Zwei Einakter Rachmaninows als theatralisches Vermächtnis in Kiel


(nmz) -
Bei so manch einem Komponisten wird nur ein Teil des Oeuvres wahrgenommen, auch bei Sergei Rachmaninow (1873–1943). Seinen Klavierkompositionen begegnet man gern und oft, in Konzertform oder als Solostück, auch als Kammermusik. Seltener sind die sinfonischen Kompositionen zu hören, noch weniger die vokalen. Doch dass er drei Operneinakter vollendete, ist kaum bekannt. Es kommt deshalb einer Entdeckungstat nahe, sie auf die Bühne zu stellen. In Kiel wagte man das und gewann einen ungewöhnlichen Abend.
03.05.2018 - Von Arndt Voß

Zwei der drei vollendeten Bühnenstücke, „Aleko“ und „Francesca da Rimini“, hatte das Opernhaus ausgewählt. Das erste komponierte Rachmaninow bereits im Jahre 1892, also mit 19 Jahren. Es entstand als beachtliche und ebenso beachtete Examensaufgabe, die er in nur 17 (!) Tagen bewältigte. Das andere begann er acht Jahre später. Bevor er es vollendete, drängte sich „Der geizige Ritter“ dazwischen, das dritte Werk dieser Gattung. Nach beider Fertigstellung wurden sie 1906 am Bolschoi-Theater uraufgeführt, dort, wo 1893 auch „Aleko“ inszeniert worden war.

Die Macht der Eifersucht

„Aleko“ und „Francesca da Rimini“ an einem Abend zu vereinen, ergibt noch mehr Sinn, denn beide haben die zerstörende Macht der Eifersucht zum Thema. Für das erste Werk lieferten „Die Zigeuner“ das Sujet, ein Poem Alexander Puschkins. Auch er starb als ein Opfer der Eifersucht, als er sich wegen der angeblichen Untreue seiner Frau mit seinem Nebenbuhler duellierte. Für den zweiten Einakter fand sich der Stoff im fünften Gesang des Infernos aus Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“. Er beruht auf einem historischen Ereignis, das Künstler aller Metiers inspirierte, darunter Peter Tschaikowsky, dessen Bruder Modest für Rachmaninow das Libretto verfasste. Was die Vorlagen aber im Wesen unterscheidet, ist ihr gesellschaftliches Milieu. Im „Aleko“ ist es die stigmatisierte Außenseiterwelt der Zigeuner, die man heute eigentlich nicht mehr so nennen darf. Sie wird in dem Einakter gekennzeichnet durch ein freies Leben mit eigenen Gesetzen. Anders ist es in der Episode aus der „Göttlichen Komödie“. Dort trifft man auf ein adliges Umfeld.

Zwei Frauencharaktere

In ihrer Inszenierung suchte die vielbeschäftigte Argentinierin Valentina Carrasco, u.a. Mitglied bei der katalanischen Theatergruppe La Fura dels Baus, die Diskrepanz vergessen zu machen. Sie ließ die Handlung weitgehend zeitlos ablaufen, ließ auch im wirksamen, doch stark abstrahierten Bühnenbild von Andrea Miglio oder in Barbara del Pianos Kostümen keine Verankerung zu, weder lokal noch zeitlich. Zudem betonte sie die gleichartige personale Konstellation beider Vorlagen, indem sie die Protagonisten durch die gleichen Sänger in identischer Kleidung verkörpern ließ. Zunächst ist es der Stadtmensch Aleko, der erleiden muss, dass seine geliebte Semfira, wegen der er sich den Zigeunern angeschlossen hatte, sich einem Jüngeren zuwendet. Bei Dante ist es Lanciotto, ein Spross aus dem italienischen Adelsgeschlecht der Malatesta, der nicht ertragen kann, dass seine Frau Francesca da Rimini sich seinem Bruder Paolo hingibt. Beide, Aleko und Lanciotto, können ihre „Schmach“ nicht verwinden und werden zu Doppelmördern. Dennoch sind die beiden Werke nicht eine einfache Dopplung in einem anderen Umfeld, dafür sind die Frauen zu verschieden. Semfira im „Aleko“ ist ein leichtfertiger, lebenshungriger Charakter, während Francesca erst nach heftigen inneren Kämpfen die Ehe bricht, weil sie selbst getäuscht wurde und mit einem ungeliebten Mann leben muss.

