Wer ist der Jäger, wer das Wild? Eine Anti-Revolutionsoper am Staatstheater Meiningen


(nmz) -
Am Staatstheater Meiningen war am 8. März eine besondere szenische Uraufführung zu erleben: Othmar Schoecks "Das Schloss Dürande" in der Textneufassung von Francesco Micieli und der musikalischen Adaption von Mario Venzago. Ein melodisch reiches und komplexes Werk wurde zurückgewonnen.
11.03.2019 - Von Wolfgang Molkow

Auferstanden aus Ruinen!  Ende Mai 2018 kommt es am Berner Theater zur denkwürdigen Wiedererweckung der letzten Oper des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck: Das Schloss Dürande, dessen Trümmer in der Provence Joseph von Eichendorffs gleichnamige Erzählung so anschaulich beschwört. Viel Zeitgeschichte lastet auf diesem Stück Musiktheater, mit dem der Liedromantiker Schoeck seine zerklüftete Tonalität in traditionellen Opernformen vom Duett bis zur Chorszene trotzig gegen die Moderne seiner Zeit behauptet. Trotz Starbesetzung - Maria Cebotari, Peter Anders, Willi Domgraf-Fassbaender –ist seinerzeit der Uraufführung 1943 an der Berliner Staatsoper kein Erfolg beschieden. Neben den kriegsbedingten Umständen regt sich früh Kritik an dem grobkörnigen, mit platten Reimen ausgestatteten Libretto des alemannischen Dichters Hermann Burte. Staatsopernintendant Hermann Göring hält ihn für wahnsinnig und seinen Text für ´aufgelegten Bockmist´. Und das, wo Burte sich mit ´Heil´-Rufen und Nazi-Ideologismen anzubiedern versucht. Seit 2012 entschließt sich daher ein Forschungsteam der Berner Hochschule der Künste zu einer gründlichen Renovierung des Librettos, was heißt: die Burteschen Reime weitgehend durch Original-Eichendorff-Verse zu ersetzen ( ca. 70 %) und sich dem Geist der Dürande-Novelle anzunähern. Die Adaption des neuen Textes an die Musik unternimmt der Dirigent der konzertanten Berner Aufführung Mario Venzago.
Im Staatsheater Meiningen sieht man nun am 8.3. 2019 diese Anti-Revolutionsoper zu neuem Bühnenleben erwachen. Regie führt der Intendant des Hauses Ansgar Haag, die musikalische Leitung hat der Schweizer Dirigent  Philippe Bach. Haag tut gut daran, auf Aktualisierungs- und Verfremdungs-tendenzen zu verzichten und das Geschehen um die sechs Hauptfiguren in ihrer neuen Textgestalt so greifbar real wie möglich zu machen: den blindwütigen Jäger Renald Dubois mit seinem Kohlhaasischen Rachefeldzug gegen seine Adelsherren; seine Schwester Gabriele mit ihrer hörigen Liebe zum Grafen Armand; dessen Vater, den untergangsbereiten Herrn von Dürande; die dem Liebespaar wohlgesonnene Äbtissin des Klosters Himmelpfort und die den Pöbel verachtende Gräfin Morvaille. Der Schoeck-Biograph Hans Corrodi merkt zu ihnen an: Die Hauptgestalten bewegen sich wie traumbefangen aneinander vorbei – könnten sie reden, so würde sich der Konflikt in ein Liebesidyll auflösen. Eine Neudichtung mit Hinwendung zum Traumpoeten Eichendorff bietet sich da in der Tat an, läuft allerdings Gefahr, die Eigengesetze von Novelle und Oper zu unterlaufen. Wenn etwa die Personen ihre seelischen Befindlichkeiten durch Eichendorffsche Naturmetaphern kommentieren, mindert das erheblich ihren Aktionsradius. Auch ist Natur-und Liebeslyrik nicht allen handelnden Figuren gemeinsam: so sicher sich Gabriele und Armand in dem naiven Stil ihrer Gemsen-und Hirschlieder bewegen, so seltsam mutet es an, wenn sich die zur Gegenrevolte aufrufende Gräfin Morvaille  am Schluß den Eichendorffschen Worten des Waldes verschreibt.  Wenig mit der Lyrik der Schoeckschen Musik verträgt sich auch der Brecht-nahe Einfall, den Figuren erzählende Sätze aus der Novelle zu unterlegen und sie so zu Kommentatoren ihrer Situation zu machen. Die Regie streicht einige dieser episierenden Texte und hebt zudem die Sänger durch entsprechende Spotlights aus der Handlung heraus.
