Viel Reim um Liebe – Staatsoperette Dresden entdeckt Kurt Weill-Rarität


(nmz) -
Wenn ein Stück Musiktheater nach seiner Broadway-Uraufführung mehr als ein halbes Jahrhundert lang liegt, kann das durchaus am Stück liegen. Oder an den Jahrzehnten. Die Staatsoperette Dresden wurde so jedenfalls ein weiteres Mal in ihrem Ruf bestärkt, ein Ort für Ausgrabungen und Entdeckungen zu sein. Diesmal hob sie die Europäische szenische Erstaufführung eines fast vergessenen Werks von Kurt Weill.
27.10.2013 - Von Michael Ernst

In den vergangenen Jahren konnte die Staatsoperette Dresden mehrfach mit Raritäten punkten, mit Überraschungen, die an einem vergleichsweise kleinen Stadttheater kaum zu erwarten wären. Mal waren das eher unbekannte Operetten von Johann Strauß, mal ein Musical von George Gershwin, das nie zuvor an einer europäischen Bühne gezeigt worden ist. „Pardon My English“ landete Ende 2009 ziemlich treffsicher in Dresden, schließlich spielt das 1934 am Broadway herausgekommene Stück auch in der Sächsischen Schweiz.

Mit solcher lokalen Verortung kann „Viel Lärm um Liebe“ nun nicht aufwarten (wenn man davon absieht, dass Florenz als Handlungsort nun just in Elbflorenz gelandet ist). Aber auch diese Broadway-Operette von Kurt Weill war szenisch noch nie in Europa zu sehen. Lediglich konzertante Aufführungen gab es in London, Wien und in Dessau. Dort, wo Weill 1900 geboren wurde, soll diese erste deutschsprachige Produktion von „Viel Lärm um Liebe“ 2014 auch als Gastspiel gezeigt werden. Die Staatsoperette ist schon vor der Premiere dieser Ausgrabung zum 22. Kurt-Weill-Fest eingeladen worden.

Eine mutige Tat, diese Wiederentdeckung, oder ein gelungener Glücksgriff? Schließlich kann ein über Jahrzehnte „vergessenes“ Stück Musiktheater auch der Tatsache geschuldet sein, dass es nichts oder nur wenig taugt. Es geht aber auch an, dass sie, die Jahrzehnte, für das Werk einfach nicht taugten. Verständlich wäre zumindest, wenn Amerika unmittelbar nach Ende des 2. Weltkriegs nicht erpicht darauf gewesen sein sollte, das Opus eines Deutschen zu sehen und damit ausgerechnet nach Italien geführt zu werden. Die Gedanken an gleich zwei faschistische Achsenmächte sind seinerzeit keine gute Basis für unterhaltsame Schmonzetten gewesen. Wo auch immer der Grund für diese Weill-Abstinenz liegt, die Dresdner Neuproduktion ist jedenfalls Grund genug für eine Wissenschaftliche Tagung, die zwei Tage lang die Premiere fachlich ergänzt. Ausgerichtet wird sie gemeinsam mit der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Naheliegende Tagungspunkte sind Biografie und Rezeption des aus einer jüdischen Familie stammenden Exilanten.

Als Weill seine Broadway-Karriere begann, hatte er die großen Erfolge mit „Die Dreigroschenoper“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ schon hinter sich. Dass sich die New Yorker Avantgarde just im Frühjahr 1945 nicht sonderlich für das Werk eines deutschen Komponisten interessiert, der mit seinem neuen Stück ins Europa zur Renaissance führen wollte, klingt aus heutiger Sicht recht plausibel. Denn „Viel Lärm um Liebe“, auch wenn das verdammt nach Shakespeare klingt, ist ein Werk um den berühmten Goldschmied und Bildhauer Benvenuto Cellini. Ein bewunderungswürdiger Künstler, ein Frauenheld, ein Genie – und ein mehrfacher Mörder. Im Original trug dieses hybride Stück, das eine Menge Musical und ordentlich Operette broadwaymäßig miteinander vermengt, den Titel „The Firebrand of Florence“. Eine Voraufführung freilich hieß noch „Much Ado About Love“, aha: Schlag nach bei Shakespeare.

