Verwirrung der Gefühle – Purcells Semi-Opera „The Fairy Queen“ an der Oper Erfurt


(nmz) -
An der Oper Erfurt liebt man die besondere Herausforderung – von Uraufführungen über Ausgrabungen bis hin zu Projekten wie jetzt diese: „The Fairy Queen – Ein Sommernachtstraum“. Wäre diese letzte große Neuproduktion so etwas ähnliches wie der am Tag der Premiere parallel laufende ESC in Tel Aviv, als Genre-Contest auf der Bühne, bei dem Punkte verteilen müsste, dann hätten wohl die Tänzer des „Tanztheater Erfurt e.V.“ und die Choreographie von Ester Ambrosino die höchste Punktzahl eingefahren… Mehr „Multi“-Ehrgeiz für eine Kunstanstrengung als diesmal, ist kaum vorstellbar, sagt unser Kritiker Joachim Lange.
21.05.2019 - Von Joachim Lange

Das Philharmonische Orchester des Opernhauses unter Leitung von Samuel Bächli und eine Riege bewährter Solisten des Hauses sind dabei sozusagen die gesetzten Größen. Das Orchester muss sich der Barockmusik vor Händels großer Zeit widmen und macht das erstaunlich souverän. Die Sänger haben vergleichsweise kurze Passagen von Henry Purcell (1659–1695) zu singen. Als Theseus bzw. Oberon führen Máté Sólyom-Nagy, als Amazonenkönigin Hippolyta bzw. die Feenkönigin Titania Julia Neumann und als Puck, die sich lustvoll seinen Versen widmende Katja Bildt das recht umfangreiche Ensemble an. Wenn sich die singenden Protagonisten den Sprechtexten widmen und die eingefügten Passagen aus Shakespeares Sommernachtstraum (in der deutschen Übersetzung von Frank Günther) sprechen, dann machen sie das mehr oder weniger gut bzw. mit den Einschränkungen, die immer auftreten, wenn Sänger oder Sängerinnen die Grenzen ihres Metiers überschreiten.

Autonome surreale Phantasiewelt von faszinierendem Schauwert

Schließlich kommen ein halbes Dutzend Puppenspieler des nicht nur in Erfurt geschätzten Theaters Waidspeicher und ihre Puppen hinzu. Die Hälfte der Spieler befindet sich schon zu Beginn auf der Bühne. Als Totengräber. Wenn der Dirigent im Graben das erste Mal die Arme hebt, dann ist das ein Zeichen Richtung Schnürboden. Von dort fallen lauter bunte Säcke herab, die dort baumelten. Aus denen suchen sich diese Totengräber (Hamlet lässt grüßen!) diverse Schädel und Gerippe heraus, um als Gerippe-Puppen die Rollen der berühmten schauspielernden Handwerkertruppe zu übernehmen. Tomas Mielentz ist fortan Zettel, Paul Günther Squenz, Karoline Vogel Schnock und Kathrin Blüchert Schnauz. Die führen dann auch noch die Puppe des indischen Knaben (der freilich gar nicht allzu indisch aussieht) und das Puppen Double der Titania. Wenn schon Titelpartie, dann auch noch ein Double. Was den Vorteil hat, dass Julia Neumann von erhöhter Warte aus zuschauen kann, wenn sich ihr Puppen Alterego mit dem zum Esel verwandelten Zettel vergnügt. Die Athener Liebespaare Hermia und Lysander, Demetrius und Helena und die Verwirrung der Gefühle werden von Katharina Wilke und Emanuele Rosa sowie von Daniel Medeiros und Veronica Bracaccini lustvoll getanzt.

Kollisionen

In den von eine Pause unterbrochenen drei Stunden geht es dann im Wechselspiel von Wechselspiel von Schauspiel, Musik, Tanz und Puppenspiel durch die mittsommerliche Traumnacht.…

Nun firmiert Henry Purcells Variante des Sommernachtstraums aus dem Jahre 1692 als Semi-Opera. Wobei ein elegischer Grundton dominiert und barocke Pauken- und Trompeten-Orchesterpracht nur aufleuchtet, wenn die Hochzeiten anstehen. Vorher schummelt Samuel Bächli noch eine musikalische Einlage von Peter Maxwell Davis unter Purcells Musik, die auf der Bühne ansonsten vor allem einer melancholischen Poesie den Weg ebnet. 

Das kollidiert – selbst in Zeiten von Barockboom und der etablierten Rückkehr von Händelopern ins Repertoire – dennoch etwa mit heutigen Hör- und auch Tempogewohnheiten. In dem sich gegen Ende hin dann doch etwas hinziehenden Premierenabend wurde das wohl durch die besondere Sympathie der verschiedenen Publikumsfraktionen mit ihrem jeweiligen Favoriten überdeckt. Ob das im Repertoirealltag auch so funktioniert, wird man sehen. Einen Synergieeffekt im Saal freilich gibt es allemal.  

Additiv

Und doch bleibt die Summe der einzelnen Bestandteile genau das: die Addition verschiedener, sich abwechselnder Theaterformen beim Gang durch eine bekannte Geschichte. In die höhere Qualität, also in eine Art totales Welttheater schwingt sich der Abend nicht wirklich auf. Obwohl die Inszenierung von Ulrike Quade (und ihres 6-köpfigen Teams) mit poetischen Qualitäten und jeder Menge Schauwert aufwartet und die Balance der Sparten und das Verschwimmen der Grenzen mit dem Blick aufs Ganze koordiniert. Marc Warning (Bühne) und Carly Everaert (Kostüme) haben jenseits naturalistischer Anklänge eine autonome surreale Phantasiewelt von faszinierendem Schauwert kreiert. Als sich die rätselhaften Halbkugeln vom Bühnenboden lösen, und dann mit dem herabhängenden Gemisch aus einem bunten Allerlei wie in einem Gewirr aus Fantasypflanzen, Meerestieren oder Kreation von Schmuckentwürfen einer Modeklasse an der Kunsthochschule den Raum beherrschen, dann entsteht optisch tatsächlich der atmosphärische Zauber eines Bühnen-Sommernachtstraums. Im Jubel waren sich am Ende alle Gruppen des Publikums einig.

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