Zeigefinger und Messer – „Autonome Musik“ mit dem Ensemble Mosaik in Berlin


(nmz) -
Die in Berlin beheimatete Formation begeht ihren Zwanzigsten mit einer vierteiligen Reihe Autonome Musik. Mit Selbstbewusstsein und dem eigenen Ensemble-Schwerpunkt, der Arbeit an „neuen Ansätzen der Aufführungspraxis“, verpflichtet, ging’s in die dritte Runde.
29.05.2018 - Von Hans-Peter Graf

François Sarhan: Potence á Paratonnerre (flipbook)

Auf den ersten Blick vermutet man, dieses Konzert – betitelt „Situationen“ – mit Werken von Enno Poppe, François Sarhan, Stefan Prins und Bernhard Lang sei nach den Situations des französischen Komponisten, Performers und bildenden Künstlers Sarhan benannt. Situations sind kurze szenisch präzise angelegte Stücke für ein oder mehrere Darsteller. Sarhan arbeitet an dem inzwischen auf mehr als dreißig Stücke angewachsenen Konvolut seit gut zehn Jahren. Für das Konzert hat er drei Situations mit Mitgliedern des Ensembles filmisch realisiert. Die zwischen den Ensemblekompositionen eingeschobenen Kurzfilme zeigen die Einstimmungsrituale von Musikern vor dem Gang auf die Bühne, überhöht zu fiktionalen Vorgängen mit durchaus komischem Potential.

Das ist auch Sarhans Ensemblestück Potence á Paratonnerre (flipbook)  [Galgen mit Blitzableiter (Daumenkino)] von 2018 eigen. Die Erzählung (durch den Komponisten vorgetragen) über eine bizarre Begegnung zweier merkwürdiger Gestalten und einem unausweichlichen Eintritt in eine verkehrte Welt, wird ergänzt mit einem fest in den musikalischen Ablauf eingearbeiteten Gesten-Repertoire der Musiker*innen, bestehend aus gestrecktem Zeigefinger und aus einem Messer, sichtbar für das Auditorium nur, wenn (ein oder mehrere) Musiker die individuellen Leuchten über ihren Köpfen per Fußschalter zuschalten und so visuelle Momentaufnahmen bzw. visuelle Situationen entstehen. François Sarhan schrieb für die Uraufführung Januar 2018 in Stuttgart: Potence à paratonnerre führt die Zerlegung von Kontinuität [weiter] … Jeder Musiker bzw. jeder Bruchteil von Zeit – kann Unabhängigkeit erlangen und den Fortgang der Zeit stören. Und weiter äußerte sich Sarhan zur Bedeutung des außergewöhnlichen Gebildes: Potence (Galgen) mit paratonnerre (Blitzableiter) ist das undenkbare Objekt, das gleichzeitig Tod und Rettung verspricht[Es] verdeutlicht perfekt die Definition von dunklem Humor: das Lächeln des Terrors.

Bernhard Lang: DW23c….loops for Dr. X

Mit Sarhans Stück ist Bernhard Langs DW23c….loops for Dr. X in mehrfacher Weise verbunden, spitzt aber das Konzertthema Situationen nochmal schärfer zu. Inspiriert von Gilles Deleuzes Buch Differenz und Wiederholung schreibt der Linzer Komponist seit 1997 an der Werkreihe DW, inzwischen ist er bei DW26 angelangt. Durchgängig arbeitet er in diesen Stücken mit Loops, mit den in Schleifen entstehenden Verschiebungen und mit dekonstruiertem, also zerlegtem und neu gefügtem, Material. Konzeptionell sind Langs Verfahren der Wiederholung neben dem philosophischen Diskurs über Erinnern, Vergessen und Indifferenz auch, und vor allem, dem Medium Film verwandt. In DW 23c sind es Werk und Stimme des Frankenstein-Schauspielers Boris Karloff. Der war schon einmal Langs (und Norbert Pfaffenbichlers) Protagonist in der einstündigen Filmmontage Monolog II, die wiederum für die hier präsentierten akustischen Version ein zweites Mal dekonstruiert wurde. Lang erläutert, für die Loops seiner Hommage an Monsterfilme hätte er von kontrapunktischen Strukturen bis hin zu präzisen software-gestützten Transkriptionen der Karloff’schen Stimme verwendet.

Ins Arsenal der Schmerztherapien gehört die Verwendung von Spiegeln, die, geschickt platziert, dem Patienten suggerieren, als sei die Spiegelung eines gesunden, sein (in Wirklichkeit) amputiertes Körperteils. Hierauf rekurriert Stefan Prins in Mirror Box für Saxophon, Schlagzeug, Klavier und Elektronik von 2014.