Das Unglück die Erinnerung

Auch ein weiterer Trick half, die Einheit herzustellen, indem der Prolog des späteren Einakters dem ersten vorangestellt wurde. Auf der kaum ausgeleuchteten Bühne, die Verdammten nur schwer erkennbar, durchwandert Dante die Hölle, begleitet von Vergils Schatten. Er befragt ein Paar. Es gesteht, dass es kein größeres Leid gäbe, „als sich im Unglück an vergangenes Glück zu erinnern“, eine Aussage, die auf beide Dramen zutrifft. Großartig passt dazu der elegische Ton Rachmaninows, der seine Musik insgesamt prägt, auch hier in beiden Teilen zu finden ist. Zugleich wird die Perspektive in unsere Zeit geweitet, zu dem, was uns zur Qual wird. In einem Video in Schwarzweiß schwebt eine Möwe elegant vorüber, dann ein Schwarm dieser Vögel, bis der sich in einer Mülldeponie breit macht und, in Konkurrenz zum Greifer eines Baggers, zu einer Masse von Totenvögeln mutiert. Schwarze Plastikfolie aus dieser Welt von Unrat und Verwesung bestimmt weiterhin die Szenen, dient den Zigeunern als schützende Umhüllung und kleidet selbst die adligen Protagonisten. Zudem zitieren die Bühnenbauten die Trostlosigkeit einer durch Müll verschandelten Umwelt.

Bildstarkes Theater

Das ist alles optisch sehr eindrucksvoll und wird noch durch eine bildstarke und sinnvolle Personenführung intensiviert. Und auch die großen Massenszenen gelingen, vor allem bei dem Trauerzug, mit dem von Semfira Abschied genommen wird. Eine vielköpfige Statisterie steht zur Verfügung und verstärkt zahlenmäßig den stimmkräftigen und stimmgewandten Chor, den noch ein Extrachor unterstützt. Imponierend wird so das expressive Schlussbild gewonnen, in dem Aleko nicht als Mörder gerichtet, sondern, schlimmer noch für ihn, ausgestoßen wird.

Sensible Musik

Im „Aleko“ ist Rachmaninow stilistisch noch nicht so geschlossen wie im späteren Werk, nutzt vielfältige Mittel von Balladen bis hin zu Chorsätzen und Tänzen, eher in Form einer Nummernoper. In beiden aber finden sich immer wieder rein instrumentale Partien, die Seelisches oder Atmosphärisches klug mit einer adäquaten Zeichnung der inneren Spannung auffangen, zumal die Sujets wenig Dramatisches bieten. Ein feinnervig genutztes Klangempfinden, bei dem die Farben der Instrumente Personen wie Situationen kennzeichnen, deutet die Spannungen oder Stimmungen in eigenständiger Form aus. Das ist verblüffend in der jugendlichen Komposition, wirkt geschlossener noch in der späteren, stützt die Gesangslinien, ohne sich ihnen zu unterwerfen. So ergeben sich eindringliche Momente, da auch die Melodik von eigenartig exotischem oder impressionistischem Reiz ist.

Eine Ensembleleistung

Musikalisch wurde der Abend zu einer starken Ensembleleistung des Kieler Theaters, das ohne Gäste auskam. Mit Mercedes Arcuri hat es einen warmen und fein timbrierten Sopran, der empfindsam die Charakterunterschiede der beiden Frauen, der glutherzigen Semfira und der verzweifelten Francesca, zu differenzieren verstand. Unter den Männern beeindruckte vor allem Timo Riihonen. Großartig strukturierte er mit seinem bis in die Tiefe festen und charaktervollen Bass die lange, auch kontrastreiche Erzählung des Alten, Semfrinas Vater. Ks. Jörg Sabrowski gelang mit seinem kraftvollen Bariton stimmlich pointiert Aleko und Lanciotto Malatesta gleichermaßen in ihrer Verzweiflung und Liebe lebendig zu machen. Und auch Yoonki Baek setzte seinen kräftigen Tenor als Nebenbuhler Alekos und als Paolo Malatesta spielfreudig und klangvoll ein. In den kleineren Partien überzeugten Anka Perfanova als Alte Zigeunerin, Matteo Maria Ferretti als Schatten von Vergil und schließlich Fred Hoffmann, der dem Dante Gestalt und Stimme gab. Mit Bravour löste der Chor die vielen musikalischen Aufgaben vom geisterhaften bouche fermée bis zu groß angelegten Sätzen, einstudiert von Lam Tran Dinh. Und auch das Orchester unter Leitung von Daniel Carlberg leistete Beachtliches, die vielgestaltige Partitur Rachmaninows zum Klingen zu bringen.

Fazit

Eine bemerkenswerte Entdeckung, sehens- wie hörenswert präsentiert!

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