Vernachlässigte Schicksalsmusik – Ein Gedächtniskonzert zu Mieczyslaw Weinbergs 100.Geburtstag


(nmz) -
Dem Münchner Konzert- und Opernleben muss der Musikfreund immer noch ein Stück Geschichtsbewusstsein wünschen: nicht nur, dass die Schicksale Nazi-verfolgter und speziell jüdischer Musiker in der Stadt noch nicht umfassend und gründlich erforscht sind – sie werden auch wenig öffentlich aufgeführt. Das gilt auch für Mieczyslaw Weinberg, dessen fulminante Wiederentdeckung 2010 bei den Bregenzer Festspielen bislang weitgehend an München vorbeigeht – nur das Jewish Chamber Orchestra feierte soeben Weinbergs 100. Geburtstag.
12.12.2019 - Von Wolf-Dieter Peter

Daniel Grossmann, Gründer und Dirigent des in München beheimateten Orchesters, nahm gleich zu Beginn seine Rolle als Künstlerischer Leiter wahr: er hielt im vollbesetzten Hubert-Burda-Saal des Jüdischen Gemeindezentrums einen prägnant kurzen, aber historisch und musikgeschichtlich genauen Einführungsvortrag, denn selbst für die Mitglieder der Gemeinde ist Weinberg ein weitgehend „Unerhörter“.

Angerissen wurde die Flucht des musisch begabten Weinberg vor dem deutschen Überfall auf Polen 1939 ins russische Minsk und seine erstaunliche Möglichkeit, dort als polnischer Flüchtling und Jude zu studieren. Er gehörte sogar zu den Künstlern, die dann 1941 offiziell ins usbekische Taschkent übersiedelt wurden, um den Deutschen nicht in die Hände zu fallen. Von dort schickte Weinberg 1943 seine 1.Sinfonie an den schon renommierten Dmitri Schostakowitsch nach Moskau. Der war so beeindruckt, dass er Weinberg die Übersiedelung nach Moskau ermöglichte – eine lebenslange Freundschaft entstand – mit parallelem Leiden einschließlich Inhaftierung im Zuge des Stalinschen Terrors – aber auch künstlerischem Überlebenswillen einschließlich eines beiderseits zelebrierten „Streichquartett-Wettstreits“: Wer komponiert mehr?

Natürlich fanden in der auch nachstalinistischen Kulturrepression die progressiven Köpfe zusammen, darunter auch der Viola-Spieler des Borodin-Quartetts Rudolf Barschai. Der gründete nach dem Adenauer-Besuch 1955 und den gefeierten Auftritten des erstmals gastierenden Kammerorchester Stross das Moskauer Kammerorchester und führte, mitunter nur im kleinen Kreis, Werke von Weinberg und Schostakowitsch auf, teilweise von ihm für Streichorchester bearbeitet.

Genau diesen Künstlerkreis stellte das Programm vor. Den Einstieg bildete Weinbergs „Concertino für Violoncello und Streichorchester“, das er 1945-46 schuf, 1948 überarbeitete – das aber erst 1999 offiziell in Moskau uraufgeführt wurde. Solist Wen-Sinn Yang traf nach dem ruhig melancholischen Einstieg den Espressivo-Tonfall eindrucksvoll. Da waren auch das fast kratzbürstige Gegenspiel im Allegro vivace des 3.Satzes, dann fast ein Wimmern gegenüber dem Orchester, der schöne sonore Gleichklang mit den hohen Violinen bis hin zu klagendem Aufschrei.

Im kollegialen Komponierwettstreit hatte Schostakowitsch sein 10.Streichquartett – mit dem er 1964 zahlenmäßig die „Führung“ übernahm – Weinberg gewidmet, das Rudolf Barschai zur „Kammersymphonie für Streichorchester“ arrangierte. Grossmann und sein Jewish Chamber Orchestra Munich machten hier die Risikofreude zur Dissonanz, zum schrillen Diskant, zum geradezu aufseufzenden Lamento des 3.Satzes und dem fast versöhnlich harmonisch endenden Allegretto deutlich. Eine Ahnung des kompositorischen Kampfes gegen die Vorgaben des „sozialistischen Realismus“ stellte sich ein.

Mit der farbigen Mezzosopranistin Idunnu Münch kam ein Hauch des Weinbergschen „Dennoch“ auf die Bühne: im Exil 1943 einen ersten Zyklus von jüdischen Liedern nach Gedichten von Itzok Peretz zu komponieren. Es sind, mit einer fröhlichen Vokalise als Einleitung und Schluss, kleine Szenen einfachen und kindlichen Lebens auf Jiddisch, im Kern eingängig komponiert, in der Bearbeitung von Weniamin Basner dann mit Harfe „verschönt“, aber auch den bitteren Klage-Tonfall tiefer Streicher im „Brief“ eines Waisenkindes an die Mutter im Himmel nicht scheuend.

Den Abschluss bildete Weinbergs Sinfonie Nr. 7 op. 81, in der hörbar mit Tradition und „Modernismus“ gespielt wird, die dem sie 1964 uraufführenden Rudolf Barschai gewidmet ist. Ein einsames Cembalo beginnt und wird dann von melancholischen Cello-Phrasen übertönt; dieses Wechselspiel durchzieht alle fünf Sätze und lässt mehrfach assoziieren „Individuum gegenüber Masse“. Viel Herbheit, viel Bruchstückhaftes folgt aufeinander. Da kein großer Bogen auf Anhieb erhörbar wird, stellt sich auch der fast musikdramatische Eindruck eines „Nicht-dazu-gekommen“, eines bedrängten Lebens in Sorge und Bedrohung ein. Auch dafür, für alle Schrecknisse des 20.Jahrunderts und ein künstlerisches „Dennoch“ ist Mieczyslaw Weinberg eine in heutige Konzert-Repertoire gehörende Größe. Das manifestierte sich im reizvoll breit gefächerten Programm. Zu wünschen ist, was der engagiert und präzise leitende Daniel Grossmann eingangs formulierte: in der jüdischen Geburtstagstradition wird, angelehnt ans Vorbild „Moses“, immer ein Leben „bis 120“ gewünscht – also sollten Weinbergs Kompositionen, insbesondere seine Bühnenwerke in den kommenden Jahren im Münchner Musikleben lebendig sein.

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