Stefan Prins: Fleisch und Prothese – Mirrorbox

Fleisch und Prothese, dessen drittes Stück Mirrorbox ist, behandelt im Kern das alte Problem von „Mensch und Maschine“ (übersetzt: „Musiker*in und Instrument“) ergänzt um neue Medien und deren „Eigenwillen“ jenseits der Marke widerspenstige Geige. Sinnhaft heißt es im Programmheft, Prins erinnere daran, dass akustische Instrumente nichts anderes als Prothesen sind: künstliche Erweiterungen des Körpers, die es so zu beherrschen gilt, als seien sie ein Teil des Organismus.

Mit der Schaffung von musikalischen Hybriden stellen sich die Frage von Machbarkeit und das Problem der Verschiebung von Grenzen wieder aufs Neue. Vermutlich hat gerade die Herausforderung, die aus der Verbindung des Menschen mit akustischen Instrumenten und Elektronik und neuen Medien  erwächst, Stefan Prins an seiner Ehre als studierter Ingenieur gepackt, der er war, bevor er ins künstlerische Fach wechselte.

Enno Poppe: Fleisch

Ähnlichkeiten in Titel und Besetzung von Prins zu Enno Poppes Fleisch, mit dem der Abend eröffnet wurde, dürften Zufall sein. Das von „Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik“ in Auftrag gegebenen und dort 11/2017 uraufgeführten Stück in der Besetzung Saxophon, E-Gitarre, Synthesizer und Schlagzeug habe ich im Wesentlichen als Sammlungen von Idioms aus Rockmusik und Jazz gehört. Befremdlich mutet die altehrwürdige Dreisätzigkeit des Stücks an: ein schneller, funkiger erster, gefolgt von einem langsamen lyrischen Mittelsatz und den „üblichen Zwischentönen“ sowie ein schneller Finalsatz zwischen Themensuche und Free-Ausbrüchen. Das alles hätte auch Ironie sein können. Ob dieses Werk an diesem Abend gut aufgehoben war, bezweifle ich.

Autonome Musik?

Warum der Zyklus den Titel „Autonome Musik“ trägt, erschließt sich nicht ganz. Es ist löblich, dass das Ensemble der Aktualität des Problemfeldes autonomes Kunstwerk Rechnung trägt. Wohl wahr: … weder die richtige Tat noch die richtige Gesinnung (ist) ausreichend, um ein gutes oder interessantes Kunstwerk zu schaffen. Aber ist – als der vom Ensemble Mosaik und seinem Dirigenten Enno Poppe verfolgte Ansatz – autonome Musik wirklich deshalb autonom, weil sie an die Frage ihrer Präsentation gekoppelt ist, an die Körperlichkeit des Klangs und die Räumlichkeit der audiovisuellen Erfahrung, wie es in der Jubiläumsbroschüre heißt? Zu diesem Abend, und nur hierauf beziehen sich meine Bemerkungen, hätte ich eine solche Erklärung nicht erwartet. Zumal der historisch belegte Begriff Autonome Musik ohnehin als „Motto“ nicht gerade hilfreich ist. Aber vielleicht spiegeln sich ja gerade in der Herausstellung von Präsentation die Vorstellungen, die Ensemble Mosaik und Enno Poppe mit Autonomie verbinden. Meiner Beobachtung nach zeugen die visuellen und szenischen Aspekte in diesen Konzert eher von den Bemühungen um eine Ensemble-eigene, spezielle Position im weiten musiktheatralen Feld zwischen traditionellem Opern-Setting und – um ein hiesiges Beispiel zu nehmen – der Composer-Performer Szene der Echtzeit-Community Berlin, die kurzerhand den Musikbegriff um die Körperlichkeit des Musikmachens erweitert.

Gewichtiger als die Frage der Präsentation waren aus meiner Sicht andere Dinge: die Wahl zu erzählerischen Stücken und „schrägen“ Geschichten, der mehr oder weniger deutliche Blick in die Sparten Rock und Jazz bis hin zur DJ-, Loop- und Sample-Ästhetik, hörbare Filmtechnik und – vor allem – die Stückwahl aus gleich drei, sehr verschiedenen Kompositionsserien. 

Mein zwischenzeitlicher Eindruck von einer gewissen, im Bereich zeitgenössischer Musik eher raren Leichtigkeit, verlor sich leider wieder über der Unerbittlichkeit, mit der die Programmdramaturgie ihr Netz – alles muss irgendwie mit allem zusammenhängen – spannte. Trotzdem, die ausgesprochene musikalische Souveränität des Ensembles und die Unaufgeregtheit, mit der das Team mit einem technischen Problem umging, dem beinahe die Aufführung von Stefan Prins Mirrorbox zum Opfer gefallen wäre, verschmerzte einige Längen.

Den vierten und letzten Teil der Reihe Autonome Musik spielt das Ensemble Mosaik, wiederum im Kesselhaus in der Kulturbrauerei Berlin, dann unter dem Titel „Schaltungen“ am 5. Juli 2018 mit Uraufführungen von Guido Henneböhl, Eduardo Moguillansky und Carlos Sandoval sowie Werken von Lisa Streich und Yannis Kyriakiades.

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