Zwischen Bauhaus und Science Fiction: In Dessau startet Wagners „Ring“ mit der „Götterdämmerung“


(nmz) -
Übers Land geht eine „Ring“-Welle. Viele Theater wagen sich wieder an Wagners Tetralogie – oft zum wiederholten, manche zum ersten Mal. In Sachsen-Anhalt hat es Halle (in Kooperation mit Ludwigshafen) noch nicht bis zum „Siegfried“ gebracht, da beginnt das Anhaltische Theater im benachbarten Dessau-Roßlau schon seinen eigenen „Ring des Nibelungen“ - mit der „Götterdämmerung“
18.05.2012 - Von Andreas Hauff

Doubletten im Spielplan benachbarter Häuser sind dann ein Gewinn, wenn sich der ästhetische Ansatz unterscheidet. Schon insofern hat André Bücker, Regisseur und Intendant in Dessau, die Weichen richtig gestellt, wenn er entgegen üblicher Praxis den Zyklus von hinten aufrollt und damit der Entstehungsgeschichte von Wagners Handlungsgerüst und Libretto folgt. Und während im Regelfall die „Götterdämmerung“ nach Vollendung eines „Rings“ schnell vom Spielplan  verschwindet, hat das Publikum in Dessau bis zur geplanten Abrundung der Tetralogie beim internationalen Richard-Wagner-Kongress im Mai 2015 endlich einmal die Chance, das Schlussstück häufiger zu erleben.

Eine zweite Überlegung zur Inszenierung lässt gleichfalls aufhorchen: „Das Werk kann in Dessau nicht ohne Erinnerung an die Klassische Moderne gelesen werden, die vor Ort vor allem während der Bauhaus-Jahre 1926-1932 Gestalt gewann.“ Erinnert wird in Programmheft und Vorankündigung ausdrücklich an die Bauhaus-Meister Walter Gropius, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer und László Moholy-Nagy. Ausdrücklich wollen André Bücker und seine Mitarbeiter Jan Steigert (Bühne), Suse Tobisch (Kostüme), Frank Vetter und Michael Ott (Projektionen) an Wieland Wagners Bayreuther Wagner-Erneuerung anknüpfen. Sie beziehen aber zugleich auch Stellung in der Diskussion um Profil und Identität der von Spardiskussionen geschüttelten Doppelstadt an Mulde und Elbe. Zukunft lässt sich in Dessau-Roßlau nur gewinnen, wenn das Erbe der kurzen, aber fruchtbaren Bauhaus-Jahre nicht nur nach Außen dem Image der Stadt dient, sondern auch intern wieder kreative Energien freisetzt.

Dass Dessau seiner reichen Wagner-Tradition wegen lange Zeit als „Bayreuth des Nordens“ galt, die letzte komplette Neuinszenierung des gesamten „Ring“-Inszenierung aber schon 1953/54 herauskam und in veränderter Ausstattung letztmals 1963 gespielt wurde, ist ein weiteres Argument für das ambitionierte Projekt. Und man ist neugierig, welche Botschaft für die Gegenwart das Anhaltische Theater in der „Götterdämmerung“ entdeckt. Immerhin steht die laufende Spielzeit unter dem beziehungsreichen Motto „Glühende Landschaften“.

Tatsächlich sind Stilwille und Originalität der Inszenierung nicht abzusprechen. Abstrakte Farb- und Lichtwirkungen überziehen in ungewöhnlicher Intensität Vorder-, Seiten- und Hinterbühne. Oft sind es geometrische Figuren in Rot, Gelb oder Blau, in Weiß und in Schwarz, die sich in verschiedene Richtungen bewegen, der Verdichtung oder Verdunkelung unterliegen. Wie auffällige Fremdkörper erscheinen in dieser Umgebung eine goldene Scheibe und ein goldener Ring. Zwischenzeitlich erscheinen im Hintergrund germanische Runen, im 2. Akt auch grotesk wirkende, archaische Figurinen. Manchmal mutet die Bebilderung überladen oder beliebig an, doch allemal bleibt die Bühne als eine zweite Schicht über der Musik in Bewegung, während die eigentliche Inszenierung durch Sparsamkeit und Statuarik geprägt ist. Obwohl in der Regel gut verständlich, ist der Text über die Bühne projiziert, und so entsteht oft eine Art dezent bebildertes Lesetheater, in dem der Zuschauer bewusst den Beziehungen zwischen Musik, Handlung und Bebilderung nachspüren kann.

So bleibt viel Raum für die Wirkung der Musik und die stimmliche, artikulatorische und darstellerische Präsenz der Sänger. Am Ende wird das Premierenpublikum während von den Ensemblemitgliedern besonders Iordanka Derilova als großartige Brünnhilde, Rita Kapfhammer als anrührende Waltraute (und zusätzlich Floßhilde und 1. Norne) und Ulf Paulsen als eindrucksvollen Gunther feiern. Unter den Gästen stach der gebürtige Roßlauer Stephan Klemm in der Schlüsselrolle des ebenso wachen wie finsteren Drahtziehers Hagen hervor. Der von Helmut Sonne einstudierte Opernchor (unterstützt durch den Extrachor und den freien Opernchor „choruso“) fesselte durch Timbre, Artikulation, Nuancierung und szenische Beweglichkeit. Die Anhaltische Philharmonie unter GMD Anthony Hermus überzeugte im 1. Akt noch nicht in jeder Phrasierung und nicht an jeder exponierten Solostelle, aber diese kleineren Unsicherheiten legten sich immer mehr zugunsten eines wirklich imponierenden, farbigen, souverän atmenden Duktus, der die Musik als organischen Bestandteil eines zunehmend fesselnden Gesamtkunstwerks erscheinen ließ.

