Wotan – Allein zuhaus: Peter Konwitschny startet in Dortmund mit der „Die Walküre“ in seinen Ring


(nmz) -
Der Auftakt seines Ring-Projektes in Dortmund zeigte den Regie-Altmeister Peter Konwitschny von der besten Seite und in Hochform. Im szenischen Detail und der Personenführung hochsouverän, musikaffin wie nur wenige, und eben auch fündig bei der Suche nach dem Menschlichen selbst beim göttlichen Personal.
22.05.2022 - Von Joachim Lange

In Dortmund beginnt der (programmatisch beispielhaft mit einem „Wagner-Kosmos“ klug und ambitioniert umrahmte) „Ring“ mit dem zweiten Teil der Tetralogie und endet 2025 mit einer Reanimation jener „Götterdämmerung“, mit der Konwitschny vor zwanzig Jahren den legendären Stuttgarter Ring von vier verschiedenen Regisseuren komplettiert hatte. Übrigens wird beim gerade angelaufenen Nachfolge-Projekt in Stuttgart auch der „Siegfried“ von Jossi Wieler wiederauferstehen. Ein seltenes – aber berechtigtes – Exempel von (Selbst-)Referenz in der Oper!

Das (Stecken-)Pferd Brünnhildes von damals, wurde jetzt jedenfalls schon mal gesichtet. Wotan war auch so nett und hat es der zum jahrelangen Tiefschlaf über dem Orchestergraben gebetteten Brünnhilde als Kuscheltier mitgegeben. Überhaupt die Pferdestaffel von Wotans kriegerischen Töchtern. Die Mädels kommen alle mit ihrem persönlichen Steckenpferd aus einer Versenkung gleich hinter der Rampe. Erst Pferdekopf, dann der Mädchenschopf über der Schuluniform im maritimen Look. Da sind sie in der kargen Leere auf sich selbst zurückgeworfen, kriegen aber eine Dosis eingespieltes Wiehern als Zugabe beim Einsammeln ihrer Heldendummies. Den Rest besorgen Gabriel Feltz und seine Musiker. Der berühmte vielfach nachverwendete Walkürenhit ist hier völlig entmilitarisiert. Es geht natürlich auch diesmal nicht ohne Gewalt ab, aber doch ziemlich menschlich zu.

Steckenpferd – entmilitarisiert

Im Vorspiel unter einer einsamen Straßenlaterne überfällt Hundings Gangstertruppe den herumirrenden Siegmund. Hunding ist ohnehin wie immer für die Brutalität zuständig. Der Finsterling (großartig: Denis Velev) erschießt Siegmund diesmal sogar eiskalt von hinten als der gerade seinem Vater in die Arme stürzt. So wie Wotan (mit edler Diktion: Noel Bouley) hier um seinen Sohn trauert, erinnert das an die Verzweiflung, mit der Philippe II. um den toten Posa in Verdis „Don Carlos“ trauert. Aber auch die Ausgelassenheit, mit der Wotan als Vater mit seiner Tochter Brünnhilde herumtollt und dabei die ganze Bude auf den Kopf stellt. Wenn Fricka (präzise in Gestik und Diktion: Kai Rüütel) in strenger, schwarzer Kluft und mit zwei Leibwächtern aufkreuzt, tritt sie natürlich auf einen der Konfettiknallfrösche und erschreckt sich mit einem „Huch“, das von innen kommt. In dieser „Walküre“ kann man überhaupt oft lachen oder über verblüffende Einfälle schmunzeln. Wenn Wotan persönlich mit einer Leiter zur Hilfe kommt, damit Siegmund an das in der Höhe schwebende Wunderschwert herankommt. Nützt aber nichts – Sieglinde ist es hier, die zugreift! Oder, wenn sich die heruntergekommene Wohnküche von Hunding beim „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ in zwei Hälften teilt und die Zwillinge wie staunende Kinder auf ihrer Hälfte verharren.

Die drei Varianten von Frank Philipp Schlößmanns Wohnküchen-Behausungen mit einem von Akt zu Akt eskalierenden Ausstattungsluxus bieten allemal einen kongenialen Spiel-Raum. Und griffbereite Getränke. Sowie die Esche als optisches Leitmotiv im Wandel. Erst Möbelklotz und dann als Design. Schließlich nur noch als Furnier zwischen den Goldbezügen.

Subversive Subtexte aus der Musik mit szenischem Witz umsetzen

Für Konwitschny ist es keine Anbiederung an den Zeitgeist, wenn seine Sieglinde dem übers Fenster eingestiegenen Gast selbstbewusst begegnet und er ihr von Beginn an als Alternative zu ihrem Hausmacho erscheint. Anrührend ist auch, wenn Wotan seine Brünnhilde erst mit den Klischeeinsignien der braven Ehefrau ausstaffiert (Lippenstift, Goldschuhe und als Clou die Küchenschürze), das aber dann glaubwürdig bereut und wieder zurücknimmt. Subversive Subtexte dieser Art aus der Musik begründet aufspüren und mit szenischem Witz umsetzen, ohne dass es albern wird oder aufgesetzt wirkt, das macht Konwitschny so schnell keiner nach. Seine „Walküre“ ist dafür ein Musterbeispiel. Auch im Unterlaufen von Erwartungshaltungen mit musikalischer Imagination: am Ende nämlich leuchtet zwar der geschlossene Vorhang hinter der schlafenden Brünnhilde rot. Aber die Flammen züngeln nur musikalisch aus den sechs sichtbar postierten Harfen links und rechts der über dem Orchestergraben aufgebahrten Brünnhilde. Bejubelt werden am Ende alle. Ganz zu Recht haben dabei die souverän unangestrengte Brünnhilde Stéphanie Müther, die stets jugendlich leichte Sieglinde Astrid Kessler und der so menschlich strahlende Siegmund Daniel Frank die Nase vorn. 

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