Von wegen Freiheit: Vera Nemirova inszeniert „Carmen“ am Staatstheater Nürnberg


(nmz) -
Dem nach Oper lechzenden Publikum servierte das Staatstheater Nürnberg zum Spielzeitauftakt mit Bizets „Carmen“ einen Repertoire-Dauerbrenner. Die Regie von Vera Nemirova verbreitete allerdings wenig sinnlichen Genuss und war auch intellektuell nur bedingt anregend, fand Juan Martin Koch.
05.10.2021 - Von Juan Martin Koch

Da sitzt die sonst so selbstsichere Carmen im zweiten Akt plötzlich zusammengekauert auf der improvisierten Klavierbank. Ein kurzer gewalttätiger Ausbruch Don Josés hat ihr Angst gemacht, im grellen Licht wirkt ihre Haut leichenblass.

Es ist einer der wenigen Momente der Nürnberger Neuproduktion, in der Vera Nemirovas Inszenierung eine gewisse Schlüssigkeit und Prägnanz entwickelt. Ansonsten beschränkt sie sich darauf, in einem mehr oder weniger modernen Setting (Heike Scheeles Bühnenbild inklusive Theater auf dem Theater bröckelt pittoresk vor sich hin) Carmen als heutige, über ihren Körper und ihre Liebhaber selbstbestimmt entscheidende Frau darzustellen. Der spröde, aber mitunter durchaus offensive Charme, den Anna Dowsley dabei in Cargohosen und beim tödlichen Finale als weiblicher Torero im Glitzeranzug verströmt, passt zu diesem Rollenbild. Auch stimmlich ist die Australierin bei ihrem Deutschland-Debüt eher herb, streut aber mit substanzreicher Tiefe und gut geführten Piani immer wieder nachdenkliche Zwischentöne ein.

Don José (Tadeusz Szlenkier mit mehr kerniger denn subtiler Kraftentfaltung) ist bei Nemirova ein blasser Zauderer mit Hang zum Jähzorn, was wenigstens Carmens Entscheidung für Escamillo (wuchtig-souverän: Sangmin Lee) plausibel macht. Die Schmugglertruppe, der José sich notgedrungen anschließt, ist offenbar eine skrupellose Schleuserbande. Die kecken, gut gesungenen Ensemblenummern mit Frasquita (Andromahi Raptis), Mercedès (Corinna Scheurle), Remendado (Martin Platz) und Dancario (Hans Kittelmann) wirken vor diesem Hintergrund entsprechend schal. Zumindest stimmlich gibt Julia Grüter der Micaela ein klares Profil, ihre Arie im dritten Akt ist die am besten gestaltete des Abends.

Aus dem Graben tönte die Staatsphilharmonie spielfreudig und detailscharf, der Kontakt zur Bühne funktionierte unter Guido Johannes Rumstadts Leitung allerdings nicht durchweg nahtlos. Punktgenau präsent waren der Chor und der neu formierte Kinderopernchor.

Ein schönes Bild dieser insgesamt weder sinnlich mitreißenden noch intellektuell sonderlich anregenden Produktion blieb immerhin haften: Nach den hoffnungsfrohen „Liberté“-Rufen am Ende des zweiten Aktes bleiben Carmen und Lillas Pastia (Anton Koelbl) zu den traumverlorenen Klängen der vor die Pause gezogenen Zwischenaktmusik einfach sitzen. Der Sternenhimmel verheißt eine Zukunft in Freiheit, die es nie geben wird.

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