Dabei hat die Regie den Akteuren eine durchaus gewöhnungsbedürftige, da mehr oder weniger stark ritualisierte Körpersprache auferlegt. Sie ist wesentlich geprägt von Bewegungen der Arme und Hände geprägt und erinnert stark an das barocke Gestenrepertoire, wie es 2009 in Karlsruhe die belgische Regisseurin Sigrid T’Hooft an Händels „Radamisto“ vorgeführt hat. Die Figuren der Handlung wirken auf diese Weise gefangen in Rollen oder Konventionen, allerdings in unterschiedlicher Intensität. Brünnhilde und Hagen agieren relativ natürlich und strahlen selbstbewusste Autorität aus. Ganz anders – und zunächst gewöhnungsbedürftig - Siegfried: Weiß geschminkt und gekleidet, mit roten Lippen und rotem Haarkranz, wobei ihn das in einem Köcher auf dem Rücken (!) getragene Schwert überragt, ist er alles andere als ein blonder germanischer Held, sondern wirkt wie eine Mischung aus Clown, Teletubbie und Roboter. Die Beine stecken in hohen Stiefelschäften, die ihn zum Stechschritt zwingen, und mit weit ausholenden Armen stakst er unternehmungslustig über die Bühne. Am Ende bleibt sogar die Leiche in den Stiefeln stehen. Wie Arnold Bezuyen daraus eine tragikomische Figur macht, die in ihrer verzweifelten Ernsthaftigkeit schon wieder Würde ausstrahlt, ist eine Leistung für sich. Dass er dabei sängerisch in der Höhe bisweilen etwas angestrengt wirkt, ist dabei durchaus noch im Einklang mit der Rolle.

Sehr geschickt nutzt die Inszenierung die ungewöhnlich tiefe und breite Bühne. Hinten erscheint als Walkürenfelsen ein zunächst monolithischer schwarzer Block, der sich zur Treppe auffächern und zudem in den Vordergrund schieben lässt. Vorne fährt aus dem Boden eine Gestängekonstruktion mit drei Aufzügen, die vor allem als Gibichungenhalle dient. Wenn sie seitlich von Vorhängen umfasst ist, erinnert sie – als Anspielung auf die industrielle Tradition des Standortes Dessau – an ein Gasometer. Viele Auf- und Abgänge finden über eine Plattform im Bühnenboden statt – auch dies ein Ausdruck der Abstraktion. Der armreifgroße Ring und die Speere, Schwere und Schilfrohre symbolisierenden Leuchtstäbe der Darsteller bleiben die einzigen sichtbaren Requisiten. Es gibt weder Horn noch Holz, nicht Boot noch Strom, nicht Vogel noch Ross. Die szenischen Verwandlungen aber gelingen perfekt und ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich – um den Preis aber auch, dass „Siegfrieds Rheinfahrt“ zur Hintergrundmusik des Umbaus schrumpft.

In der irritierten Zuschauer-Bemerkung, die Theaterleute hätten wohl „zuviel Science Fiction gesehen“, spiegeln sich Stärke und Schwächen des Regiekonzepts. Unzweifelhaft ist dieser „Ring“ nicht von Gestern: Er rührt nicht in der germanischen Mythensuppe. Er ist aber auch nicht wirklich von Heute, wirkt bei allem Verzicht auf verkrampfte Aktualität und trotz aller Bauhaus-Farben und -Formen seltsam zeit- und ortlos, vielleicht wirklich futuristisch. Am Ende sieht man Siegfried vor dem kohlrabenschwarzen Kubus im Hintergrund in einem Stuhl – wie aufgebahrt zur Leichenverbrennung. Dass der Tote den Arm mit dem Ring noch einmal drohend erhebt, überrascht zwar, entspricht aber Wagners Regieanweisung. Brünnhilde gibt den Ring zurück und steigt auf den angedeuteten Scheiterhaufen. Hagen verschwindet mit den Rheintöchtern in der Versenkung, und Gutrune (Angelina Ruzzafante), die an Gunthers Leiche trauert, wird im Gestänge eingeschlossen. Siegfried aber steigt aus seinem Sitz, kommt nach vorne - und entpuppt sich als ein durchaus lebendiges Kind.

Bühnentechnisch ist dieser Schluss ein raffiniertes Spiel mit der Perspektive. Inhaltlich ist er eine Wendung, die schon Ferrucio Busoni in seinem antiwagnerischen Gesamtkunstwerk „Doktor Faust“ (UA 1925) vorweggenommen hat. Auch hier inkarniert sich als Ausdruck der Hoffnung der tote Held in der jungen Generation wieder neu. Bischof Wolfgang Huber, ehemals Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, hatte es anderntags bei seiner Theaterpredigt in der Johanniskirche nicht schwer, die inhaltliche Brücke zur biblischen Offenbarung des Johannes zu schließen – mit der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Trotzdem erinnert das Ende dieser Dessauer „Götterdämmerung“ auch an die etwas zwanghafte Beschwörungsformel in Bertolt Brechts „Gutem Menschen von Sezuan“. Dort soll sich das Publikum selbst den Schluss ausdenken: „Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“ Aber in der Tat: In den glühenden, aber nicht blühenden Landschaften nordöstlich von Sachsen liegt genau hier die Herausforderung. Mit brennenden Landschaften, Untergangsvisionen und Todesrausch ist hier niemandem gedient.

Weitere Termine: 20.05.12, 03.06.12, 30.06.12

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