Das Thema öffentlich-rechtlicher Rundfunk, wohin geht es, zieht sich durch die komplette November-Ausgabe. In unserem nmz-Gespräch kommt der Neue-Musik-Redakteur des WDR, Anselm Cybinski zu Wort.
Trifft die Auswahl beim WDR: Anselm Cybinski. Foto: Roland Baege/WDR
„Ein wirklicher Möglichkeitssinn“
neue musikzeitung: Herr Cybinski, Sie haben lange für privatwirtschaftliche Musikunternehmen gearbeitet. War für Sie der Wechsel zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein Kulturschock?
Anselm Cybinski: „Kulturschock“ wäre zu viel gesagt. Aber ich bekam gleich den Rat, mir alles genau anzuschauen. Präge dir die ersten Eindrücke ein, wurde mir gesagt, weil du sehr schnell, quasi osmotisch aufnehmen wirst, was hier Standard ist! Alle Abläufe sind irrsinnig arbeits-und kleinteilig. Jeder Arbeitsschritt wird in strikte Workflows eingespeist. Aber wenn man sich da als Menschen begegnet, erlebt man enorm viel intrinsische Motivation, in allen Abteilungen.
nmz: Welchen Rückhalt haben Sie und die neue Musik im WDR? Ideell, finanziell, personell?
Cybinski: Die Ausstattung der Redakteursstelle entspricht den Bedingungen, die schon mein Vorgänger Patrick Hahn hatte. Bei WDR 3 gibt es viele Menschen, die eine persönliche Affinität zur neuen Musik haben und wollen, dass sie in den Angeboten des Senders eine Rolle spielt. Im WDR Sinfonieorchester spielt eine junge Generation, die gut versteht, warum neue Musik Teil ihrer Mission und auch Daseinsberechtigung ist. Die Musikerinnen und Musiker reagieren sehr aufgeschlossen, auch auf sehr komplexe Partituren. Klar ist aber auch, dass ich nicht als Elfenbeinturmbewohner auftreten darf, sondern aktiv dafür werben muss, wie faszinierend die von mir vertretene Musik sein kann.
nmz: Der schnelle Weggang Ihres Vorgängers hat den Verdacht genährt, die Stelle sei mit Festival, Konzertreihe, Produktionen, Sendungen überfrachtet und kaum mehr leistbar.
Cybinski: Es ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, inhaltlich und quantitativ, auch weil sie personell eher knapp ausgestattet ist. Das ist hier im Sender auch allen bewusst. Man muss verschiedene zeitliche Horizonte synchronisieren, wöchentliche Sendungen, jährliches Festival, Saisonplanung mit Konzerten. Wenn man sich in die Systeme hineinfindet und Teamarbeit gut organisiert, lässt sich einiges aber auch delegieren.
nmz: Sie haben für Labels, Festivals und Ensembles gearbeitet, die überwiegend klassisches Repertoire pflegen. Haben Sie dort etwas vermisst, was Sie bei der neuen Musik finden?
Cybinski: Vermisst habe ich das grundsätzliche Nachdenken über Musiken, die sich jenseits etablierter Standards entfalten. Lachenmanns Gedanke „Komponieren heißt: ein Instrument bauen“ ist mir sehr nahe, also das Hinterfragen der Bedingungen und der Verfahren, ihrer Sinnhaftigkeit und Kommunikationsmodi. In einer stark kommerzialisierten Welt ist das heute wichtiger denn je. Mich reizt die Begegnung mit den Individuen der neuen Musik, weil das Menschen sind, die sehr ungewöhnliche Fragen an ungewöhnliche Problemstellungen herantragen und dabei zu überraschenden Antworten gelangen.
nmz: Hat neue Musik eine bestimmte Aufgabe in unserer Gesellschaft?
Cybinski: Sie hat die Aufgabe, nachzuweisen, dass es sich lohnt, es sich schwer zu machen. Es gibt hier immens talentierte Menschen, wenn die ins Silicon Valley gegangen wären, hätten sie vermutlich schnell viel mehr Geld und Bekanntheit erlangt. Sie haben sich aber für etwas Hochriskantes, Hochungewisses und auch Hochversponnenes entschieden, mit großer Obsession, Unbedingtheit und Geduld, denn es muss doch noch andere Wege geben als die bereits gebahnten. Da wird ein wirklicher Möglichkeitssinn kultiviert.
nmz: Hat sich Ihre Sicht der neuen Musik geändert, seit Sie ein zentraler Akteur der Szene sind?
