Vom Scheitern des Ideals - Die Tiroler Festspiele Erl bieten Ernest Chaussons „Le Roi Arthus“


(nmz) -
Auch in der sich als Wagner-Hochburg verstehenden Region um das Festspielhaus Erl scheint leider zu gelten „Was der Wagnerianer nicht kennt…“: „Walküre“ ausverkauft – „Roi Arthus“: für die Premiere und auch für die beiden kommenden Aufführungen eine Menge unverkaufter Karten. Dabei galt der 1855 in Paris geborene Ernest Chausson lange Jahre als der französische Wagnerianer schlechthin.
24.07.2022 - Von Wolf-Dieter Peter

Aus reichem Großbürgertum stammend musste Chausson zwar zunächst die juristische „License“ erwerben, durfte sich dann aber gemäß seiner Begabung ganz den Künsten widmen und begann zu komponieren. Er besuchte 1879 in Bayreuth den „Fliegenden Holländer“ und den „Ring“. Seine Begeisterung war so groß, dass er - neben Wanderungen durch Bayern - mehrfach nach Bayreuth zurückkehrte, von „Tristan“ überwältigt war und 1882 bei der Uraufführung des „Parsifal“ assistierte.

Inmitten der französischen Musik-Elite begann er 1886 „Le Roi Arthus“ auf sein eigenes, schön ausformuliertes Libretto zu komponieren. Nicht zuletzt, weil er sich „de-wagnerisieren“ wollte, stellte er das dreiaktige „Drame lyrique“ erst 1895 fertig – ehe ihn ein Fahrradunfall 1899 aus dem nur vierundvierzigjährigen Leben riss. Das anspruchsvolle Werk mit seinen inhaltlichen und musikdramatischen Parallelen zu „Tristan“ wurde erst posthum 1899 in Brüssel uraufgeführt, litt dann unter der Weltkriegs-bedingten deutsch-französischen Kulturfeindschaft, ehe Dirigent Marcello Viotti und Regisseur Günter Krämer 1996 das Werk bei den Bregenzer Festspielen grandios rehabilitierten: über die Liebesgeschichte um Lancelot und Genièvre hinaus als zeitlos aktuelle Polit-Parabel, als herausfordernde Utopie einer anderen Weltordnung als scheiternde Alternative.

Wohl um zur grassierenden Fantasy-Welle eine visuelle Brücke zu bauen, haben Regisseurin Rodula Gaitanou und Ausstatter „takis“ sich an „Games of Thrones“ in Kostümen, Waffen und Felsenlandschaft angelehnt. Doch der runen-artige Spiel-Ring mit Zugang hinten oben und vorne unten erwies sich trotz hochfahrendem Mittelteil zu wenig als Signal für die legendäre „Tafelrunde“, eher als Deko-Ersatz für ausstrahlungsarme Personenregie. Von der Dialektik der menschlichen Natur, die der Sehnsucht nach Glück den Keim des Unglücks einzupflanzen scheint, war nichts zu sehen. Doch die Haupthandlung um König Arthus, seine die Sachsen besiegende, aber durch Rivalitäten zerfallende Ritterrunde, die in Flucht und Rebellion mündende Leidenschaft Lancelot-Genièvre, dann ihr Selbstmord und seine Unterwerfung sowie Verklärung und Entrückung König Arthus‘ wurden zwar offensichtlich erzählt, aber nicht mehr.

Aller Trost kam aus Chaussons herrlich vielfältiger Musik. Wie Debussy und d’Indy kann er impressionistisch feinsinnig zaubern. Die martialische Welt der Krieger und Kämpfe donnert, dröhnt dann – und klingt aber auch nur von ferne herein, wenn Eros und Liebe Tristan-Format annehmen. Die pastose Verklärung und Entrückung Arthus‘ mit dem großen Frauenchor gelang als grandioses Finale. Im Kontrast zu dem finsteren Mordred von William Meinert, dem feinsinnigen Lyonnel von Andrew Bidlack und dem lyrischen Zauber des Spielmann von Carlos Cárdenas verwechselte nur Tenor Aaron Cawley den Lancelot mit einem Laut-Sing-Wettbewerb: er gewann – auf Kosten der Figur. Dafür gestaltete und sang Anna Gabler Genièvres Zwiespalt expressiv. All das gelang, weil Dirigent Karsten Januschke das in Großbesetzung aufspielende Festspielorchester zu einem vielfarbig strahlenden Klangplädoyer für den bislang unterschätzten Komponisten Chausson animierte.

Doch der Abend gehörte zwei Bariton-Künstlern. Zwar signalisieren spiegelbildlich angelegte Kostüme von Arthus und „Zauberer“ Merlin einen Hauch von „alter ego“ – ausgeführt war diese Idee nicht. Dafür verstrahlte der Südafrikaner Kabelo Lebyana Merlins Weltwissen-Souveränität mit ruhig strömender Stimmfülle und ernster Würde. Doch übertroffen wurde er vom Frankfurter Ensemblemitglied, dem Bariton-Hünen Domen Križaj: da wurden weise Entscheidungskraft, humane Wärme und trauernde Einsicht in eine Welt, die „nicht so ist…“ in differenzierten Farben und abgestufter Expression zu Klang, da leuchtete die Hoffnung auf eine andere Weltordnung als unsere „…des Faktischen“ auf. Beider große Szene wurde zum Höhepunkt des Abends – und für den jungen Slowenen Križaj sollte dieses Porträt der Durchbruch in die erste Reihe seines Fachs sein. Also über allen Jubel hinaus auch für Stimmfans: nichts wie hin in die beiden folgenden Aufführungen!

  • Weitere Aufführungen am 27. Und 30.07. – 18 Uhr

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