Zwischen Burleske und Tragik – Giuseppe Verdis „Ein Maskenball“ in Bremen


(nmz) -
Michael Talke kann Geschichten erzählen. Das sollte für einen Opernregisseur selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Dazu, wenn wie im Fall von „Un ballo in Maschera“ von Giuseppe Verdi, der kompositorische Stil nicht immer eindeutig ist: in keiner anderen Oper von Verdi wechselt die Burleske mit Tragik derart stark wie in dem 1859 entstandenen Werk, in keiner anderen Oper geht es fast immer um Verstellung. Talke hat überragende – intelligente, witzige und sinnliche – Arbeiten in Bremen gezeigt: Verdis Rigoletto, Rossinis Barbier von Sevilla, Strawinskis Rakes Progress. Dies ist seine fünfte Arbeit, die wiederum mit starkem Beifall endete.
24.10.2018 - Von Ute Schalz-Laurenze

Schon im Interview hatte Talke zu verstehen gegeben, dass ihn die Frage nach den Verschwörern, die den schwedischen König Gustav III ermorden wollen, fast mehr umtreibt als die verhängnisvolle Dreiecksgeschichte, die der Librettist Antonio Somma hineinverflochten hat. Gleich zu Anfang drängen schwarz gekleidet die sechs Verschwörer im Zeitlupentempo ins Geschehen und ziehen immer mehr aus dem Chor mit, am Ende auch seinen Freund Renato. Der Palast stürzt zusammen, symbolisch für den Zusammenbruch der permanent feiernden oberflächlichen Gesellschaft, den Gustav mit seinem leichtsinnigen Verhalten und Renato mit seinem nur noch komisch wirkenden männlichen Racheeifer verantworten.

Ein interessantes Spannungsmoment erzeugt Talke mit den Bühnen- und Kostümbilderinnen (Barbara Steiner und Regine Standfuss), in dem sie die ProtagonistInnen in den rokokoartigen Kostümen der wirklichen Ermordungszeit (1792) spielen lassen. Dies allerdings nur angedeutet und weitgehend verkommen wie aus billigen Second-Hand-Läden. Das ergibt diese seltsame Morbidität und Doppelbödigkeit, die den ganzen Ansatz ausmacht und hinreißend schlüssig gelungen ist.

Auch die Hauptpersonen bewegen sich zwischen berührender Realität und gleichzeitig fast brechtischen Darstellungstechniken. So, wenn Renato seine Eifersucht fast karrikatural regelrecht abfeuert, wenn Gustavo seine Verzicht-Arie derart innerlich singt, dass er sich in keiner realen Szene mehr zu befinden scheint. Wenn Amelia häufig zu aufgesetzten klischeehaften Diven-Bewegungen greift usw. Auch im Liebesduett dürfen sie und Gustavo zwei kaum spielen, sie stehen da wie in einer konzertanten Aufführung. Dazwischen agieren der Kobold Oscar, als Hosenrolle sozusagen ein historisches Zitat, das an Cherubino erinnert und das zweite Ich des leichtfertigen Gustavo ist und die archaische Wahrsagerin Ulrica, jene geheimnisvolle Zwittergestalt zwischen Aufklärung und Aberglauben.

Dirigent Marco Comin debütierte in Bremen und hinterließ einen überzeugenden Eindruck. Wie diese Partitur zwischen Party- und Operettenstimmung und tragischen Klangfarben schillert, das arbeitete er mit den Bremer Philharmonikern vielversprechend heraus. An erster Stelle der SängerInnen darf Birger Radde als Renato genannt werden, beglückend mitreißend sitzt seine charismatisch schöne Stimme. Aber auch Luis Olivares Sandoval als Gustavo und Patricia Andress als Amelia bieten bestes bel canto mit berückenden Pianotönen. Romina Boscolo als Ulrica und Irina Dziashko als Oscar ergänzten das Ensemble perfekt. Insgesamt ein wunderbarer Abend, der sich auf das klare Erzählen der doppeldeutigen Geschichte fokussierte.

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