Verquastes Paradies – Franz Schrekers „Die Gezeichneten“ bei den Münchner Opernfestspielen II


(nmz) -
Bruno Walter dirigierte 1919 die Münchner Erstaufführung des sensationellen Frankfurter Erfolgswerkes vom Vorjahr, Franz Schrekers „Die Gezeichneten“. Im zur „Hauptstadt der Bewegung“ stilisierten „braunen“ München dann natürlich kein Schreker-Werk – doch auch nach 1945 und selbst im Zuge der Schreker-Renaissance durch die maßstäbliche Frankfurter Produktion 1979 des Teams Gielen-Neuenfels-Bodisco-Zehelein setzte keine Münchner Intendanz das wichtige Werk auf den Spielplan. Entsprechend hoch waren jetzt, nach über 95 Jahren, die Erwartungen.
02.07.2017 - Von Wolf-Dieter Peter

Franz Schreker ist nicht nur ein klassisches Beispiel für den ruinösen Aderlass, den die Vertreibung und Vernichtung jüdischer Künstler durch die braunen Kulturbarbaren für die deutsche Kunst bedeutete. Speziell Schrekers Musikdrama „Die Gezeichneten“ ist ein zeitlos gültiger Monolith: er zeigt in Alviano einen körperlich entstellten, als Folge auch zwischenmenschlich zunächst verbogenen Aufsteiger, der durch die Erschaffung eines „Elysium“ dazugehören will; er zeigt eine korrupte, vermeintliche Elite um Herzog Adorno und insbesondere Conte Tamare, die hemmungslos ihre perversen Begierden in einer versteckten Grotte dieses „künstlichen Paradieses“ auslebt; er zeigt eine gutbürgerlich blinde Stadtregierung, die sich durch die Schenkung dieses abgründigen Kunstparks blenden lässt – und kurz auch „das Volk“, das nur die vordergründige Fassade sieht, verblendet jubelt und gleichzeitig nach den ent- und verführten Kindern und jungen Frauen sucht. Sie alle sind von falschen Hoffnungen, egomanischen Trieben, blinder Vergnügungssucht und zerstörerischem Missbrauch „Gezeichnete“… also ein Stück von 2017? Auf alle Fälle: für 2017 – auch wenn Schreker als sein eigener Librettist alles im Genua der Renaissance angesiedelt hat.

Zu alledem hat der hochbegabte, damals 40jährige Schreker eine dominant spätromantische und mehrfach sofort eingängig neutönerische Musik komponiert, deren Klangopulenz überwältigt, deren flirrende Raffinesse betört, deren dramatische Höhepunkte fesseln. All das könnte das Bayerische Staatsorchester mühelos Klang werden lassen, doch Ingo Metzmacher dirigierte mehrfach zu „gradan“, ohne Delikatesse und Subtilität, um daraus die fulminanten Steigerungen wie Vulkanausbrüche explodieren zu lassen. Auch bei den Solisten blieben Wünsche offen: John Daszak sang den Alviano glänzend präsent, überragte aber trotz angedeuteter Elephantenmensch-Frankenstein-Maske alle übrigen Lebemänner zu ungebrochen elegant; prompt hatte es der kleinere Christopher Maltman trotz kernigem Bariton schwer, den inhuman bacchantischen Machttypen Tamare glaubhaft zu machen; die zerbrechliche Carlotta, die als bürgerliche Künstlerin Alviano liebt, Tamare verfällt und im Liebestaumel stirbt – dafür war Catherine Naglestad viel zu walkürenhaft reif, zu wenig borderline-gefährdet. Die zahlreichen anderen Figuren und der Chor: Festspielformat.

Regisseur Krzysztof Warlikowski und seine Ausstatterin Malgorzata Szczęśniak empfingen zwar mit einer flirrenden Spiegelwand, so dass sich das Premierenpublikum gleichsam als „die Gezeichneten auf der Bühne“ empfinden konnte. Doch dann war zuviel Geld da, und beide konnten sich inszenatorisch in Nebensächlichkeiten ergehen: eine seelenlose Halle, mal Konferenzraum für die korrupten Bosse, mal Fitness-Center mit Boxring, mal kahler Paradiesgarten; eine schicke Bar an der Seite; eine auf- und abfahrende mal rote, mal weiße Sonnenscheibe; hereinfahrende Raumboxen, etwa für Carlottas nur befremdlich stilisiertes Atelier, denn ihre Eltern und weiter alle Normalmenschen trugen dann Esel- oder Mausköpfe; nackte Gogo-Girls und –Boys, mit „Follies“-Glitzer an den „unkeuschen“ Stellen, dafür im Spitzentanz; Filmzuspielungen vom Elephantenmenschen, Frankenstein, Golem, Phantom der Oper und Nosferatu; ein Sauerstoff-Inhalator für die herzkranke Carlotta; eine Schöne im Damian-Hirst-Glaskasten undundund… All das ergab keinen gebrochenen phantastischen Rausch, nur viel zu wenig intensive Personenregie. Dass etwa Maltmans Tamare nach seiner exzessiven Liebesnacht in Unterhosen von hinten gekrochen kommen und sich zu seinem inhaltlich menschenverachtenden, dazu musikdramatisch erschreckend packenden Lebemann-Bekenntnis mühselig Hose, Hemd und Schuhe anziehen muss, war so ein Negativhöhepunkt der Inszenierung. Für alle dies ein wenig Buh, dünner Jubel und kurzer Applaus. Kein Schreker-Glück in München.

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