Die „singuhr“ feiert dreißigjähriges Jubiläum. Bereits seit drei Jahrzehnten kuratieren Carsten Seiffarth und Markus Steffens in Berlin nun Klangkunst-Projekte, holen renommierte Künstler:innen wie Maryanne Amacher oder Erwin Stache in die Hauptstadt und laden Berliner:innen ein, die Innen- und Außenräume ihrer Stadt über die auditive Ebene noch einmal ganz neu und intensiv kennenzulernen. In dreißig Jahren hat sich dabei natürlich vieles getan; in der eigenen Arbeit des singuhr-Teams, in der Klangkunst-Szene und in der Stadt insgesamt. Die Chronologie und Topographie der mehr als 120 realisierten Projekte wird dabei zum Spiegel der städtischen Kunst- und Kulturgeschichte der Nachwendezeit.
Die letzte Seite der nmz 2026/06.
30 Jahre Klangkunst in Berlin
Alleine das Wort „Klangkunst“ hat seit den ersten Jahren der singuhr-Projekte mehrfache Bedeutungsverschiebungen erfahren. Viele neuere Klangkunstkonzepte verfallen immer öfter dem Sensationalismus und Spektakel. „Immersion“ und „Interaktivität“ werden zu Schlagwörtern der Szene, während bei den Installationen aus allen Richtungen Höreindrücke auf das Publikum einprasseln und sich im Sekundentakt der Raum verändert. „Klang-technische Einzelhaft“ nennt Seiffarth solche überladenen Konzepte scherzhaft und betont, dass es bei den singuhr-Installationen bis heute immer darum geht, eben gerade nicht zu überwältigen, sondern vielmehr dazu einzuladen, Materialität und Raum über die Ebene der Klanglichkeit selber zu erschließen und mit offenen Ohren zu erkunden. Besucher:innen werden selbst zu Mitgestaltern ihres Klangerlebnisses, da sich das zu Hörende je nach eigener Positionierung im Raum und je nach individuellem Fokus verändert. Jede individuelle Erfahrung im Zusammenspiel mit der Klanginstallation wird so zum Unikat, genau wie jedes Klangkunstprojekt der singuhr in sich immer ein Unikat ist.
Auch die technischen Möglichkeiten der Installationen wandelten sich im Laufe der Jahre. Aufnahme- und Wiedergabegeräte wurden in ihrer Präzision und klanglichen Tiefe immer ausgereifter und komplexer, gleichzeitig erhöhte sich aber auch die Handhabbarkeit und Zugänglichkeit der Soundtechnik, sodass immer mehr Menschen persönliches Interesse am technischen Umgang und Experimentieren mit elektronischem Klang gewannen. Trotzdem wurde die Klangkunst dadurch nicht zum Selbstläufer. Die technischen Mittel ersetzen nicht die Aufgabe der Künstler:innen, die Klangqualitäten des Raumes zu erforschen, Material, Klänge und Positionen zu wählen und ein künstlerisches Konzept und Thema zu erarbeiten. Entgegen der Schnelllebigkeit und dem Sensationalismus von Festivals, die heutzutage die Landschaft der Kulturveranstaltungen zu dominieren scheinen, positioniert Seiffarth die Idee der Klangkunst und das Medium der Klanginstallationen als bewusst zeit- und raumintensives ästhetisches Erleben, welches dadurch zu einer besonders intimen auditiven Kunstform wird. Die gesellschaftliche Nachfrage nach solch entschleunigter Kunst hat in den letzten Jahren wieder stark zugenommen, zumindest wenn man Social-Media-Trends rund um „digital detoxing“ und „slow media“ Glauben schenken mag. Dieser neu entfachte Hype für „awareness“-betonte Kunst und Musik kommt den Grundprinzipien der singuhr-Projekte zwar entgegen, Carsten Seiffarth und Markus Steffens wollen sich in ihrer Tätigkeit und Projektplanung dennoch nicht bestimmten Moden anbiedern oder einfach das Fähnchen in den Wind halten; schließlich kann man bereits stolz auf eine lange eigene Tradition künstlerischer Schaffens- und Reflexionsprozesse verweisen.
Über drei Jahrzehnte hinweg entwickelte sich in Berlin für die singuhr also manches zum Positiven, manch anderes leider zum Negativen. Wo man einst mietfrei und ohne große Auflagen kreativen Mehrwert aus Bauruinen schaffen konnte, scheitert es heute vielerorts an hohen Mietkosten und strengen räumlichen Nutzungsprofilen hübsch sanierter Hauptstadtimmobilien. Auch die Konkurrenz ist über die Jahrzehnte größer geworden, was zwar einerseits gut für eine lebendige und diverse Berliner Kunstszene ist, es andererseits für das ausschließlich projektfinanzierte singuhr-Team deutlich mühsamer macht, Geld für die eigenen Installationen bewilligt zu bekommen. Denn Planung, Aufbau und Betreuung der teils über Wochen klingenden Installationen sind kostspielig. Außerdem war es von Anfang an ein Kernanliegen der singuhr, Künstler:innen und ihre Kunst angemessen zu entlohnen. Für die staatliche Kulturförderung scheint es daher leider oft ökonomisch attraktiver, weniger Geld in kurze, medial einfach vermarktbare Events und Festivals zu stecken. Von alldem will sich das singuhr-Team aber nicht entmutigen lassen. Das dreißigjährige Jubiläum soll zwar ein gemeinsames Zusammenkommen, Zelebrieren und eine Rückkehr an altbekannte Räume sein – gipfelnd in dem Jubiläumsfest vom 29. bis 31. Mai – jedoch keineswegs ein Schlussstrich. Seiffarth ist motiviert, auch in kommenden Jahren die räumliche Erfahrungswelt Berlins stetig aufs Neue klanglich zu bereichern. Lediglich das „wie“ soll noch verhandelt werden; denn obwohl das dezentrale Wirken der letzten zwölf Jahre und die damit verbundene räumliche Vielseitigkeit ein ästhetischer Gewinn für Künstler:innen und Publikum waren, so sprüht gleichermaßen der Gedanke an eine lange nicht mehr dagewesene langfristigere Niederlassung und die Bildung eines kleinen Zentrums der Berliner Klangkunst wieder zunehmenden Reiz aus.
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