Weinberg oder Schuhkarton – wo klingt Klassik am besten?


(nmz) -
Die Debatte um den Münchner Musiksaal hat es gezeigt: Konzertsäle sind eine emotionale Sache. Immer wieder stellen sich Fragen wie: sanieren oder neu bauen? Weinberg oder Schuhkarton?
21.02.2015 - Von Britta Schultejans, dpa

Paris hat einen neuen bekommen, München muss seinen alten recyceln und Hamburg bekommt seinen mit sage und schreibe siebenjähriger Verspätung – mindestens. Der Bau von Konzertsälen sorgt immer wieder für die ganz großen kulturpolitischen Diskussionen. Nahezu geschockt waren die Musikfreunde in München, als Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) verkündeten, dass nicht etwa der versprochene neue Saal gebaut, sondern der viel gescholtene Gasteig saniert werden soll.

Dabei hatte doch niemand Geringerer als Star-Dirigent Sir Simon Rattle der ausgewiesenen Musikstadt empfohlen, ausgerechnet nach Wuppertal zu schauen: „Wuppertal ist keine besonders schöne Stadt, aber es gibt dort diesen phantastischen Konzertsaal.“ Ein weiterer Stich aus Nordrhein-Westfalen ins bayerische Musikherz: Sogar das klamme Dortmund hat 2002 einen neuen Musiksaal bekommen – und auch noch einen ziemlich guten, wie Geigerin Anne-Sophie Mutter sagt. „Dortmund hat uns akustisch absolut in die zweite Liga verdrängt.“

„Den besten Konzertsaal“ gibt es nicht, meint der Generalsekretär des Deutschen Musikrates, Christian Höppner. Dafür gebe es zu viele Kriterien, die zur Bewertung infrage kämen: Akustik natürlich, aber auch Architektur und Identifikation mit dem jeweiligen Orchester.

Ein paar seiner musikalischen Top-Locations im deutschsprachigen Raum nennt er dennoch: die Berliner Philharmonie, den neuen Saal im schweizerischen Luzern oder das Gewandhaus in Leipzig.

Zu München hat der Cellist auch eine Meinung: „Der Gasteig ist nun eher berühmt-berüchtigt. Da ist die Akustik wirklich nicht dolle.“ Er rangiere „ganz klar“ am unteren Ende. „In manchen Ecken gibt es tatsächlich tote Flecken. Das ist wirklich unglaublich für einen Konzertsaal.“

Höppner sieht dennoch eine „breite Palette von guten bis sehr guten Musiksälen“ in Deutschland, betont aber auch: „Den idealen Konzertsaal, den gibt es nicht, die ideale Akustik haben wir noch nicht gefunden.“

Der Diplom-Ingenieur und ehemalige Technische Direktor des Bayerischen Rundfunks, Frank Müller-Römer, schrieb im Jahr 2013 in einer Abhandlung über den Bau von Konzertsälen nach dem Zweiten Weltkrieg: „Architektonische Schönheit – manchmal auch sehr umstritten – siegte über die akustische Qualität moderner Konzertsäle!“

Ganz allgemein gibt es zwei Konzertsaal-Typen: den „Schuhkarton“ und den „Weinberg“. Der Schuhkarton, wie er beispielsweise im akustisch hochgelobten Luzern oder in Dortmund zu finden ist, sei aber nicht des Rätsels alleinige Lösung, sagt Höppner. „Der Schuhkarton ist beileibe nicht das einzige. Auch das, was man salopp als Weinberg bezeichnet, diese terrassenförmige, ovale Form, kann heutzutage mit technischen Mitteln sehr sehr gut gelingen.“

Als gute Beispiele nennt er die Berliner Philharmonie, die Kölner Philharmonie und das Leipziger Gewandhaus. Der große Vorteil ist dabei für ihn: „Die Hörer sehen die Musik auch.“ Eine demokratischere Form, wie er meint. Auch in der Elbphilharmonie sollen, wenn sie denn mal fertig wird, Musikfreunde im Weinberg Platz nehmen.

Eine Studie der finnischen Aalto-Universität kommt allerdings zu einem ganz eindeutigen Ergebnis: Demnach ist die undemokratische Schuhkarton-Form, die viele Klassik-Fans so lieben, akustisch tatsächlich die bessere Wahl.

Fünf „Weinberge“ und fünf „Schuhkartons“ hatten die Forscher einander gegenüber gestellt. Ihr Fazit: Der Widerhall der Seitenwände hebt im Schuhkarton die hohen Töne und Obertöne bei lauten Musikpassagen besonders hervor. Die Musik klingt so dynamischer. Der Münchner Herkulessaal ist ein klassischer Schuhkarton, das Konzerthaus Berlin, der Wiener Musikverein – und eben auch die Stadthalle Wuppertal.

Der Konzertveranstalter Michael Russ, Präsident des Verbandes Deutscher Konzertdirektionen, glaubt übrigens, dass Deutschland dringend weitere Musiksäle braucht. „Wir brauchen das Bestehende und wir brauchen etwas Neues dazu“, sagt er. Zur Planung gehört dann aber wohl auch ein gewisser Fatalismus: „Mir hat einmal ein guter Akustiker gesagt, eine Akustik kann man mit bis zu 80 Prozent errechnen – und die restlichen 20 Prozent sind Glück.“

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