Cybinski: Ich sehe, dass der Wunsch nach einer Verbindung mit dem restlichen Musikleben stärker geworden ist. Man erkennt die Gefahr von Vereinzelung, des Verharrens in einer Partikularwelt, aus der es vielleicht kein Zurück in eine allgemeinere Wahrnehmung mehr gibt. Es gibt eine Offenheit für kommunikative Annäherung und Vermittlung. Ich selbst möchte die im WDR verankerte deutsch-französische Perspektive gerne global weiten, um noch eine andere ästhetische Vielfalt zu bekommen. Ich würde gerne zeigen, dass neue Musik als Manifestation heutiger Empfindungs- und Denkweisen auch eine größere Öffentlichkeit angeht.
nmz: Im April haben Sie erstmalig die Wittener Tage für neue Kammermusik geleitet, deren Programm noch Ihr Vorgänger zusammengestellt hat. Wie haben Sie das Festival erlebt? Was planen Sie selbst?
Cybinski: Witten strahlte für mich eine freundliche, auch tolerante Atmosphäre aus, obwohl die Gedrängtheit des Programms doch fordernd war. Den Samstagnachmittag möchten wir 2027 bei freiem Eintritt anbieten, um mehr Menschen in der Stadt anzusprechen. Weil der Saalbau 2028 renoviert wird, überlege ich, zuvor nochmals ganz gezielt hierher einzuladen. Ich habe mir auch viele andere Spielstätten in der Stadt angesehen. Als Radiofestival geht es uns allerdings nicht in erster Linie darum, tolle Live-Erlebnisse und bunte Szenerien zu kreieren. Ich muss darauf achten, dass gute Aufnahmen entstehen. Es gibt in der neuen Musik diese einseitige Fokussierung auf den ästhetischen Gehalt der Novitäten, während die Energie der Aufführung selbst ziemlich ausgeblendet wird. Das ist eine Extremposition, die den Entwicklungen im Musikleben komplett zuwiderläuft. Daran will ich etwas ändern. Ich möchte, dass die Leute auch einfach spontan reagieren können auf das, was gerade musikalisch passiert. Deswegen wird 2027 das Sensorische eine zentrale Rolle spielen.
nmz: Meist werden nur Stücke beziehungslos aneinander gereiht. Wechselnde Präsentationsweisen könnten die Wahrnehmung mehr auf die Leistung der Interpretierenden lenken.
Cybinski: Mir ist das Thema bewusst. Der Standard ist halt immer noch, dass Komponistinnen und Komponisten Aufträge für eine bestimme Besetzung und Dauer erteilt bekommen. Nächstes Jahr werden in Witten mehrere in sich homogen besetzte Quartette auftreten: Saxophonquartett, Gitarrenquartett, Streichquartett und wahrscheinlich auch Schlagzeugquartett. In ineinander verschränkten Programmen sollen sie auch direkt aufeinandertreffen. Das Festival soll einen hedonistischeren Anteil bekommen. Am liebsten in Einklang mit der Stadt Witten, die sehr froh ist, dieses Festival zu haben.
nmz: Neue Kammermusik und Hedonismus?!
Cybinski: Ja, warum nicht? Mein Ideal ist der Typus des erkenntnishungrigen Hedonisten. Auch diese Musik kann einen lustvollen Aspekt haben und Spaß machen! Das Ganze soll haptischer werden. Was gar nicht ausschließt, dass auch entbehrungsreiche, schwierige, fordernde Dinge geschehen.
nmz: Zentral für das aktuelle Musikschaffen sind Ensembles, Elektronik, Intermedialität, neues Musiktheater, alternative Formate. Ist es da sinnvoll, dass sich „Musik der Zeit“ auf die Mitwirkung des WDR Sinfonieorchesters beschränkt?
Cybinski: Wir haben den Auftrag, ins gesamte Sendegebiet hinauszugehen. Deshalb finden von den fünf bis sieben Terminen pro Spielzeit nicht alle in Köln statt. Das WDR Sinfonieorchester spielt einfach auf einem ganz fantastischen Niveau, weshalb es mich juckt, auch damit zu arbeiten. Aber die Konzentration darauf ist kein Dogma. Ich würde gerne auch die freie Szene mehr einbeziehen. Und ich möchte dem klassischen Konzertpublikum signalisieren, dass hier die besten, relevantesten Stücke geboten werden.
nmz: Wie verbinden Sie Internationalität mit der regionalen Verantwortung für die neue Musik in NRW?
