Wagners „Ring“ mit Tanz in Braunschweig: Steffen Schleiermachers „Siegfried – eine Bewegung“


(nmz) -
Nach Maurice Béjarts Kommentar „Ring um den Ring“ gab es lange keine Tanzversion nach Richard Wagners Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“. Eine Sonderform bietet jetzt das Staatstheater Braunschweig. Dort verzichtet man unter dem Projekttitel „Ausweitung des Ringgebiets“ auf Wagners „Die Walküre“ und „Siegfried“. Stattdessen gibt es ab 16. März 2023 die Schauspiel-Uraufführung „Die Walküren“ von Caren Jeß, Wagners originales Schlussstück „Götterdämmerung“ folgt ab 3. Juni 2023. Das Substitut für „Siegfried“, den zweiten Tag des Bühnenfestspiels, bildet ein Beitrag des Tanztheaters unter Gregor Zöllig: „Siegfried – eine Bewegung“. Für die Komposition der Uraufführung am 29. Oktober hatte man Steffen Schleiermacher eingeladen.
02.11.2022 - Von Roland H. Dippel

Steffen Schleiermacher (geb. 1960) hält sich in deutlichem Abstand zu den meisten Schulen der Neuen Musik und „-ismen“ der Gegenwartsmusik. Aber der in Leipzig lebende Komponist, Pianist und Leiter der Gewandhaus-Konzertreihe musica nova, hielt sich bisher auch fern vom Kosmos Richard Wagners. Nach eigenen Angaben würde Schleiermacher eine Gesamtaufführung des „Ring des Nibelungen“ gar nicht durchhalten. Er unternahm zwar einige Anleihen aus dem originalen „Siegfried“ als Brücken zum Anlass-Werk. Schleiermacher selbst schlägt vor, klangliche Anleihen zu seiner genau 80-minütigen Partitur bei Bartók, Strawinsky und Varèse zu finden. Diese besteht aus größeren Blöcken in Entsprechung zu Massenszenen von Tanzdirektor Gregor Zöllig, der in „Siegfried – Eine Bewegung“ Wagners einsamen Protagonisten auf eine Gruppe Gleichaltriger stoßen lässt. Diese will die Vergehen und Versäumnisse ihrer Vorfahren kitten. Schleiermachers synkopische Rhythmus-Konstrukte sind toller und griffiger Qualitätstreibstoff für den Choreographie-Motor. Aus diesem blitzen Wagners klangliche Schwert-, Mime- und „Götterdämmerung“-Signaturen heraus. Der Rhythmus beflügelt die wesentlich am Entstehen der Tanzszenen beteiligte Kompanie. Dynamisch, sportlich und mit spannenden Bewegungsfolgen vollzieht sich Siegfrieds Kampf und Ehrgeiz zur Aufnahme in die Gruppe, welche den Untergang stoppen will.

Auch in Braunschweig wird der Klimawandel zum Konzeptschwerpunkt der gerade begonnenen Spielzeit. Also mündet die Siegfried-Bewegung nicht in ein Tanzfinale, sondern in einen Unterwasserfilm. Mit ganz unterschiedlichen Stimmungen gleiten die Menschen zwischen den CO2-Blasen dahin, bis Siegfried auch dort auf Brünnhilde trifft. Göttervater Wotan ist hier eine Frau (Nao Tokuhashi), wodurch Siegfrieds Sehnsucht nach der unbekannten Mutter auch eine tänzerische Dimension hätte erhalten können. Das war aber nicht angedacht. Betreffend physische Materialien gibt sich die Produktion umweltbewusst. Hank Irwin Kittel zeigt Natur nur noch auf Bahnen von Fototapeten, welche auf Betonmauern geklebt oder von diesen abgerissen werden. Julia Burkardts Kostüme, angelehnt an Trainingskleidung, geben den Tänzern Individualität. Trotz der vielen Gruppentänze wirken die wenigen Duo- und Soloszenen weitaus eindrucksvoller. Wie bei Aufführungen von Wagners „Siegfried“ keine Seltenheit, gerät die Beziehung Siegfrieds zu seinem Ziehvater Mime noch spannender als die Begegnung Siegfrieds mit der ihm durch Wotan vorbestimmten Brünnhilde. Wenn Brünnhilde einmal sogar Siegfried hebt und angewinkelte Knie immer wieder die körperliche Harmonie der beiden verhindern, zeugt das vom schnellen Scheitern der Beziehung. Bei Mime und Siegfried gelangt Zöllig durch die physische Verausgabung von Joshua Haines zu einem Gefühlsgeflecht mit sadomasochistischen Bedingtheiten. Mime bewundert und instrumentalisiert Siegfried. Mátyás Ruzsom klammert und entklammert sich als emotionaler Lebenslehrling Siegfried mit einer Intensität, die er später in der Gruppe und mit Brünnhilde nicht mehr finden wird. Das liegt auch an dem massiven Schrittmaterial, aufgrund dessen Siegfried viel zu schnell in der Gruppe aufgeht. Das Kämpfen und die Ängste vor der neuen Gemeinschaft ereignen sich ohne allzu große Spannungs- und Erregungszustände, die Mátyás Ruzsom zur Auseinandersetzung mit Mime noch in beklemmende Regungen überführte. Als Tanztheater überzeugt dieser bewegte Siegfried rundum, als Alternative zu Wagner trotz der auch in den lauten Orchestereruptionen steckenden Subtilität weniger. Diese wirken virtuos, aber auch monolithisch.

Das Publikum war begeistert von der tänzerischen Verve und einer prägnanten Partitur, die Generalmusikdirektor Srba Dinić und das Staatsorchester Braunschweig mit Lust an Farben und Klangreichtum aus der Taufe hoben. Bei der Premiere wurden das Werk, das Orchester und das Tanzensemble vom Publikum lautstark gefeiert.

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