im Drachenland als Frau Mahlzahn, ein die von ihr gefangenen Kinder mit Mathematik quälender Drache.

Unter der musikalischen Leitung von Ivo Hentschel sehr beschwingt spielt das um chinesische Instrumente, wie Sheng und Erhus (Mundorgel und Kniegeige) angereicherte Orchester der Komischen Oper.

Gegen Ende wird – wie beim Autor des Kinderbuchs – die Aufklärung über noch offene Fragen auf „Jim Knopf und Die wilde 13“ vertagt; also soll wohl auch auf der Opernbühne noch eine Fortsetzung dieser Oper folgen. Final explodieren zwei Glitzerkanonen – und der auskomponierte Ende ist zu Ende.

Den Kindern, für die diese Produktion ja schließlich gemacht wurde, hat es – am Schlussapplaus gemessen – sichtlich gefallen. „Super“ meinte selbst jenes kleine Mädchen, das – die Maßgabe „ab 6 Jahren!“ sicherlich noch lange nicht erfüllend und auf dem Schoß seines Vaters sitzend – mich knapp zwei Stunden lang mit ihrem Schuh ans Schienbein getreten und so mein denkbares Wegdämmern verhindert hatte.


  • Weitere Aufführungen: 4., 9., 14., 17., 30. November, 8., 9., 10,., 11., 13., 16., 26. Dezember 2019, 10., 24. 27. Januar, 6. und 24. Februar 2020.

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