Cybinski: Mein Lieblingsspruch ist: Misstraue den eigenen Vorurteilen! Ich bekomme sehr viele Emails von Musikschaffenden. Ich versuche, das alles wahrzunehmen, weil es immer Perspektiven öffnen könnte. Zen-Geist ist Anfängergeist. Wenn etwas deinem eigenen Bild der Sache widerspricht, dann versuche, diese Divergenz zu bestimmen! Wir haben in der Klassik dieses schreckliche Top-Down-Denken: Wer operiert gerade auf welchem Level der öffentlichen Aufmerksamkeit? Es wäre gut, ohne Raster zu sein und die Dinge an die eigenen Ohren dringen zu lassen. Das Spannende befindet sich mitunter direkt vor der eigenen Haustür!
nmz: Als WDR-Redakteur entscheiden Sie, welche Musik geschrieben, aufgeführt, gesendet, gehört, besprochen und damit als ein Teil unserer Gegenwart wahrgenommen wird – und welche nicht. Wie treffen Sie Ihre Auswahl?
Cybinski: So wie ich sozialisiert bin, suche ich vor allem nach der relevantesten Musik als Klangkunst. Ich bin weniger der transmediale, diskursgetriebene Musikermöglicher, sondern jemand mit großer Liebe zur Form des Konzerts. Für mich steckt da immer noch genügend dissidentisches Potential drin. Gerade auch bei Musik, die einem gewissen Autonomiegedanken folgt und sagt: Ja, wir machen etwas, das nicht unmittelbar „nützlich“ ist und auch nicht über jedes Stöckchen springt, das uns Trends und Moden vorgeben, sondern das auf sehr grundlegende Weise Forschung betreibt. Dafür kann ich stehen, dafür habe ich auch die Ohren und ein paar Kategorien.
nmz: Was ist „relevant“? Warum? Für wen?
Cybinski: Die ehrliche Antwort kann nur lauten, sich bewusst zu machen, in welchem Kontext man arbeitet, also mit Klangkörper, Rundfunk, Konzertformat, Rezeptionsweisen. Relevant bemisst sich danach, ob die Freiheitsräume und die Sprengkraft der Kunst in den bestehenden Strukturen auch entfaltet werden.
nmz: Verstehen Sie sich eher als Ermöglicher, der der entstehenden Musik zu Aufführungen verhilft, oder als Gestalter, der eigene dramaturgische Vorstellungen hat und gezielt Werke dafür in Auftrag gibt?
Cybinski: In Michelangelos Sonett 151 heißt es: „Selbst der größte Künstler hat keine Idee, die dem Marmor selbst nicht schon eingeschrieben ist.“ Wir träumen davon, Gestalter zu sein, und sind doch in erster Linie Ermöglicher. Aber je mehr man in der Interaktion mit Musikschaffenden steckt, desto genauer spürt man, wo man selbst Impulse setzen sollte. Je mehr Menschen ich kennenlerne, desto stärker wird mein Bewusstsein für die Wirksamkeit meiner Intervention. Ich spreche auch proaktiv Menschen an, ob sie dieses oder jenes gerne machen würden. Allein der Motivationsunterschied, den es für Künstler ausmacht, wenn man ihnen gespannt zuhört, ist schon mitgestaltend.
nmz: Der gebührenfinanzierte Rundfunk verliert seit Jahren an Legitimation in Politik und Gesellschaft, wird zum Sparen gezwungen, von manchen generell abgelehnt. Zuletzt konnte sich Kulturstaatsminister Wolfgang Weimer sogar eine Privatisierung des ZDF vorstellen. Was sagen Sie dazu als Radiomacher?
Cybinski: Unabhängige Berichterstattung ist entscheidend für die Hygiene unseres Zusammenlebens. Gerade in Zeiten, da Armeen von Desinformations-Bots versuchen, unser demokratisches System zu destabilisieren. Wichtiger denn je sind Pluralität, Professionalität, Wahrhaftigkeit und die Unabhängigkeit von rein kommerziellen Erwägungen. Das sind entscheidende Voraussetzungen dafür, dass unser regelbasiertes Gemeinwesen einigermaßen stabil bleibt, auch wenn sich die Mehrheitsverhältnisse gerade in die politischen Extreme verlagern. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seiner Vielfalt an Angeboten und seinem diversen Kulturbegriff ist da ein ganz wichtiges Instrument. Weil linearer Rundfunk jedoch immer weniger wahrgenommen wird und gezieltes Hören gegenüber der Nutzung als Begleitmedium noch stärker rückläufig ist, haben wir alle die Aufgabe, jeden Tag aufs Neue auszutarieren, wie wir den Erwartungen gerecht werden können: unter hohem Spardruck Mehrheitskompatibilität mit der Repräsentation von Breite und Vielfalt zu verbinden.
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