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Mitglied von „Gruppe 8“ und „Linksradikalem Blasorchester“. Foto: H. Kumpf

Mitglied von „Gruppe 8“ und „Linksradikalem Blasorchester“. Foto: H. Kumpf

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Ästhetischer Brigant und Freibeuter

Untertitel
Zum Tod des Komponisten Rolf Riehm
Vorspann / Teaser

„Bilder des Begehrens und Vernichtens“ hatte Rolf Riehm den „Sirenen“, uraufgeführt 2014 in der Oper Frankfurt, als Untertitel mitgegeben. Die Oper setzte die mythischen Figuren Odysseus und Kirke, ihren gemeinsamen Sohn Telegonos sowie die Sirenen ins Zentrum und folgte dem absichts- und ausweglosen Erzählen, Lügen und Morden, das sie miteinander anrichten.

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Dabei ging es weniger um den frühantiken Mythos als um eine heillose Gegenwart. Sie lieferte für Riehms hellwach beobachtendes und fragendes politisches Bewusstsein die Anlässe. Mythische Erzählungen enthalten eine Grammatik von Handlungsverläufen, über die er 2007 in seinem Essay „Mythos und Gegenwart“ schrieb: „Die Antike war offenbar der Zeitpunkt, an dem Konflikte, überhaupt die Dynamik menschlicher Belange, in einer Weise formuliert und dramatisiert wurden, die für spätere Generationen bis zu der unsrigen als sprachliche und kommunikative Figuren Modellcharakter hat.“

Die Schrecken der Gegenwart haben also in den Mythen uralte Resonanzräume – ein guter Grund, Mythen neu zu erzählen und als Erzählung der Gegenwart und Zukunft zu verstehen.

Riehm schuf dafür eine einzigartige Musiksprache. Er arbeitet mit stilistischen Versatzstücken, die er „Samples“ nannte, kombinierte sie nach semantischen Kriterien oder ballte sie zusammen, schuf enorme Tiefenstrukturen durch widersprüchlich-reichhaltige Verweise, zersplitterte melodische und harmonische Einheiten, erzeugte grelle Dissonanzen und bruitistische Materialgeräusche zwischen tonalen Gesten, melodischen Verneigungen und elektronischen Zuspiel-Phrasen. Seine Musik wirkte zuweilen verstörend, Sängerinnen und Sängern seiner Werke mutet er allerlei zu.

Einer Bewegung oder Schule hat er sich nie zugehörig gefühlt und auch nie viel Energie darauf verwandt, sich von einer Bewegung oder Schule abzugrenzen. Er sah sich als „musikalischer Freibeuter. Ein ästhetischer Brigant, der sich den Fängen der Zeitläufte aussetzt.“ Riehm war Mitglied der Kölner Komponistenvereinigung „Gruppe 8“, erhielt 1968 die Auszeichnung „Premio Marzotto per la Musica“ und ein Stipendium der Villa Massimo, 1992 den Kunstpreis des Saarlandes, 2002 den Paul-Hindemith-Preis der Stadt Hanau und war seit 2010 Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Von 1974 bis 2000 war er Professor für Tonsatz an der Frankfurter Musikhochschule, wo sein heute prominentester Schüler Heiner Goebbels war.

Während eines relativ kurzen Zeitraums sah er für sich einen „schwierigen, aber gangbaren Weg dahin, die technischen Errungenschaften der neuen Musik für eine politisch funktionierende nicht ganz abzuschreiben“. Das war die Zeit des sogenannten Linksradikalen Blasorchesters, zu dem Heiner Goebbels ihn 1976 eingeladen hatte und das sich 1981 wieder auflöste. Riehm hat das Repertoire des Blasorchesters mit markanten eigenen Kompositionen bereichert, war auf Demonstrationen gegen Pershing-Stationierung und Atomkraftwerke unterwegs und trat bei „Rock gegen Rechts“ auf.

Seine Arbeit als „Komponist moderner E-Musik (das bedeutet vor allem: fürs Verständnis mühsame Musik)“, wie er sich im Booklet der zurückblickenden Blasorchester-Doppel-CD des Trikont-Verlages selbst charakterisiert, hat er dafür nicht unterbrochen. Kurz nach der Auflösung des Blasorchesters wurden seine „Tänze aus Frankfurt“ beim Hessischen Rundfunk uraufgeführt – ein, wie er selbst formulierte, „ästhetisches Widerspiel meines Lebens in Frankfurt“, das „keinen roten Faden und auch keinen optimistischen Humus“ enthalte. Riehms Werk umfasst Solo- und Ensemblewerke, zahlreiche Orchesterkompositionen, teilweise mit Solist:innen und elektronischen Zuspielen.

Werke wie das 1984 in Donaueschingen uraufgeführte „O Daddy“ verbinden elektronische Medien und orches­trale Kraft zu einem Kommentar über Machtstrukturen und Abhängigkeiten. Riehm war in allen seinen Arbeiten ein unabhängig und multiperspektivisch reflektierender Künstler. Als Konstante seiner Arbeit bezeichnete er, dass er für Musikerinnen und Musiker schreibe: „Wozu ich keinen Zugang habe: Meine Kompositionspraxis auf computergestützte oder computergenerierte Technik zu übertragen. Das möchte ich nicht machen. Ich möchte immer jemanden vor mir haben, der musiziert und der sich einbringt.“

Am 3. Januar ist Rolf Riehm gestorben.

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