Weill fand sein Material für den „Firebrand“ in der (schwierigen!) Zusammenarbeit mit Edwin Justus Mayer (Buch) und Ira Gershwin (Liedtexte). Von vornherein ist da wohl nicht ganz klar gewesen, wohin die Reise gehen soll? Broadwayshow oder klassische Operette, eine Melange aus beidem oder gar ein nie dagewesenes Genre?

Die so entstandene Musik hat stellenweise viel Schmiss, orientiert sich mitunter am Wiener Walzer, ist den Traditionen ebenso verhaftet wie dem Aufbruch zu neuen Gestaden, sprich Gestaltungsmitteln. Unterm Strich klingt das partiell allerdings auch unausgegoren, will sagen, nach einer gehörigen Portion Unentschlossenheit.

Zwischen Hinrichtung und Happy End

Für die nun vorliegende sächsische Sichtung kommt – erschwerend! – hinzu, dass für die Dresdner, nein: Europäische szenische Erstaufführung eine deutsche Textfassung von Roman Hinze erstellt worden ist. Zwar heißt es da an einer Stelle, „Reim ist mir zuwider“, doch wird genau dieses Zuwider bis schier zum Exzess getrieben. Beispiel gefällig? „In Firenze / gibt’s Feste und Tänze.“ An anderer Stelle reimen sich Pampelmusen auf Busen, noch wesentlich hölzerner werden Wortverdreher geschnitzt, denen man nicht mal mehr die unfreiwillige Komik abnehmen mag.

Unter der musikalischen Leitung von Andreas Schüller, seit dieser Spielzeit Chefdirigent des Hauses, hatten Orchester und Sängerdarsteller ordentlich Biss, gestalteten die stilistisch mitunter sehr wechselvollen Nummern wie aus einem Guss, formten mit Wärme und Pep einen weitgehend mitreißenden Abend. Regisseur Holger Hauer und Choreograf Christopher Tölle durften diesem Tempo vertrauen und schufen in der Ausstattung von Christoph Weyers eine dichte Szenenfolge, die zwischen Hinrichtung und Happy End so ziemlich alles aufbot, was spannendes Musiktheater so ausmacht. Benvenuto Cellini, der bildhauernde Held, zieht zunächst seinen Kopf aus der Schlinge und schenkt zum Schluss sein Herz seinem Modell, der geliebten Angela. Für Irrungen und Verwirrungen sorgen Intrigen und Emotionen ohne Zahl, denn auch der Florentiner Medici-Herzog Alessandro und seine Gattin haben Begehrlichkeiten – auf Angela und Benvenuto. Allerdings wird dieser Herrscher über weite Strecken noch blöder dargestellt, als es inzestuöses Blaublutgezücht ohnehin ist. Bryan Rothfuss, deutschstämmiger Amerikaner, nutzte diese Partie für heftig changierende Kabinettstückchen; der Publikumszuspruch war ihm so sicher. Seine Gattin wurde zur Premiere von Elke Kottmair verkörpert, lasziv bis ins Gutturale. Des Bildhauers Muse musste, um nicht zwischen Herz und Herzog zerrieben zu werden, kräftig die darstellerische Farbpalette anrühren – Olivia Delauré sang und spielte dies in einem betörenden Spektrum. Ebenso der Tausendsassa Cellini, ein Künstler durch und durch, ein Aufschneider und Anpasser, ein Ganove unter Ganoven – Miljenko Turk mimte ihn höchst sympathisch und gab ihm absolut überzeugend ein kraftvolles Timbre mit Wärme und Wohlklang.

Die insgesamt knapp dreistündige Show – denn so muss dieser Mix aus Musical und Operette wohl bezeichnet werden – kam beim Premierenpublikum gut an. Es gab viel Szenenapplaus und reichlich Schlussbeifall. Welche Chance damit vertan wurde, dass „The Firebrand of Florence“ weit mehr als ein halbes Jahrhundert nicht sinnvoll gepflegt wurde, kann nicht mal erahnt werden. Womöglich wäre es zu einigen Albernheiten in „Viel Lärm um Liebe“ dann nicht gekommen. Wer aber Geschmack an solch einer Vierecksgeschichte findet, gepaart mit sattem Chorus und schwungvollen Balletteinlagen, der dürfte in der Staatsoperette Dresden auf seine Kosten kommen.

Termine: 5., 6.11., 18., 19.12.2013

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