Vom Blendwerk der Freiheit – Smetanas „Dalibor“ in Augsburg


(nmz) -
„Mir sind die Augen aufgegangen. Wir sagen das …, weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können“ schrieb Ingeborg Bachmann von Jahrzehnten. Das kann der Hintergrund für die Wahl des soeben zum 5.Staatstheater Bayerns aufgewerteten Augsburger Teams sein, ausgerechnet im Ausweichquartier im Martinipark nicht einen verkaufssicheren Repertoireklassiker anzusetzen, etwa Smetanas „Verkaufte Braut“, sondern sein tschechisch vaterländisch orientiertes, daher nicht so populäres Musikdrama „Dalibor“. Ein reizvolles Wagnis.
08.11.2018 - Von Wolf-Dieter Peter

In der Ausschmückung der vaterländischen Sage ist Ritter Dalibor ein Adeliger, der seine Bauern nicht ausbeutet. Als er einen benachbarten adeligen Wüterich erschlägt und dessen Burg in Flammen aufgehen lässt, weil dieser den von Dalibor geschätzten, ja geliebten Geigen-Künstler Zdenek abgeschlachtet hat, schleudert Dalibor auch dem König und dem Gericht „Macht gegen Macht“ entgegen. Er wird zu lebenslangem Kerker verurteilt, doch längst gibt es eine wachsende Schar von Anhängern, die seine Befreiung planen. Die Dalibor zunächst anklagende Milada - Schwester des getöteten Wüterichs - ist von Dalibors gradliniger Aufrichtigkeit so beeindruckt, dass sie sich in ihn verliebt und seine Befreiung aus dem bis heute existierenden Turm „Daliborka“ auf der Prager Burg organisiert: als Bursche verkleidet gewinnt sie das Vertrauen des Kerkermeisters, schmuggelt Feile und Geige zu Dalibor – doch das als Fluchtsignal vereinbarte Violinspiel Dalibors bleibt aus: alles ist verraten und aufgedeckt worden, Dalibor, Milada und alle Aufständischen werden von den Machthabern getötet.

Smetana hat dafür eine Wagners Leitmotiv-Technik nutzende spätromantische Musik geschrieben. Sie lässt mal aufbrausend und kantig Gewalt und Tod Klang werden; es gibt Seufzerfiguren für Klage und Leid; ein sich traumschön über zartem Orchestersatz erhebendes Violinsolo macht Dalibors Trauer um den geliebten Künstlerfreund, gegen Ende auch die Hoffnung auf Befreiung und - als diese scheitert - das utopisch beschworene Wiedersehen mit dem Freund und Milada im Jenseits hörbar. All das gelang durch Augsburgs Konzertmeisterin Jung-Eun Shin unter GMD Domonkos Hojas Leitung der Augsburger Philharmoniker: obwohl im Ausweichquartier ein Orchestergraben fehlt, gingen neben allem Kriegsgetöse, dramatischen Konfrontationen und emotionalen Ausbrüchen doch auch Smetanas feiner Sinn für Einsamkeit und Verlorenheit des Individuums gegenüber aller zeitlos rigiden Staatsmacht nicht unter.

Regisseur Roland Schwab zeigte im Einheitsbühnenbild kalt grauer Wände, Nebel und oftmals Gegenlicht eine Diktatur in heutigem Gewand, deren Schergen missliebige Personen ins Knie schießen, nebenbei töten und oppositionelle Ansammlungen von Salven niedermähen lassen – da bewies das Werk aktuelle Gültigkeit. Zusätzlich aber traf Schwab eine etwas einseitige Entscheidung: für ihn ist Dalibors Liebe zu Freund Zdenek eine homosexuelle Beziehung, weshalb dem schon blutig misshandelten Dalibor ein „ECCE HOMO“-Schild umgehängt ist – und von den Geheimpolizisten hämisch das „ECCE“ durchgestrichen wird. Damit rückt Schwab die Fidelio-Leonoren-Parallele des Werkes, die lebensbestimmende Liebe Miladas zu Dalibor, ihrer beider großes Liebesduett im Kerker und den Opfertod Miladas in eine Art zweiter Reihe, auch in musikdramatische Schieflage – als ob tiefinnige Verbundenheit zwischen zwei Männern – der Theaterfreund darf an Don Carlos und Marquis Posa denken – immer auch homosexuell sein muss …. Doch jenseits dieser Einseitigkeit blieb die Freude an guten Gesangsleistungen: bis auf den unumgänglich heldischen Tenor Scott MacAllister als Dalibor-Gast alle Partien aus dem Augsburger Ensemble besetzt, überstrahlt von Sally du Randts Milada-Sopran. Einhelliger Beifall – und der Musiktheaterfreund darf auf die „Dalibor“-Interpretation im „Opernhaus des Jahres“, in Frankfurt im Februar 2019 gespannt sein.

  • Premiere am 14.10.2018, besuchte Aufführung am 01.11.2018.