In Bernd Dieter Müllers rautenförmig windschiefem Einheitsbühnenbild und in den dezent die 20-iger Jahre assoziierenden Kostümen von Annette Zepperitz sind die Stationen der vier Akte: abendlicher Wald, morgendliches Kloster, Pariser Schenke und Schloss Dürande durch Video-Projektionen und Lichtwechsel plastisch eingefangen. Zugleich unterstreichen die Bildsegmente das Hermetische und Gefängnishafte der einzelnen Stationen und verdeutlichen das Anliegen von Novelle und Oper: dass durch stumpfen Wahn und grundlose Eifersucht des rasenden Renald die Handlung schicksalshaft der Katastrophe zutreiben muss. Auch die präzise auf das Geschehen fokussierte Personenführung verrät insgesamt wenig davon, dass sich die Hauptfiguren in ihrer Vermeidung der Burteschen Blut-Heil- und Sieg-Attribute mitunter eine entsprechende Blutleere eingehandelt haben. So stehen sich im 1. Akt die Paare Renald/Wildhüter und Gabriele/Armand zielgerecht gegenüber und korrespondieren genau mit der Erschießung des Liebespaares durch Renald am Schluß der Oper. Dem zweiten Klosterakt fehlt allerdings einiges an der impressionsreichen Lyrik, die von Schoecks Musik durch zwitschernde Morgenstimmung und intime Begegnung der sich zutrinkenden Liebenden ausgeht. Armands Jäger poltern operettenhaft in die enge Szenerie und finden sich mit den Nonnen zu gemeinsamem Ländler, dessen neugetexteter Weinlesechor eigentlich einen Totentanz nach Lessing beschwört.  Die Längen des dritten Revolutionsaktes mit seiner doch recht harmlos gezeichneten Jakobinerstimmung versucht die Regie durch frivole Tanzauftritte sowie durch erotische Annäherung zwischen Armand und der Morvaille (bei versteckter Anwesenheit der verkleideten Gabriele) aufzulockern. Im Schlußakt unterstreicht Haag plausibel den Kontrast einer zu Spieldosenklängen absterbenden Aristokratie mit der Revolution, die durch tragisches Missverständnis der Protagonisten ihre Kinder frisst. Mit der Verkörperung des alten Dürande liefert der Tenor Mathias Grätzel bis hin zum Todesröcheln die eindringliche Charakterstudie eines wissenden Feudalen, dessen vordem zynische Kommentare mehr und mehr einem elegischen Abschied weichen. Ihm zur Seite steht Sonja Freitag mit stimmlich leuchtender Präsenz als Gräfin Morvaille, die aufrecht unter Mitnahme des gräflichen Schmuckes das sinkende Adelsschiff verläßt. Zurück bleibt die sich für Armand opfernde Gabriele von Mine Yücel. Ihr frischer Sopran trägt mühelos alle Episoden ihres Liebes- und - Leidensweges vom ersten Liedauftritt an Sie stand wohl am Fensterbogen bis zum letzten Hauch eben dieses Liedes. Der lyrische Tenor Odrej Saling verleiht mit schönem Timbre der eher passiven Rolle des jungen Armand einen nuancenreichen Ausdruck. Der japanische Bariton Shin Taniguchi ist in jeder Hinsicht sein dumpf-dämonischer Gegenspieler; in den ersten beiden Akten noch eher verhalten, lodert seine Stimme im 3. Akt zur Verdischer Rachegebärde auf. Nicht immer ausgeglichen in den Registern, im Finalakt jedoch überzeugend ist der Alt der Äbtissin Anna Maria Dur. Der Bassbariton Roland Hartmann als Diener Nicolas bewährt sich stoisch als Überlebender des Massakers; Mikko Järviluoto als Wildhüter, Giulio Alvise Caselli als Wirt Buffon und Remy Burnens als aufwieglerischer Redner liefern wie die restlichen Nebenfiguren profilierte Rollenporträts. Bewundernswertes in all diesen Jäger-, Nonnen-, Weinlese- und Revoluzzerchören leisten Chor und Extrachor des Meininger Staatstheaters. Dasselbe läßt sich von der Meininger Hofkapelle sagen; Philippe Bach steuert seinen teils mit Orchesterklavier intim kammermusikalischen ( ein Sonderlob der zauberhaften Solovioline von Sönke Reger), teils in voller Klangstärke aufbrausenden Orchesterapparat durch kleine Untiefen des 2. Aktes zielsicher an den erlösenden G-Dur Schluß.  Das Meininger Publikum zollt dieser überaus beachtlichen Gesamtleistung einen freundlichen bis enthusiastischen Applaus.
Mit einigen doch wohl nötigen Kürzungen im 3. Und 4. Akt könnte mit Schoecks Schloss Dürande dem Opernrepertoire ein melodisch reiches und komplexes Werk zurückgewonnen werden. Ein Anfang ist gesetzt.

 

 

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