Wort-Schlacht des Schreckens Morton Subotnicks „Jacob's Room“ beim Tonlagen-Festival Dresden


(nmz) -
Die 2. Dresdner „Tonlagen“, das Festival der zeitgenössischen Musik in Hellerau sind eröffnet. Am vergangenen Wochenende fanden bereits drei Veranstaltungen statt, dazu ging in der Musikhochschule Dresden das Symposium des Festivals zum Leitthema „populär versus elitär“ über die Bühne. Den musikalischen Auftakt des Festivals bildete die deutsche Erstaufführung von „Jacob's Room“, einer Kammeroper des amerikanischen Komponisten Morton Subotnick (*1933). Subotnick gilt als einer der Pioniere der elektronischen Musik, schloss sich aber später auch den Strömungen der Minimal Music an und komponierte auch instrumentale und multimediale Werke.
03.10.2010 - Von Alexander Keuk

Die Oper „Jacob’s Room“, die bereits im Sommer bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wurde, hat eine lange Entstehungsgeschichte: in den 80er Jahren war das Werk als Streichquartett mit Singstimme konzipiert, dann sollte eine szenische Umsetzung realisiert werden, was in einer ersten Fassung 1993 gelang; die jetzige Version bezeichnet Subotnick als endgültige. Den Kern des Werkes bildet eine Passage aus Virginia Woolfs gleichnamiger Novelle: Jacob kehrt aus dem British Museum zurück, liest Platon und erreicht über seine Gedankenwelt die Erinnerung – er ist ein Überlebender eines Völkermordes. Der Prozess der Bewusstwerdung der eigenen Vergangenheit in der hier als extrem erlebten Situation des Alleinseins führt ihn zum Erkennen der Realität.

Was hier kurz skizziert ist, füllt das Stück komplett aus – eine einstündige Wort-Schlacht des Schreckens mit kurzen Pro- und Epilog wird gnadenlos über den Zuhörer ausgegossen, wobei das Hauptproblem der Oper die massive Bedeutungslastigkeit der Textfragmente (von Subotnick selbst aus verschiedenen Quellen zusammengestellt) im Gegensatz zu einer zumeist emotionslos plätschernden Musik ist. Beim Ankommen Jacobs in der Realität ist das Stück plötzlich zu Ende – das hinterläßt Verstörung, denn nun ist der Zuhörer selbst alleingelassen mit den Themen der Welt, die Subotnick uns in seinem Werk um die Ohren geworfen hat: Liebe, Schuld, Tod, Erinnerung und (Ohn-)Macht schleudern durcheinander ohne dass jemals ein Librettist eingreift oder der Komponist reflektiert. Am Ende wird sogar ein Vater Unser massakriert um auch noch den Glauben auf die Bühne zu zerren; das ist sich selbst entleerende Provokation, die in der Massierung des Stoffs sich nicht mehr glaubhaft zu entfalten vermag.

Als Gesamtwerk hätte „Jacob’s Room“ mit einer subtilen musikalischen Sprache möglicherweise gelingen können, doch Subotnicks kaum den Stil der typischen „Minimal Music“ verlassende Behandlung eines Ensembles aus vier Celli und Keyboard war ebenso gleichförmig-anstrengend wie die permanent extrem und damit im Einzelnen zu charakterlos geführten Singstimmen. Regie (Mirella Weingarten) und Video (Lillevan) verhielten sich auf einer kippenden Viereck-Bühne neutral und behutsam, um nicht noch die Bedeutungen zu kumulieren. Einzig Jacob hielt sich auf der Bühne ständig den Kopf: seine Schuld ist ebenso unaushaltbar wie das Stück selbst, das an seiner eigenen Dramaturgie scheitert. Die Sänger Ruth Rosenfeld, Katharina von Bülow, Florian Just und Tom Sol zeigten eine eindrucksvolle stimmliche Leistung, das kleine Ensemble unter Leitung von Ari Benjamin Meyers kam da nicht immer mit. Intendant Dieter Jaenicke gelang mit der Subotnick-Oper ein Hammerschlag zu Beginn des Festivals, das mit dem starken Focus auf der Holocaust-Thematik neben der bloßen Aufführung auch unbedingt einer Vor- und Nachbereitung bedurft hätte.

1.-16.10. Tonlagen-Festival der zeitgenössischen Musik in Dresden

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